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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Partner und ich zerstreiten uns an Corona. Er will sich nicht impfen lassen – ich lasse mich boostern

Die Frage nach der Corona-Impfung kann auch Paare spalten (Symbolbild)
Die Frage nach der Corona-Impfung kann auch Paare spalten (Symbolbild)
© PeopleImages / Getty Images
Bei Katharina und ihrem Freund geht die gesellschaftliche Kluft zur Corona-Impfung mitten durch die Beziehung. Können Sie eine Lösung finden?

Liebe Frau Peirano,

seit einem Jahr haben mein Freund (55) und ich (49) durch Corona große Probleme. Ich arbeite als Sprechstundenhilfe beim Arzt und habe mich sofort im März impfen lassen, als es möglich wurde. Dann die Zweitimpfung, jetzt will ich mich boostern lassen. Das war für mich von Anfang an keine Frage, dass ich das so machen würde. Zum Einen, weil ich nicht Corona bekommen möchte, zum Anderen, weil ich es auch nicht an meine Eltern und Großeltern weitergeben möchte (meine Mutter ist vorerkrankt, meine Großeltern sind über 90). Ich lasse mich mehrmals wöchentlich testen.

Jens, mein Freund, wurde mit der Zeit immer skeptischer, was Impfungen betrifft. Er nimmt grundsätzlich keine Medizin, außer Homöopathie, war auf einer Waldorfschule und ist in Heilpraktiker-/Yoga-/Esoterikkreisen unterwegs. Das war vor Corona kein Problem, weil seine Freunden und Gruppen nett sind (für mich manchmal etwas abgefahren, weil sie Reinkarnation für einen bewiesenen Fakt halten, sich vegan ernähren und dadurch auch recht krasse Mangelerscheinungen haben. Für mich sind sie manchmal zu öko und spirituell). Aber wie gesagt, vor der Pandemie war das alles kein Problem.

Jetzt plötzlich trennt sich die Spreu vom Weizen, und das Thema "lasse ich mich impfen" treibt einen Keil in unsere Beziehung. Jens informiert sich in ganz merkwürdigen Foren, kann immer von irgendwelchen Leuten erzählen, die durch Impfungen schlimm erkrankt sind (Krebs, Schlaganfall, Lupus Erythematodes), und es gibt auch einige Leute in seinem Bekanntenkreis, die sich weder testen noch impfen lassen und meinen, ihr Immunsystem sei gut genug, um Corona zu widerstehen. Jens hat manchmal große Angst vor Corona, und manchmal nicht. Je nachdem, mit wem er gerade geredet hat.

Wir haben uns oft und lange darüber unterhalten, und leider muss ich sagen, dass die Diskussionen zwecklos sind. Ich erreiche Jens nicht mehr, und er wird mir fremd durch seine Stänkerei gegen die Politik. Bei uns ist überall jetzt die 2G (oder 2G Plus) Regelung, und ich gehe alleine zu Einladungen, in Restaurants, ins Kino. Jens kann das überhaupt nicht nachvollziehen, dass er ausgeschlossen wird und geht wöchentlich zu seiner 95-Jährigen Mutter, ohne sich testen zu lassen.

Ehrlich gesagt habe ich schon öfter an eine Trennung gedacht, aber dann denke ich auch wieder, dass es so absurd ist, dass wir uns wegen Corona trennen. Davor waren wir ziemlich nah.

Haben Sie einen Rat für mich?

Viele Grüße

Katharina B.

Liebe Katharina B.,

die Pandemie bringt uns in eine Ausnahmesituation, und das ist für die meisten belastend und beängstigend. Jeder hat andere erlernte Muster, um mit Ängsten umzugehen. Einige suchen nach möglichst vielen Informationen, um zu wissen und vermeintlich zu kontrollieren, was vor sich geht. Andere meiden es, sich mit den Informationen (z.B. Tagesschau) auseinander zu setzen, weil die schlechten Nachrichten in ihnen Ängste und Anspannungen auslösen. Einige werden in Krisensituationen besonders vernünftig und halten sich an Regeln - vielleicht, weil sie in ihrem Elternhaus gelernt haben, dass man die gestressten Eltern nicht noch weiter provozieren und belasten darf, sondern lieber einfach mitmacht. Und andere werden bei Belastungen erst recht rebellisch, um Aufmerksamkeit zu bekommen oder sich selbst zu spüren.

Es hört sich so an, als wenn Sie und Jens entgegengesetzte Muster erworben haben, um mit gefährlichen Situationen umzugehen. Sie sind kooperativ, machen das, was gefordert wird und halten sich an die Regeln - sowohl zu Ihrem Schutz als auch zum Schutz Ihrer Mitmenschen. Das lässt darauf schließen, dass Sie gelernt haben, Vertrauen in Autoritäten zu haben.

Dr. Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe

Ich arbeite als Verhaltenstherapeutin und Liebescoach in freier Praxis in Hamburg-Blankenese und St. Pauli. In meiner Promotion habe ich zum Zusammenhang zwischen der Beziehungspersönlichkeit und dem Glück in der Liebe geforscht und anschließend zwei Bücher über die Liebe geschrieben.

Informationen zu meiner therapeutischen Arbeit finden Sie unter www.julia-peirano.info.

Haben Sie Fragen, Probleme oder Liebeskummer? Schreiben Sie mir bitte (maximal eine DIN-A4-Seite). Ich weise darauf hin, dass Anfragen samt Antwort anonymisiert auf stern.de veröffentlicht werden können.

Jens hingegen scheint dieses Vertrauen nicht zu besitzen, und er vermutet schädliche Absichten und Auswirkungen hinter den politischen Entscheidungen. "Die Regierung will meine Freiheit einschränken- und sie will mir mit dem Impfstoff gesundheitlich schaden (oder riskiert es zumindest)" klingt da durch. Und ist ein Gefühl erst einmal da, sind wir Menschen Meister*innen darin, entsprechende Gründe dafür zu finden - und dann möglicherweise nur noch an Argumente zu glauben, die das eigene Gedankensystem untermauern. Das scheint passiert zu sein zwischen Ihnen beiden. Und jetzt klafft ein großer Graben zwischen Ihnen.

Sie denken eher medizinisch und schenken Statistiken Ihren Glauben. Für Sie ist die Argumentation stimmig, dass die Impfung viel weniger Risiken hat als eine Covid-Erkrankung. Jens hingegen denkt nicht greifbar, esoterisch und widersetzt sich den Erkenntnissen der Virologen. Er glaubt, mal erfolgreicher, mal weniger erfolgreich, dass ihm die Krankheit nichts anhaben werde und eine Impfung - für die er sich ja aktiv entscheiden müsste - schädlicher wäre. Deshalb lässt er es auch auf das Schicksal ankommen, ob er erkrankt. Wie geht es Ihnen eigentlich damit? Stellen Sie sich einmal vor, er hätte einen schweren Verlauf: Könnten Sie ihm gegenüber Mitgefühl aufbringen und ihn unterstützen?

Sie denken an Ihren eigenen Schutz und den Schutz Ihres Umfeldes. Jens hingegen denkt an sich selbst und übernimmt in diesem Punkt keine Verantwortung für andere Menschen. Es ist unverantwortlich, dass er seine 95-jährige Mutter besucht, ohne sich zumindest testen zu lassen. Dafür gibt es keine plausiblen Argumente, denn eine Testung ist höchsten lästig, aber nicht schädlich. Jens riskiert es, dass er Sie ansteckt (in dem Alter) und sie in ihrem Alter schwer erkrankt oder gar stirbt - das gleiche gilt für alle anderen Menschen in seinem Umfeld. Ich kann mir vorstellen, dass die Ichbezogenheit und Verantwortungslosigkeit Ihres Partners ein großes Problem für Sie darstellt.

Dazu kommt, dass Sie sich an die geltenden Regeln halten. Sie haben sich impfen lassen, Sie lassen sich testen, um weder in Ihrer Praxis noch in Ihrem privaten Umfeld das Virus weiter zu geben. Jens beschwert sich über die in seinen Augen "böse" Politik, die ihn in seiner Freiheit einschränkt. Warum das geschieht und dass er selbst sich nicht an die Regeln hält, sieht er nicht. Und letztlich schränkt er auch Sie als seine Partnerin etwas ein: Denn Sie können mit Ihrem Partner derzeit nicht mehr in Gesellschaft gehen, weder essen gehen noch ins Kino.

Im Grunde genommen hat die Pandemie Ihnen schonungslos gezeigt, wie unterschiedlich Sie beide sind, wenn die Lage brenzlig ist. So wie vielleicht zwei Taucher oder Bergsteiger in einer gefährlichen Situation genau erkennen, wie der andere sich verhält, wenn man die Komfortzone verlässt und es wirklich drauf ankommt. Bei einer netten Wohlfühltour oder beim Schnorcheln hätte man das nicht so schnell erkannt.

Ich vermute, dass die Problematik viel tiefer und grundlegender ist als einfach nur eine Entscheidung für oder gegen das Impfen. Aus dem, was hier ans Licht befördert wird, können Sie jetzt Ihre Schlüsse ziehen. 

Herzliche Grüße

Julia Peirano

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