VG-Wort Pixel

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Meine Freundin ist tyrannisch. Wie kann ich mich nach der Trennung vor Angriffen schützen?

Immer wieder kam es zwischen Stefan und seiner Freundin zu heftigen Streits (Symbolbild)
Immer wieder kam es zwischen Stefan und seiner Freundin zu heftigen Streits (Symbolbild)
© skynesher / Getty Images
Immer wieder wird Stefan von seiner langjährigen Partnerin aus dem Nichts mit Vorwürfen und Angriffen bombardiert. Und trotzdem kehrt er immer wieder zu ihr zurück. Diesmal will er das nicht mehr. Doch wie schafft er es, den Abstand zu wahren?

Sehr geehrte Frau Dr. Peirano,

ich (50, Lehrer) bin seit 20 Jahren mit einigen Trennungen dazwischen mit einer Frau (Barbara) zusammen. Das Problem, das immer wieder zu Trennungen führt, ist, dass sie mich aus heiterem Himmel angreift. Das kann mal sein, wenn äußerlich alles gut läuft. Mal passiert es, wenn ich sie kritisiert habe. Eigentlich lebe ich in ständiger Furcht vor einem Angriff von ihr. Deshalb wohnen wir auch getrennt, aber im gleichen Stadtteil.

Sie macht mir Vorwürfe, hält mir Fehlverhalten vor, aber irgendwie macht das alles keinen Sinn. Die Regeln ändern sich ständig oder werden neu ausgelegt. Auch mein Freundeskreis versteht nicht, was los ist. Teilweise waren sie in den Situationen dabei, in denen ich mich angeblich verletzend verhalten habe, und sie haben nichts bemerkt.

Jetzt sind wir gerade getrennt, weil sie sich in letzter Zeit einige heftige Angriffe auf mich geleistet hat. Sie ist an meinem 50. Geburtstag nicht erschienen und hat in letzter Minute per SMS abgesagt, weil ihr meine Coronaregeln nicht passten. Ich habe sie gebeten, eine Woche vor meinem Geburtstag Homeoffice zu machen (was für sie kein Problem ist), aber sie hat sich nicht daran gehalten und viele Leute getroffen, auch mit Umarmung. Als ich sie dafür hinterfragt habe und gebeten habe einen Coronatest zu machen, hat sie abgesagt.

Als ich ihr gesagt habe, dass ich verletzt bin, weil sie zu meinem Geburtstag nicht gekommen ist, hat sie den Kontakt für zwei Monate abgebrochen. Ich habe mich dann wieder um sie bemüht und sie zum Essen eingeladen. Ich dachte, es wäre jetzt wieder alles in Ordnung.

Dann habe ich sie gefragt, ob wir Urlaub zusammen planen (was wir eigentlich immer machen) und sie schrieb einfach nur zurück: Auf keinen Fall! Falls du das nicht verstehst, können wir darüber persönlich reden.

Ich war extrem verletzt. Auf sie ist einfach kein Verlass und man weiß nie, woran man ist. Mir graut auch vor einer Zukunft mit ihr. Seit ihrer Antwort ist Funkstille, und ich würde mir wünschen, dass es jetzt endgültig vorbei ist mit der Beziehung. Aber leider gab es solche Phasen schon öfters in unserer Beziehung und irgendwie sind wir uns immer wieder näher gekommen und es ging wieder eine Weile gut, und dann kamen wieder Verletzungen.

Vor fünf Jahren habe ich ihr eine Paartherapie vorgeschlagen, aber sie hat abgelehnt, als ich ihr gesagt habe, dass ich dann auch gerne sagen würde, was mich verletzt.

Wie kann ich mich jetzt erst einmal für eine längere Zeit (1-2 Jahre) abgrenzen und vor Angriffen schützen? Ich erwarte, dass sie mir irgendwann eine längere Mail schickt oder einen Brief vorbei bringt, oder sogar plötzlich vor der Tür steht. Es könnte auch sein, dass sie ein Pseudo-Problem hat und von mir fordert, dass ich ihr helfe.

Wie kann ich mich davor schützen? Das ist meine wichtigste Frage. Ich denke, dass ich in ein bis zwei Jahren deutlich klarer sehe und erst einmal so lange Pause von ihr brauche. Es macht mich krank. Mein gesamter Freundeskreis rät mir, mich zu trennen.

Viele Grüße

Stefan H.

Lieber Stefan H.,

das klingt nach einer wirklich schwierigen Beziehung, die Sie führen! Ich kann gut verstehen, dass Sie eine längere Pause brauchen und aufgrund Ihrer Erfahrungen mit Barbara befürchten, dass sie die Pause nicht akzeptieren wird, sondern alles dransetzt, um sie wieder einzuwickeln.

Ich werde jetzt nicht darauf eingehen, was die Ursachen für Barbaras problematisches Verhalten und für Ihr Festhalten an der Beziehung sein könnten. Sie möchten ja einen Rat, wie Sie sich vor ihr schützen und in Sicherheit bringen können, damit Sie erst einmal Ihre Wunden versorgen und zu sich kommen können.

Im Grunde genommen ist es recht einfach, Barbara auf Distanz zu halten, denn es gibt eine Sache, die sie fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Und das ist Kritik oder ein Gespräch darüber, wie Barbara Sie verletzt. Ihnen zu sagen, was Sie alles falsch machen, wäre hingegen kein Problem für Barbara, aber so läuft eine Klärung nun einmal nicht ab.

Barbara ist offensichtlich ein sehr verletzlicher Mensch und fühlt sich schnell angegriffen und entwertet. Das macht sie wütend, und sie greift dann zu Mitteln, um Sie zu bestrafen.

Sie haben ja vor fünf Jahren eine Paartherapie vorgeschlagen, die Barbara abgelehnt hat. Das bedeutet, dass Sie die Spielregeln, dass BEIDE ihre Verletzungen ansprechen dürfen, nicht akzeptiert. Sie möchte EINSEITIG die eigenen Verletzungen loswerden (z.B. in einer Mail oder einem Brief).

Wenn Sie sich zurückziehen und Barbara Sie dann provoziert oder versucht, wieder Kontakt herzustellen, können Sie sich auf den ungeklärten Konflikt zwischen Ihnen beiden berufen. Wenn Sie einen Brief oder eine Email von ihr bekommen, können Sie sagen: "Barbara, wir haben ja seit Jahren einen ungeklärten Konflikt mit vielen Verletzungen auf BEIDEN SEITEN und deshalb gab es ja deshalb auch immer wieder Trennungen. Ich bin erstaunt, dass Du mir jetzt einen Brief schriebst und ich werde ihn nicht lesen. Ich gehe nämlich davon aus, dass Du mir darin Deine Verletzungen beschreibst. Ich habe dir vor fünf Jahren vorgeschlagen, dass wir eine Paartherapie machen und uns GEGENSEITIG vor einem unbeteiligten Dritten unsere Verletzungen erzählen. Wenn Du zu einer Klärung unseres Konflikts bereit bist, schlage ich vor, dass wir das machen. Ich bin nicht bereit, mir nur deine Seite anzuhören."

Das klingt jetzt erst einmal nach einer simplen Antwort, aber diese Antwort hat es in sich. Denn Sie gehen auf die Meta-Ebene (das heißt, sie antworten nicht einfach, sondern betrachten und schildern von oben, was zwischen ihnen beiden geschieht).

Guter Sex in einer langen Beziehung

Und genau das verwirrt Barbara, da sie möglichst unerkannt und ungebremst Macht ausüben will und auf keinen Fall auf Augenhöhe über gegenseitige Verletzungen sprechen will. Das würde bedeuten, dass sie sich Kritik anhören muss und möglicherweise noch von der*m Therapeut*in erfahren muss, dass ihr Verhalten unangemessen war. Für Menschen wie Barbara ist das eine erschreckende Vorstellung, ungefähr so schlimm, wie es für jemanden wäre, dem drei Gangster in einer dunklen Seitenstraße ein Messer an den Hals halten.

Ich würde Ihnen empfehlen, diese Sätze, die ich oben geschildert habe, auswendig zu lernen und bei jedem Kontakt zu äußern. "Ich bin erstaunt, dass du mich um Hilfe bittest, wo wir doch diesen ungeklärten Konflikt haben…" "Ich bin überrascht, dass du mich zum Geburtstag einlädst, wo doch unser Konflikt nicht geklärt ist…."

So spielen Sie den Ball in Barbaras Feld, denn Sie war ja diejenige, die sich gegen eine Klärung entschieden hat. Dafür müsste sie ja Verantwortung übernehmen oder eine Lösung vorschlagen, wie Sie das klären können. Sie können einfach mit den Achseln zucken und sagen, dass sie keine Ahnung haben, wie man ohne eine Konfliktklärung wieder zueinander findet.

Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Abstand, viel Kraft und dass Sie bald wieder zu Ihrer Wahrnehmung und Ihren Stärken zurück finden.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker