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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich möchte mich nach langer Ehe trennen - habe aber Angst, damit alles zu zerstören

Jens und seine Frau sind seit vielen Jahren verheiratet - doch richtig geliebt hat er sie wohl nie. Seit einiger Zeit denkt er deshalb über eine Trennung nach. Doch die Angst vor den Folgen für seine Kinder und seine Frau halten ihn davon ab. Gibt es einen Ausweg?

Die Trennung einer langen Ehe ist immer auch mit Ängsten verbunden (Symbolbild)

Die Trennung einer langen Ehe ist immer auch mit Ängsten verbunden (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Dr. Peirano,

ich (Ingenieur) bin 62 und seit 35 Jahren mit einer Russin verheiratet, die ich auf einer Reise kennen gelernt habe. Wir haben zwei erwachsene Töchter und ein großes Haus. Doch leider haben meine Frau und ich uns in den letzten Jahren wirklich sehr auseinander gelebt. Sie ist sehr unselbstständig und hat weder richtig Deutsch gelernt noch eine Aufgabe, geschweige denn einen Beruf in Deutschland gefunden. Alles dreht sich bei ihr nur um die Familie. Für sie wäre es die Erfüllung, bald Großmutter zu werden. 

Ehrlicherweise muss ich mir aber heute eingestehen, dass ich meine Frau wohl nie wirklich geliebt habe. Was ich nämlich von Anfang an in unserer Beziehung vermisst habe war, eine Gesprächspartnerin für alle Themen, sozusagen den Austausch "über Gott und die Welt", eine Freundin für alles was das Leben im Laufe der Zeit so bereit hält, eine Partnerin mit der man "durch dick und dünn" gehen kann und mit der man auf einer Wellenlänge funkt.

Vor zwei Jahren hatte ich auf einer Reise eine Frau kennen und lieben gelernt, die mir die Augen geöffnet hat, was in meiner Ehe alles fehlt. Mit ihr konnte ich reden, sie war sportlich und selbstbewusst, und ich fand eine Gefährtin und ein Gegenüber. Ich habe die Affäre beendet, auch aus Respekt der Frau gegenüber, die sich eine Lebenspartnerschaft wünschte und nicht in meinem Leben die Geliebte sein wollte. Doch es bleiben meine immer noch aufgewühlten Gedanken und die schmerzhafte Sehnsucht nach meiner großen Liebe, die nicht nachlassen wollen. Und ich fühle mich deshalb und wegen meiner stagnierenden Ehe ohne Perspektive wie in einer Sackgasse, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint…  

Was ich mir im Moment nicht vorstellen kann, ist, wie bei einer formellen Scheidung das Vermögen aufgeteilt werden müsste, das bei uns im Wesentlichen aus unserem inzwischen schuldenfreien Haus besteht. Für mich als faire Trennung vorstellbar wäre, dass meine Frau das gemeinsame Haus weiterhin bewohnt und ich mir über kurz oder lang eine neue Bleibe suchen würde. Ich würde auch für Ihren Unterhalt und die laufenden Kosten sowie die Instandhaltungskosten des Hauses aufkommen, da meine Frau kein eigenes Einkommen hat. 

Meine Befürchtung ist, dass bei einer Scheidung das Haus verkauft werden müsste und unsere Kinder am Ende leer ausgehen würden. Ich glaube nicht wirklich daran, dass sich meine Frau und ich darüber "im Guten" austauschen könnten, da wir ja schon so ein Kommunikationsproblem haben.

Auch was unsere Töchter angeht, kann ich nur schwer einschätzen, wie sie mit der Nachricht einer endgültigen Trennung umgehen würden. Klar, sie wissen um unserer Beziehungsprobleme und haben auch für beide Seiten Verständnis. Weil wir aber trotz allem auch immer einen sehr intensiven und guten Familienzusammenhalt hatten und haben, würde das Auseinanderbrechen unserer Familie wohl bei unseren Töchtern, für jede auf Ihre Weise, große Traurigkeit und Verunsicherung auslösen und das, obwohl alle erwachsen und weitgehend eigenständig sind.  

Gespannt frage ich mich nun immer und immerzu, was wohl die Zukunft bereithält und bringen wird. Ich versuche auch meine oft schmerzhafte Sehnsucht ohne zu hadern aus-zuhalten, bis sie sich dann irgendwann vielleicht auch abschwächen mag. Was aber bisher nicht erlöschen will, ist meine Hoffnung irgendwann auf eine zweite Chance für meine große Liebe.  

In gespannter Erwartung Ihrer Rückmeldung verbleibe ich,

Jens T.

Lieber Jens T.,

ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen schwer fällt, in einer Ehe zu bleiben, bei der die gemeinsamen Gesprächsthemen und Interessen über die Jahrzehnte nicht (mehr) vorhanden sind und die gemeinsame Aufgabe, Kinder großzuziehen, abgeschlossen ist. Es stellt sich die Frage der Perspektiven für die nächsten Jahre und Jahrzehnte, und Ihre Bilanz stellt deutlich fest, dass Sie Ihre Frau nicht mehr lieben, keine Verändungsmöglichkeiten sehen und sich schon seit längerem eine neue Partnerin an Ihrer Seite vorstellen, mit der Sie sich austauschen und viel unternehmen können.

Mir fällt hier ein etwas böser, aber deutlicher Witz ein, der Ihr Dilemma aufzeigt: Ein Paar (er 98, sie 95) treffen sich vor dem Scheidungsrichter. Der Scheidungsrichter fragt interessiert: "Aber warum kommen Sie denn erst jetzt, wenn Ihre Ehe schon so lange un-glücklich ist?" Beide sagen betreten: "Wir wollten erst warten, bis unsere Kinder tot sind." 

Ich kann verstehen, dass Sie so nicht enden wollen, sondern auch an sich und Ihre Zukunft denken. Trotz all Ihrer Sehnsucht nach einer neuen Lebenspartnerin finde ich es gut und besonnen, dass Sie über die Trennung von Ihrer Frau nachdenken, ohne dass eine andere Frau im Spiel ist. Sie hatten eine Affäre, aber die haben Sie beendet. Das heißt, Sie haben jetzt einen klaren Kopf, um nach einer für alle Beteiligten guten Lösung zu suchen. Das macht die Situation leichter und viel fairer und ehrenhafter.

Sie schreiben, dass Sie Ihre Frau eigentlich nie so wirklich geliebt haben und dass der Austausch über leichte und schwere, oberflächliche und tiefsinnige Fragen des Alltags Ihnen immer bei Ihrer Frau gefehlt hat. Ich habe den Eindruck, dass Ihre Frau, eventuell kulturell bedingt, auch eine andere Lebensauffassung hat. Es hört sich für mich so an, als wenn sie denkt: Ich habe einen Mann, ich habe zwei gesunde Kinder, ich habe ein Haus und bin gesund. Also ist alles toll. Ich muss nur den Mann halten, die Kinder müssen gesund sein, und damit ist alles prima.

Wir in der westlichen Welt haben natürlich eine andere Auffassung vom Leben und von der Liebe als viele Menschen in anderen Teilen der Welt. Wir sind - und das ist ohne Wertung gemeint - viel fokussierter auf die Beziehungsqualität und damit auch viel komplizierter. Es geht um die seelische Verbindung zwischen Mann und Frau, die auch als Freunde und Lebensgefährten gesehen werden. Es geht um Kommunikation, um erfüllende Sexualität, gemeinsame Absprachen und Unternehmungen. 

Die unterschiedliche Sichtweise auf die Ehe und das Leben kann also gut ein kulturelles Problem sein, dass sich bei Ihrer Frau und bei Ihnen selbst auch durch die Jahre des Zusammenlebens nicht verändert hat. Und mal Hand aufs Herz: Wer hat nicht erlernte Denk- und Verhaltensmuster, die er von seiner Familie übernommen hat? Wir alle sind ja tief durch unsere Herkunft geprägt.

Die Frage, ob Sie sich trennen wollen oder nicht, haben Sie selbst schon beantwortet: Sie würden es gerne, aber Sie haben Angst vor den Konsequenzen. Vielleicht kann man an der Stelle sagen, dass jeder auch dafür verantwortlich ist, was er aus der Situation macht. Sie scheinen sich sehr große, vielleicht übergroße, Sorgen um die Reaktionen der anderen zu machen und sehr viel Verantwortung dafür zu übernehmen, wie es denen geht. Es würde Ihnen bestimmt helfen, mehr bei sich zu bleiben, mit einem Blick für die anderen.

Eine alternative Sichtweise für Sie könnte sein: Ich habe mein Leben dafür gearbeitet, um ein Haus zu kaufen. Wenn es verkauft werden muss, teilen wir das Geld und kaufen uns jeder eine schöne Wohnung, die die Kinder dann irgendwann mal erben. Das Geld ist ja nicht vernichtet.

Zweitens: Warum wollen Sie Ihrer Frau auf längere Sicht das Haus überlassen und sich dadurch einen Nachteil verschaffen? Ich finde es sehr fair von Ihnen, dass Sie Ihre Frau nicht übervorteilen wollen, aber auf der anderen Seite finde ich es unfair Ihnen selbst gegenüber, dass Sie sich selbst benachteiligen wollen. Und es kann gut sein, dass Ihre Frau niemals auszieht, wenn Sie erst einmal im Haus bleiben kann.

Drittens: Sie bieten Ihrer Frau eine faire Trennung an, ohne eine Geliebte, ohne unlautere Absichten. Weil Sie die nächsten Jahrzehnte nicht so weiterleben wollen wie bisher und sich nichts ändern wird. Sie bieten Ihrer Frau trotzdem an, sich um sie zu kümmern, einen familiären Kontakt mit ihr zu haben und sich um sie zu sorgen. Ob Ihre Frau das annimmt oder Ihnen statt dessen den Fehdehandschuh hinwirft, liegt in der Verantwortung Ihrer Frau. Und es wäre auch wichtig, dass sie sich ebenso wie Sie auch - auch im Interesse der Kinder - um eine friedliche Lösung bemüht. Dazu gehören zwei.

Vielleicht ist es hilfreich, einen Blick auf den Weg zu werfen, der vor Ihnen liegen könnte: Es bietet sich an, als ersten Schritt eine Paartherapie mit offenem Ausgang zu machen, in der der trennungsunwillige Partner darauf vorbereitet wird, dass der andere sehr unzufrieden ist, keine Änderung sieht und sich trennen möchte, wenn sich nichts grundlegend ändert. Manchmal wird die Möglichkeit einer Veränderung der Partnerschaft auch noch ausgelotet - oft klappt sie nicht, und wenn sie dann gescheitert ist, wissen beide, dass die Beziehung nicht zu retten ist.

Das ist ein sehr transparenter Weg und der Partner, der sich nicht trennen will (Ihre Frau) wird zudem therapeutisch unterstützt. Das müssten Sie nicht machen, was bestimmt entlastend ist. Hier könnte auch die Trennung therapeutisch begleitet werden und Sie könnten immer wieder betonen, dass Sie einen freundschaftlich- familiären Kontakt mit Ihrer Frau wünschen.

Ihre Frau könnte in Absprache mit der Therapeutin oder dem Therapeuten auch die Trennung bei der schon bekannten Paartherapeutin alleine aufarbeiten und nach Perspektiven suchen. Was Ihre Frau daraus macht, ist dann ihr überlassen. Vielleicht können Sie sich von der Verantwortung befreien, die daraus entsteht? Sie versuchen anscheinend, es allen mehr Recht zu machen als sich selbst…

Die Unterstützung durch die "Profis" ist nicht zu unterschätzen. Wenn Ihre Frau während der Therapie umkooperativ wäre, manipuliert oder droht, wird auch das therapeutisch gespiegelt. Das würde Ihnen helfen, sich davon abzugrenzen, und Sie könnten es sogar in der Therapie thematisieren, wie Sie sich fühlen, wenn Sie dauernd Verantwortung für die Gefühle Ihrer Frau übernehmen. 

Der zweite Schritt ist eine Mediation, in der die Einzelheiten der Trennungsfolgen besprochen werden. Wer bekommt das Haus, wer bekommt wie viel Unterhalt, wer kümmert sich um minderjährige Kinder (in Ihrem Fall hat sich das erledigt), wer bekommt welchen Hausrat.

Optimalerweise finden Sie einen Umgang, in dem Sie auch mal gemeinsam mit den Kindern essen können oder vielleicht sogar gemeinsam Weihnachten feiern. Denn Sie können sich das vorstellen und würden einiges dafür tun. Es liegt nun an Ihrer Frau, ob sie sich auch im Interesse aller darum bemüht.  Und wenn nicht, werden Ihre Kinder damit umgehen lernen müssen. Sie sind erwachsen, und Sie schulden Ihren Töchtern nicht, dass Sie ewig in einer unglücklichen Beziehung bleiben, damit Ostern wie gewohnt stattfindet. Ich kenne viele Kinder, die sich sogar wünschen, dass Ihre Eltern sich getrennt hätten, weil sie das Unglück eines Elternteils nicht verursachen wollen.

Herzliche Grüße und viel Mut für den nächsten Schritt wünscht Ihnen

Julia Peirano

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