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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Partner wurde durch die Pandemie depressiv und ängstlich - jetzt hat er mich deshalb verlassen

Emotionale Unterstützung ist oft nicht leicht (Symbolbild)
Die Pandemie und der Lockdown trafen manche Menschen schwer (Symbolbild)
© laflor / Getty Images
Als sich Annette in ihren Freund Michael verliebte, war der interessiert, anpackend und lebensfroh. Dann kam der Corona-Lockdown und stürzte ihn zurück in eine Depression, die ihn sogar zur Trennung trieb. Lohnt es sich, für die Beziehung zu kämpfen?

Liebe Frau Dr. Peirano,

ich bin 48 Jahre alt, allein erziehende Mutter von zwei Kindern (m,15 und w, neun) und lebe in gesicherten Verhältnissen (eigenes Haus, guter Job).

Vor zwei Jahren habe ich im Fitnessstudio einen sympathischen, attraktiven Mann - Michael - kennengelernt. Es entwickelte sich eine sehr innige, harmonische Beziehung

Wir unternahmen viel gemeinsam, auch mit den Kindern. Er hat selbst eine Tochter (14), die jedes zweite Wochenende bei ihm ist. Auch zwischen seiner Tochter und meiner Tochter herrschte von Anfang an ein sehr gutes Verhältnis. 

Wir hatten in vielen Dingen ähnliche Ansichten und konnten uns über viele Themen angeregt unterhalten. Auch über Jobthemen, da wir beide in einer ähnlichen Position sind (Abteilungsleitung). 

Schon bald begannen wir Pläne für die gemeinsame Zukunft zu schmieden, auch eine spätere Heirat war geplant. Vor einem Jahr zog Michael dann zu uns, er gab aus freiem Entschluss seine gemütliche kleine Wohnung auf. Das Zusammenleben funktionierte super, wir waren ein tolles Team und teilten uns Haushalt etc. Michael war in meinem Verwandten- und Freundeskreis bestens integriert, alle mochten ihn. Er himmelte mich förmlich an.

Die Probleme begannen dann im Dezember, als Michael in eine Depression fiel. Auslöser war die Lockdown-Situation und Probleme am Arbeitsplatz. Er war mehrere Wochen krankgeschrieben. Er begann eine Psychotherapie und erhielt Medikamente. Er hatte früher schon psychische Probleme, das hatte er mir nicht vorenthalten. Ich versuchte, Michael zu unterstützen, wo es nur ging. Allerdings veränderte er sich immer mehr. Ständig ging es bei unseren Gesprächen nun um das Corona-Thema, seine Gedanken kreisten nur noch um dieses. Zudem wurde er immer distanzierter, nahm nur noch Negatives wahr, war voller Selbsthass und- zweifel. 

Vor sechs Wochen sprach ich ihn darauf an, dass es so nicht weitergehen könne. Da eröffnete er mir unumwunden, dass er ausziehen werde. Es stellte sich heraus, dass er bereits auf Wohnungssuche gewesen war, der Mietvertrag wurde bereits am folgenden Tag unterschrieben. In Rekordzeit war er hier ausgezogen. Als Begründung gab er an, er habe sich verändert, seine Gefühle für mich seien nicht mehr dieselben. Er finde keinen Zugang mehr zu mir. 

Er war praktisch zu keiner weiteren Erklärung bereit, schien sich an all das Positive zwischen uns gar nicht mehr zu erinnern. Für mich brach eine Welt zusammen, ich hatte so große Hoffnungen in diese Beziehung gesetzt. Für mich war er der perfekte Mann, auch wenn die Coronazeit natürlich auch für uns nicht einfach war. Aber die wäre doch auch vorbeigegangen!

Es geht auch Michael nicht so gut, die Depression ist wieder ganz akut, er hat Panikattacken. Er sagt zwar, für ihn sei unsere Beziehung noch nicht Vergangenheit, aber er müsse jetzt erstmal ein paar Monate alleine sein. Ich bin fassungslos, dass er eine so gute Beziehung einfach aufgegeben hat. Andererseits bin ich auch sehr ratlos angesichts der Veränderung, die mit ihm passiert ist. Hat diese Beziehung überhaupt noch eine Chance? Oder sollte ich in meinem eigenen Interesse einen Schlussstrich ziehen? Ich wäre Ihnen sehr dankbar für einen Rat!

Mit freundlichen Grüßen

Annette T.

Liebe Annette T.,

Ihre Geschichte hört sich so an, als hätten Sie nicht einen Michael kennen gelernt, sondern zwei. Und es klingt so, als wenn die beiden Michaels - der gesunde und der depressive - kaum Gemeinsamkeiten haben. Der gesunde Michael ist aktiv, zupackend und kann seine Gefühle zeigen. Er ist in der Lage, sich um andere zu kümmern und Verantwortung zu übernehmen. Und er plant im Voraus. Er sieht positiv in die Zukunft und trifft schnell Entscheidungen (zusammenziehen, heiraten). Dieser Michael liebt Sie.

Der depressive Michael ist sehr in seinen eigenen Gefühlen und Befindlichkeiten verstrickt. Er fokussiert sich auf seine Ängste und Zweifel, und seine Gedanken drehen sich im Kreis. Dieser Michael kann kaum Verantwortung für andere übernehmen, sondern braucht Hilfe (Psychotherapie) und Rückzug (Krankschreibung, plötzlicher Auszug). Und dieser Mann kann keine Liebe für Sie empfinden, wahrscheinlich weil er auch wenig Zugang zu seinen eigenen Gefühlen hat. 

Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie schockiert über den plötzlichen "Austausch" des optimistischen Michaels in den depressiven Michael sind. Wie gesagt, haben die beiden ja kaum Gemeinsamkeiten (außer dass sie den gleiche Körper bewohnen), und ich nehme an, dass Sie sich niemals für den depressiven Michael entschieden hätten, wenn Sie den zuerst kennen gelernt hätten.

Das Problem ist, dass Sie den einen nicht ohne den anderen haben können. Er hat schon öfter Episoden gehabt, in denen er psychisch krank war, und wahrscheinlich muss er damit leben, dass es phasenweise auftritt. Sehr beruhigend fand ich es, dass er sich gleich psychotherapeutische Hilfe geholt und Medikamente verschreiben lassen hat. Das bedeutet, dass er schon Erfahrungen damit gemacht hat, dass ihm diese Kombination in Krisenzeiten hilft. Wahrscheinlich hat er aber auch über sich gelernt, dass er in depressiven Phasen nicht in der Lage ist, in einer Partnerschaft zu leben, sondern allein sein muss. Die Wohnungssuche und der Auszug haben in meinen Augen auch etwas Fluchtartiges an sich.

Ich kann sehr gut nachempfinden, dass die plötzliche Veränderung Ihres Partners und der plötzliche Auszug Sie traumatisiert haben. Deshalb würde ich Ihnen empfehlen, sich jetzt erst einmal Zeit zu nehmen, um sich zu stabilisieren. Das heißt: Freund*innen treffen, Sport treiben, sich mit Ihren Kindern beschäftigen, sich auf die Arbeit konzentrieren. Hier in Hamburg nennt man das "Klar Schiff machen". 

Depressionen

Nebenbei wäre es sicher gut, mehr Informationen über den depressiven Michael zu sammeln, damit Sie verstehen, was mit ihm geschehen ist. Vielleicht können Sie sich ab und zu treffen und über seine Vorgeschichte mit psychischen Erkrankungen sprechen? Was waren die Auslöser? Wie hat er die Phasen erlebt und wie hat er sich stabilisiert? 

Mittlerweile ist es in Psychotherapien weit verbreitet, auch Angehörige einzubeziehen. Vielleicht wäre es eine Option, dass Sie ein paar Mal mit Ihrem Partner gemeinsam zu dessen Therapeut*in gehen und diese Fragen dort besprechen? Oder vielleicht ist Michael bereit zu einigen Gesprächen bei einem*r Paartherapeut*in? 

Im Moment können Sie sich nicht entscheiden, ob Sie die Beziehung aufgeben oder weiter führen wollen. Dazu ist Michael gerade zu sehr an einem psychischen Tiefpunkt und Sie sind zu schockiert von der plötzlichen Wandlung. Sich gar nicht mehr zu sehen wäre aus meiner Sicht auch schwierig, weil die Trennung zu schlecht zu verarbeiten ist.

Deshalb wäre mein Vorschlag, mit getrennten Wohnungen regelmäßig zum Gespräch zusammen zu kommen - mit offenem Ausgang - und die Fragen zu klären, die zu klären sind. Es wird sich erst dabei zeigen, ob Sie auch in den Phasen ein gutes Team sind, in denen Michael  krank ist. Und wenn das nicht der Fall ist, hat diese Beziehung wenig Chance.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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