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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Frau will dringend ein drittes Kind - und ich lieber Zeit zu zweit

Die Beziehung von Jochen und seiner Frau wird von den beiden sehr jungen Kindern dominiert. Doch während er nichts sehnlicher herbeisehnt als Zeit zu zweit, hat seine Frau ganz andere Pläne. Wie können die beiden zusammenkommen?

Neben den Kindern sollte auch das Paarsein nicht zu kurz kommen (Symbolbild)

Neben den Kindern sollte auch das Paarsein nicht zu kurz kommen (Symbolbild)

Getty Images

Guten Tag Frau Dr. Peirano,  

meine Frau (35, Lehrerin) und ich (37, Angestellter) haben eine Differenz, die sich zunehmend verhärtet. Es geht schlicht um die Anzahl unserer Kinder. Vorweg: Wir haben uns 2014 online kennengelernt und sind nun seit drei Jahren glücklich verheiratet. Wir haben bereits zwei wundervolle Kinder, eine Tochter mit 2,5 Jahren und einen Sohn, ein Jahr alt. Wir haben unsere Kinder bewusst nah hintereinander bekommen, da wir den Gedanken schön fanden, dass die Kinder zusammen spielen können und auch so einen Beziehung zu einander haben, ohne dass die Altersdifferenz eine zu große Rolle spielt.  

Wir haben allerdings beide etwas unterschätzt, was es heißt, zwei so kleine Kinder groß zu ziehen, insbesondere in den ersten Lebensjahren. Da wir keine Familie in unmittelbarer Nähe haben, ist es auch nicht drin, mal etwas für ein paar Stunden zu zweit zu unternehmen. 

Ich und meine Frau wollen die Kinder aber andererseits auch nicht zu früh in die Krippe geben, da wir uns aus diversen Gründen mit diesem Gedanken nicht anfreunden konnten. Somit ist im Moment so gut wie keine Zeit für unsere Beziehung. Zwar ist das auch für meine Frau nicht leicht, sie geht aber als Mutter voll und ganz auf und holt sich ihre Kraft daraus, zuzusehen, wie die Kinder wachsen und gedeihen. Für meine Frau sind die Kinder aktuell mit Abstand an erster Stelle. 

Obwohl ich immer eine Frau wollte, die so sehr Mutter ist wie sie, sehne ich doch den Zeitpunkt herbei, an dem die Kinder etwas größer sind, um sie auch mal bei Oma und Opa zu lassen und gemeinsame Zeit nur mit meiner Frau zu verbringen. Wir hatten zwischen Kennenlernen und erstem Kind lediglich zwei Jahre nur für uns und ich vermisse diese Zeit manchmal sehr. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich liebe meine Kinder und finde es großartig, Vater zu sein. Aber ich möchte auch noch Ehepartner sein, nicht zuletzt, weil diese Zweierbeziehung doch auch dem Wohl der Kinder zu Gute kommt. 

All das ist aber aus meiner Sicht nur eine Frage der Zeit und wäre zu verkraften. Das eigentliche Problem ist, dass meine Frau in spätestens zwei Jahren noch ein drittes Kind möchte. Es war schon immer ihr Wunsch, mindestens drei Kinder zu haben, was sie auch mehr oder weniger bei unserem Kennenlernen so formuliert hat. Ich hatte damals über die Anzahl unserer Kinder noch nicht viel nachgedacht, weiß aber inzwischen, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, mit Anfang vierzig noch mal komplett von vorne anzufangen: Wieder schlaflose Nächte bzw. getrenntes Schlafen (wenn ich arbeiten muss), wieder auf vieles verzichten, wieder nur sehr wenig Zweisamkeit. 

Letztlich spielt dann auch noch die finanzielle Belastung eine Rolle, da meine Frau natürlich auch wieder mindestens 18 Monate zuhause bleiben möchte. Wir sind gerade auf der Suche nach einem Eigenheim im Raum München. Schwer genug was zu finden, aber in der Größe, dass jedes der drei Kinder ein eigenes Zimmer hat (was meine Frau voraussetzt)? Quasi unmöglich für uns. 

All das habe ich meiner Frau schon mehrfach erklärt, aber wenn das Thema zur Sprache kommt, kommt es praktisch sofort zu einer Auseinandersetzung. Meine Frau wirft mir vor, sie nicht verstehen zu wollen. Sie will eben drei Kinder, weil sie noch ein drittes Mal erleben möchte, ein kleines Baby in Händen zu halten. Sie sagt auch, ich würde ihr sonst einen Lebenstraum verwehren. Aus genannten Gründen kann ich mir aber auf keinen Fall ein drittes Kind vorstellen. Wie soll ich nun reagieren? Ich habe Angst, dass meine Frau es mir ewig vorhalten wird, wenn ich Ihr diesen Wunsch nicht erfülle.  

Vielen Dank für Ihre Hilfe und mit besten Grüßen

Jochen T.

Lieber Jochen T.,

ich habe aus Ihren Worten sehr viel Klarheit herausgehört, und Ihr Schreiben klang auch etwas wie ein Hilferuf. Das kann ich gut verstehen! Sie haben in den letzten drei Jahren, wie es klingt, ganz schön viel geleistet. Zwei kleine Kinder innerhalb so kurzer Zeit zu bekommen und für diese finanziell und emotional zu sorgen, ist ein enormer Kraftakt. Und es hört sich so an, als wenn Ihnen jetzt etwas der Atem ausgegangen ist und Sie wieder durchatmen und Zeit haben möchten, um Ihre kleine Familie zu genießen und da auch für Ordnung zu sorgen. Und das heißt für Sie: Die Eltern sollten sich wieder etwas näher kommen und ihre Paarbeziehung stärken, damit die Familie auf einem soliden Boden steht.

Sie beschreiben ganz deutlich, dass dieser solide Boden durch die beiden Kleinkinder etwas in Unordnung geraten ist: Alles dreht sich um die Kinder, Tag und Nacht. Ich beobachte hier in meinem Garten oft Vogelfamilien, die gerade ihr Nest bauen oder ihre Junge aufziehen. Vogelmutter und Vogelvater fliegen hektisch und ohne Pause durch die Gegend, um den unersättlichen Vogeljungen Futter zu bringen und aufzupassen, dass sie von keiner Katze gefressen werden. Für Ruhe bleibt auch ihnen keine Zeit, und manchmal denke ich: "Ihr Armen!"

Es ist also wirklich an der Zeit für Sie, und wahrscheinlich auch für Ihre Frau, dass Sie beide Ihre Beziehung stärken. Mal ein Kurzurlaub, mal abends essen gehen, mal einen Babysitter holen, um alleine oder gemeinsam etwas Ruhe zu haben. Und dann schauen, was Sie beide wollen oder was finanziell überhaupt möglich ist.

Ich höre oft Klagen von Männern, die sich in ihrer Beziehung unwohl fühlen, weil sie sich wie der Erfüllungsgehilfe für die Pläne ihrer Frau fühlen. Die Frau hat bestimmte Pläne (meistens Familienplanung, Hausbau) - und der Mann muss sich dafür einsetzen, um der Frau diese Ziele zu erfüllen, weil sie sonst verletzt ist. Ein klassisches Beispiel ist auch die Zeugung nach Plan, bei der jegliche Romantik, Zärtlichkeit oder Spontaneität auf der Strecke bleiben. 

Oft höre ich später von diesen Paaren, dass die Beziehung unter solchen Bedingungen Risse und Sprünge bekommen hat, das Vertrauen und der Zusammenhalt leiden. Ich kann das gut verstehen, denn keiner möchte instrumentalisiert werden, weder Mann noch Frau. Und es gibt neben der Elternebene eine ganz wichtige Paarebene, die tragfähig bleiben muss. Wenn man sich nicht in Ruhe unterhalten kann, mal zu zweit ausgehen kann oder sich auch körperlich nah kommen kann, ist die Verbindung bald brüchig. Manchmal kommt es zu einer Entfremdung, oder zu Seitensprüngen, oder zu vielen Konflikten. 

Insofern kann ich Sie nur dabei unterstützen, Ihrer Frau möglichst offen und ehrlich zu sagen, wie es Ihnen geht und was Sie in der Beziehung brauchen: eine liebevolle Verbindung auf der Paarebene. Vielleicht ist Ihre Frau eher dazu bereit, einen Gang runterzuschalten, wenn Sie ihr sagen, dass Sie in einigen Jahren noch einmal ernsthaft darüber nachdenken, ob Sie sich ein drittes Kind vorstellen können. Nachdenken sollte möglich sein, wenn Ihrer Frau dieser Wunsch so wichtig ist.

Und es wäre sicher auch förderlich, wenn Sie Ihre Frau bitten, Ihnen zu sagen, was für sie der entscheidenden Unterschied zwischen zwei und drei Kindern ist. Es hilft oft, Wünsche zu verstehen und wert zu schätzen, auch wenn man sie nicht erfüllen kann. Dann muss man nicht gegen den anderen ankämpfen, sondern kann sich wieder für ein Wir-Gefühl öffnen.

Ich hoffe, dass es Ihnen und Ihrer Frau gelingt, etwas mehr Ruhe, Frieden und Besonnenheit in die Angelegenheit zu bringen. Ansonsten wäre eine Paarberatung auch ein sinnvoller Schritt. Viele Paare gehen erst zur Paartherapie, wenn ihre Beziehung nicht mehr zu retten ist. Da eine Paartherapie außer den Kosten keine unangenehmen Nebenwirkungen hat, empfehle ich immer, lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig zu gehen. Man nimmt bei einem guten Therapeuten immer etwas mit.

Herzliche Grüße und alles Gute für Sie,

Julia Peirano

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