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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Freundin rastet aus und verletzt sich selbst - ich lebe am Rande eines Vulkans

Jeder ist mal aufgebracht. Doch so schlimm wie bei Moritz' Freundin ist es bei den meisten Menschen nicht. Ob die Mutter, der Chef oder Moritz selbst: Über alles regt sie sich so sehr auf, dass sie komplett die Kontrolle verliert. Wie soll er darauf am besten reagieren?

Emotionale Ausbrüche sind für manche Menschen schwer zu beherrschen (Symbolbild)

Emotionale Ausbrüche sind für manche Menschen schwer zu beherrschen (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Dr. Peirano,

meine Freundin ist eine tolle Frau, sehr lebendig, spontan und emotional. Aber sie regt sich oft zu sehr über Dinge auf und verliert dann die Kontrolle. Wenn sie Stress bei der Arbeit oder mit ihrer Mutter hat, kann sie sich da so reinsteigern, dass sie ihre Sachen gegen die Wand wirft. Neulich hat sie ihr neues Macbook zerstört. Sie hat sich auch schon selbst verletzt und sich geritzt und mit Zigaretten verbrannt.

Ich versuche, diese Anfälle so gut es geht abzufangen, indem ich mich ganz zurücknehme. Sie hat im Moment viel Streit mit ihrer Mutter, und mir ist aufgefallen, dass ich mich nicht mehr verabrede, weil ich sie nicht allein lassen will. Meine Eltern haben mir gesagt, dass ich aufpassen soll, dass ich mich selbst nicht verliere. Da ist was dran.

Meine Freundin fängt oft kurz vor dem Einschlafen ein, auf mich einzureden, sie weint und schimpft, und nichts, was ich mache, ist ihr recht. Wenn ich eine Lösung vorschlage, wirft sie mir vor, dass ich sie nicht verstehe. Manchmal wird sie dann sogar auf mich wütend und schreit mich an.

Ich bin verzweifelt, dass alles nichts hilft. 

Was ist mit meiner Freundin los? Und wie kann ich ihr helfen?

Viele Grüße,

Moritz G.

Lieber Moritz G.,

Es hört sich so an, als wenn Sie am Rande eines Vulkans leben, der jederzeit explodieren kann. Das macht einen auf Dauer unsicher und vorsichtig, und man versucht alles, um den Ausbruch zu verhindern oder zumindest abzumildern.

Fangen wir vielleicht erst einmal damit an, was mit Ihrer Freundin los ist. Sie scheint sehr sensibel auf Störungen und Konflikte zu reagieren, und sie scheint sich stärker und länger aufzuregen als die meisten anderen Menschen. In ihrer Aufregung verliert sie dann die Kontrolle, schreit, weint, wütet, wirft mit kostbaren Dingen (ein Macbook ist ja nicht gerade billig) - oder sie zieht das letzte Register und verletzt sich selbst, um auf eine Art Pause-Taste zu drücken.

Es wäre sehr wichtig, dass Ihre Freundin lernt, mit ihren Emotionen anders umzugehen und sich selbst zu beruhigen, wenn sie aufgebracht ist. Es könnte sein - mit der Betonung auf könnte, da ich natürlich keine Ferndiagnose stellen kann und möchte -, dass Ihre Freundin Symptome einer Borderline-Persönlichkeitsstörung hat. Wenn Ihre Freundin dafür aufgeschlossen ist, wäre es sehr hilfreich, wenn sie eine Psychotherapie bei einer Therapeutin oder einem Therapeuten beginnt, der sich mit Borderline-Störungen auskennt (zum Beispiel Dialektisch-Behaviorale Therapie anbietet). Die Diagnose und Behandlung ist aber Aufgabe Ihrer Freundin, nicht Ihre.

Für Sie ist es wichtig, zu verstehen, was das Problem ist und wie Sie sich verhalten können. Ihre Freundin hat ein Nervensystem, das empfindlicher reagiert als das der meisten Menschen. Das heißt, sie wird schneller von Reizen wie Stress, Zurücksetzung, Schmerz etc. überflutet und die Erregung ist stärker als bei den meisten anderen Menschen und sie hält zudem länger an. Während viele Menschen erst in einen Ausnahmezustand geraten, wenn z.B. ein naher Angehöriger bei einem Autounfall schwer verletzt wird oder sie einen Einbrecher in der Wohnung vorfinden, gerät ihre Freundin in einen vergleichbaren Kontrollverlust, wenn ihre Mutter ein Streitgespräch beginnt. Bei ihr herrscht oft innerer Ausnahmezustand.

Viele Menschen, die so viel extremer reagieren als andere Menschen haben deswegen in ihrer Kindheit viel Entwertung erfahren. Sie wurden nicht verstanden, sie waren Außenseiter, sie wurden heftig kritisiert oder schwer bestraft, wenn sie etwas zerstört hatten. "Stell dich nicht so an", "Das ist doch nicht so schlimm, was regst du dich so auf","Was ist denn mit dir schon wieder los?", "Hast du nicht alles Tassen im Schrank?" und ähnliche verletzende Bemerkungen begleiten das Leben von Menschen, die scheinbar überreagieren.

Das heißt für Ihren Umgang mit Ihrer Freundin: Nehmen Sie auf jeden Fall ernst, dass das Problem mit ihrer Chefin, ihrer Mutter oder anderen für Ihre Freundin riesig ist, auch wenn es für Sie nicht so schlimm scheint. Fragen Sie wertschätzend nach: Was hat dich so getroffen? Wie geht es dir gerade? Und vor allem fragen Sie, wie Sie Ihrer Freundin in dem Moment helfen können: "Was möchtest du jetzt machen?"

Bieten Sie keine Lösungsvorschläge für das Problem (mit der Chefin oder der Mutter), sondern nur für den Moment: Soll ich etwas zum Abendessen machen? Soll ich dich alleine lassen?

Wenn Ihre Freundin Ihre Angebote nicht annehmen kann, wäre es gut, wenn Sie ihr ruhig und ohne Vorwürfe Raum geben, um alleine von ihrem hohen Erregungsniveau herunterzukommen. Gehen Sie in einen anderen Raum und lenken sich selbst ab, indem Sie lesen, im Internet surfen, Essen zubereiten oder etwas anderes tun, was mit Ihrer Freundin nichts zu tun hat.

Ihrer Freundin wird das helfen, weil sie in einem Zustand, in dem sie selbst überkocht und nichts dagegen tun kann, nicht auch noch auf Sie achten muss. Und die Frage, wie man sich selbst beruhigen kann (z.B. den Kopf in eine Schale mit eiskaltem Wasser legen oder einen Eiswürfel lutschen), müsste Ihre Freundin in einer Therapie erarbeiten. Dafür sind Sie nicht zuständig. Sie können ihr auch ruhig sagen, dass es Ihnen gerade zuviel wird und Sie sich selbst erst einmal beruhigen müssen. Die klare und dennoch liebevolle Ansage hilft Ihrer Freundin auch, da es ihr einen Spiegel vorhält

Unternehmen Sie auf jeden Fall wie gewohnt etwas mit Ihrer Familie und Freunden. Das tut Ihnen gut und es stabilisiert die Beziehung, weil Sie dann ausgeglichener sind. Ihre Freundin möchte Sie nicht mit in Ihre Ausbrüche hineinziehen, aber sie weiß sich nicht zu helfen und ist wahrscheinlich hinterher kreuzunglücklich, wenn sie Sie verletzt hat.

Sie könnten sich auch in das Thema einlesen. Ich empfehle Ihnen die Bücher: "Ich liebe einen Borderliner" von Shari Y. Manning

 und

"Ich hasse dich - verlass mich nicht. Die schwarz-weiße Welt der Borderline-Persönlichkeit" von Jerold J. Kreisman und Hal Straus.

Wie bereits gesagt, geht es nicht darum, Ihrer Freundin eine Borderline-Persönlichkeit zu unterstellen, sondern um einen Umgang für Sie als Angehöriger mit den Verhaltensweisen, die Sie beschreiben und die auch für Borderliner typisch sind.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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