HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Frau will eine platonische Beziehung - und liegt wie ein toter Fisch neben mir im Bett

Zärtlichkeit, körperliche Nähe und Sex gehören für die meisten Menschen zu einer funktionierenden Beziehung dazu. Auch Jens leidet sehr darunter, dass seine Frau sie am liebsten ganz weglassen würde. Gibt es eine Lösung für die Krise im Schlafzimmer?

In Jens' Ehebett herrscht Flaute (Symbolbild)

In Jens' Ehebett herrscht Flaute (Symbolbild)

Getty Images

Sehr geehrte Frau Dr. Julia Peirano,  

seit dreieinhalb Monaten bin ich mit meiner Frau verheiratet. Kennengelernt haben wir uns vor einem Jahr. Das eigentliche Problem ist, dass meine Frau  keine Bedürfnis nach Nähe, nach zärtlichen Berührungen und Sexualität hat. Wir hatten in den letzten 10 Monaten fünfmal Sex. 

Ich bin  keiner, der permanent Sex haben möchte. Ich denke, wenn Sexualität in einer ausgeglichenen Balance in der Beziehung  gelebt wird, wären alle diese Stressmomente und konfliktbehafteten Situationen nicht vorhanden. Kein Kuscheln im Bett, keine Liebkosungen. Wie zwei tote Fische liegen wir im Bett und nichts passiert. Das macht mich sehr traurig und fühle mich in meinen Gefühlen und der Sehnsucht nach ihrer Weiblichkeit  zurückgewiesen. 

Spreche ich die Themen an, was mir in der Partnerschaft auch wichtig ist und mir fehlt,  führt das immer wieder zu Konflikten und verursacht Stress. Sie meint, sie bräuchte einen Freund an ihrer Seite und wünscht sich eher eine platonische Beziehung. 

Ich verstehe sie nicht mehr. Außerdem ist es ihr unangenehm wenn ich ihre Weiblichkeit, ihre Brüste berühre, dies lehnt sie strikt ab. Mit den Worten: "Sie tun mir weh. Ich habe es dir schon zweimal gesagt, ich möchte das nicht, dass du meine Brüste und meine Scham berührst." Das ist emotional sehr schmerzhaft. Ich habe bisher noch nie Problem mit Frauen und Sexualität gehabt, Berührungen und Signale hatten immer eine ausgeglichene Balance. Die Signale meiner Ehefrau kann ich nicht deuten.

Sobald ich mal neben ihr liege und mich erregt fühle, werde ich sofort sanktioniert, mit den Worten "Du willst ja immer nur das eine, lass das sein" abgewiesen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Meine Liebe, meine Bedürfnisse nach ihr, meine Zuneigung werden von ihr einfach ignoriert. Ich darf sie wohl nackt sehen, aber nicht zärtlich berühren. Sie sagt immer, wie sehr sie mich liebt, leider spüre ich diese Liebe nur an der Oberfläche. Für sie ist es wichtiger, dass die normalen Alltagshandlungen bewältigt werden, darin sieht sie ihre Erfüllung. Zudem kommt, dass sie mich immer wieder kritisiert. Weiter möchte sie nicht, dass ich zum Sport gehe, ich könnte ja andere Frauen kennen lernen. Sie kontrolliert mein Handy permanent. In meinem Beruf als Lehrer habe ich viele Kolleginnen… die ja angeblich alle was von mir wollen… u.s.w.. Ich fühle mich so einsam in der Beziehung.   

Mit freundlichen Grüßen  

Jens G.

Lieber Jens G.,

Es hört sich so an, als wenn Sie sehr darunter leiden, dass Ihre Frau Sie abweist und kein Interesse an Nähe, Intimität oder Sexualität zeigt.

Einigen Menschen ist Sexualität nicht wichtig oder sie haben ungelöste Probleme damit und sind ganz froh, wenn sie das Thema für sich vermeiden können. Es hört sich so an, als wenn Ihre Frau zu diesen Menschen gehört, die insgeheim froh wären, wenn man Sexualität aus einer Beziehung ausklammern kann und stattdessen eine platonische Freundschaft hat, sich Gesellschaft leistet und den Alltag zusammen bewältigt. Manchmal finden sich Menschen, die diesbezüglich eine ähnliche Einstellung haben. Eine ehemalige Lehrerin von mir, sehr verklemmt und fast wie eine Nonne wirkend, hat zu unser aller Überraschung irgendwann geheiratet. Aber es schien zu passen: Dieser Mann wirkte ebenfalls sehr verklemmt, und ich und meine Mitschüler konnten uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass bei den beiden etwas lief. So etwas gibt es häufiger, als man denkt. 

Sie hingegen gehören zu den Menschen, für die Sexualität zu einer erfüllten Partnerschaft gehört und für die es eine wichtige, natürliche und unverzichtbare Art ist, Liebe auszudrücken und sich nah zu sein. Und deshalb fühlen Sie sich extrem zurück gewiesen und ungeliebt, weil Sie im Bett liegen wie zwei tote Fische und Ihre Frau Ihnen vorwirft, dass Sie sie berühren und mit ihr schlafen wollen.

Sie haben Ihre Beziehungsgeschichte kurz beschrieben: Sie selbst hatten bisher keine sexuellen Probleme mit Ihren vorherigen Partnerinnen und konnten auf dieser Ebene gut in Kontakt kommen. Sie haben dann Ihre jetzige Frau kennen gelernt und relativ schnell geheiratet, obwohl es anscheinend von Anfang an zwischen Ihnen beiden sexuell nicht so erfüllend war und es relativ selten zum Sex kam.

Ihre Frau hingegen scheint schon immer weniger Interesse an Sex gehabt zu haben. Ihr Widerwillen gegen Sex löst in ihr keinen Wunsch aus, etwas zu verbessern (z.B. die Art, wie sie berührt wird, den Zeitpunkt, die Situation). Sie empfindet die Anwesenheit von Sex nicht als Problem, sondern es ist für sie sogar eine Art Beziehungsideal. Oder zumindest fühlt sie sich wohler, wenn sie intime Berührungen vermeidet. Ihre Frau äußert keinen Wunsch, etwas an der Situation zu verändern. Kurz zusammengefasst: Es war von Anfang an so unbefriedigend, wie es jetzt ist, und Ihre Frau hat auch keine Motivation oder keinen Leidensdruck, etwas zu verändern.

Damit sind Sie eigentlich schachmatt gesetzt, und ich höre aus Ihrer Schilderung, dass Sie sich auch so fühlen. Eine Frage könnten Sie sich klar beantworten: Warum habe Sie Ihre Frau so schnell geheiratet? Warum haben Sie sich für Sie entschieden, obwohl Sie von Anfang an sexuell unzufrieden waren? Wenn Sie diesen Grund für sich herausarbeiten, können Sie entscheiden, ob er immer noch ausschlaggebend ist - oder ob Sie sich vielleicht getäuscht haben und nun enttäuscht sind. Haben Sie vielleicht immer gedacht, dass es sich noch bessern wird?

Ihre Frau ist zudem eifersüchtig und kontrollierend. Es kann sein, dass sie Sie unterbewusst testen möchte: Liebt er mich auch um meiner Selbst willen - und bleibt er auch bei mir, wenn ich nicht mit ihm schlafe? Oder hat er es nur auf mein Aussehen und auf Sex abgesehen? Ihre Frau hat möglicherweise in ihrer Kindheit oder Jugend die Erfahrung gemacht, dass Sexualität sich mit wirklicher Liebe nicht verträgt und dieser sogar widerspricht. Das könnte viele Ursachen haben: Machtausübung in der Beziehung der Eltern, sexuellen Missbrauch, eine allzu religiöse Erziehung… Auf jeden Fall deutet die Eifersucht und Kontrolle Ihrer Frau deutlich darauf hin, dass eine offene Beziehung für sie kein Beziehungsmodell wäre, um auch diese Frage zu klären.

Letztlich werden Sie aber auf sich selbst zurück geworfen und müssen entscheiden, ob Sie auf Sex und Nähe verzichten wollen und können.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

Wissenscommunity