VG-Wort Pixel

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Partner kann überhaupt nicht mit Kritik umgehen, egal wie sanft ich sie formuliere

In vielen Beziehungen stehen Ängste zwischen den Partnern (Symbolbild)
Kritik zu äußern, ist in vielen Beziehungen nicht leicht (Symbolbild)
© martin-dm / Getty Images
Eigentlich läuft es zwischen Nina und ihrem Freund gut. Außer, wenn es das nicht tut. Kritik an sich kann er nur sehr schlecht ertragen und geht selbst in den Angriff über. Wie lassen sich die Konflikte konstruktiver lösen?

Sehr geehrte Frau Dr. Peirano,

vor etwa 1,5 Jahren habe ich meinen Partner kennengelernt. Ich war froh, einen  verlässlichen Mann mit ähnlichen Interessen kennen zu lernen, dem eine Partnerschaft  wichtig ist. Vor einem halben Jahr bin ich zu ihm gezogen. Seither haben wir zunehmend mehr Konflikte und weniger Harmonie.

Mein Partner ist sehr rational, hilfsbereit und extrem gewissenhaft. Auf einer rationalen  Ebene ist er sehr fürsorglich, aber für mich entwickelt sich wenig emotionale Tiefe und das  Zusammenwachsen im Alltag ist durch mehr Konflikte geprägt, als ich das kenne. 

Ich habe den Eindruck, dass seiner Wahrnehmung im zwischenmenschlichen Bereich etwas fehlt. Beispielsweise merkt er oft nicht, wenn ich eine Berührung nicht mag und seinen Arm wiederholt zur Seite lege. 

Spreche ich die Situation an, reagiert er schnell gekränkt und nach kurzer Zeit wiederholt er die Berührung genau gleich wieder. Ähnliche Situationen, meist bei Kleinigkeiten, gibts in verschiedenen Bereichen. Meinen Versuch, sein Verhalten zu spiegeln, nimmt er sofort als  unpassend wahr und spricht das auch an. Leider reflektiert er das aber nicht auf sich,  sondern wirft mir vor dass ich "Spielchen" mit ihm spiele, um ihn bewusst zu provozieren. 

Umgekehrt wenn ich etwas Zuneigung möchte, nimmt er das oft erst wahr, wenn ich meinen Wunsch direkt anspreche. Welche Gründe kann es geben, dass er solche Dinge schwer wahrnimmt oder reflektieren kann? In Konflikten reden wir oft aneinander vorbei und ich habe den Eindruck, er fühlt sich sehr leicht angegriffen. Wir kommen von einem zum nächsten Thema, statt eines zu lösen.  Im weiteren Verlauf übt er teils sehr harte, holistische Kritik. Er bricht das Gespräch dominant ab, wenn ich sage, wie verletzend oder nicht gerechtfertigt ich seine Aussage finde. Gleichzeitig reagiert er wütend und traurig darüber, dass ich eine Diskussion beginne. 

Obwohl ich oft überlege, wie ich etwas anspreche ohne zu kritisieren (Wünsche formulieren, "wir könnten doch…"), hört er Schuldzuweisungen und fühlt sich durch meine Forderungen unter Druck gesetzt. Dann findet er mich egoistisch (Ich-Botschaften), wenig wertschätzend der Beziehung gegenüber, unausgeglichen und streitsüchtig. Ja, ich bin zunehmend unausgeglichen, gereizt und traurig, vor allem weil ich mich unverstanden fühle und wir durch solche Situationen als Paar nicht zusammen wachsen. Übersehe ich etwas und triggere dadurch diese Konflikte?

Er hat sehr hohe Erwartungen an sich selbst und ist sehr bemüht, keine Fehler zu machen. Mir kommt vor, er überträgt diese Haltung auch auf mich. Ich bin nicht in diesem Ausmaß gewissenhaft und habe die Einstellung, solange man aus seinen Fehlern lernt, darf man auch welche machen. Immer wieder habe ich aber das Gefühl, er sei unzufrieden mit mir,  wenn ich seiner Einstellung nicht entspreche. 

Wie kann ich mir sein Verhalten erklären und welche Lösungsansätze sehen Sie? Manche Verhaltensformen erinnern mich an eine frühere narzistisch-manipulative Beziehung, unter der ich sehr gelitten habe. Obwohl sich meine aktuelle Beziehung in vielem anders anfühlt, lösen solche Situationen immer wieder Unsicherheit und Zweifel in mir aus. Mein Partner ist ehrlich und fair und ich habe schon den Eindruck, dass er ein gutes Herz hat. 

Mich trennen und mir wieder mein eigenes Leben neu aufbauen, möchte ich eigentlich nicht. Über Ihre offene Einschätzung und ihren Rat bin ich von Herzen dankbar!

Nina T.

Liebe Nina T.,

es ist immer sehr schwer, aus der Distanz zutreffend zu erkennen, was genau das Problem ist. Eines ist auf jeden Fall deutlich: Sie beide haben ein Kommunikationsproblem. Ihr Partner scheint Angst vor Kritik und offenen Gesprächen über Gefühle zu haben. Er versucht, durch sehr korrektes Verhalten und Beachtung von Regeln alles richtig zu machen, in der Hoffnung, dass es so zu keinen Konflikten kommt. Es hört sich für mich wie eine in der Kindheit erlernte Bewältigungsstrategie an: Wenn ich artig bin und alles richtig mache, bekomme ich keinen Ärger und Mama hat mich lieb.

Da Sie trotz seiner Selbstkontrolle unzufrieden sind, (was ich auch gut verstehen kann), bekommt sein Weltbild einen Knacks. Wieso ist denn meine Partnerin (Projektion von Mama/Papa) sauer auf mich, wo ich doch alles richtig mache?

Ich vermute, dass es in der Kindheit Ihres Partners strenge und/oder überforderte Bezugspersonen gegeben hat, die verlangt haben, dass er sich anpasst und keinen Ärger macht.

Natürlich ist eine solcher Anspruch für Kinder sehr schmerzhaft. Kinder wollen so geliebt werden, wie sie sind. Sie wollen ausprobieren und spielen, und sie dürfen Fehler machen, ohne dass sie sich deswegen nicht mehr liebenswert fühlen. Wenn das nicht passiert, spüren Kinder ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr, sondern versuchen, sich nach den Anforderungen anderer Menschen zu orientieren. Sie versuchen, durch gute Leistungen geliebt zu werden und Anerkennung zu erhalten.

In der Regel klappt das nicht, und auch das ist sehr schmerzhaft. Liebe erhält man durch Lebendigkeit, durch Authentizität, durch Zugang zu seinen Gefühlen. Und nicht durch Perfektion. Ich könnte mir vorstellen, dass Ihr Partner in einer solchen Spirale feststeckt und bei Ihnen versucht, durch das Verhaltensmuster "guter Partner sein" Liebe zu erhalten.

Seine Freiheit, mit Ihnen in Kontakt zu treten und zu schauen, was Sie und er wirklich brauchen und wie Sie sich fühlen, ist eingeschränkt. Und bei Ihnen läuft wahrscheinlich ein komplementäres Muster: Sie möchten Kontakt und in Ihren Bedürfnissen gehört und wahrgenommen werden, und statt dessen ernten Sie Abweisung und Kritik.

Ich würde Ihnen beiden vorschlagen, einige Gespräche bei einer*m Paartherapeut*in mit systemischer Ausbildung zu führen. Es wäre sehr hilfreich, dass Sie beide für sich erfahren und miteinander teilen, was für schmerzhafte Beziehungserfahrungen Sie in Ihrer Kindheit gemacht haben. Und die Muster scheint bei Ihnen beiden zu passen wie die Faust aufs Auge. Man nennt das übrigens auch Wiederholungszwang: Ich suche mir einen Partner, mit dem ich schmerzhafte Muster aus meiner Kindheit wieder erleben und hoffentlich lösen kann (Meistens klappt das Lösen viel schlechter als das Wiederholen, wenn man es nicht aufarbeitet). 

Sie könnten sehr nützliche Erkenntnisse gewinnen und Ihr Problem miteinander auf einer tiefen Ebene lösen, wenn Sie beide bereit sind, sich die Lebensgeschichten und die Muster zwischen Ihnen beiden anschauen.

Ich hoffe sehr, dass Ihr Partner dazu bereit ist und dass Sie eine*n freundliche*n und kompetente*n Therapeut*in finden.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker