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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Sie ist eine faszinierende Frau, doch kann ich mich auf eine offene Beziehung einlassen?

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Sie ist eine faszinierende Frau, doch kann ich mich auf eine offene Beziehung einlassen?
Karina ist ihrer Kollegin nähergekommen. Mira will keine exklusive Bindung – sie will auch Sex mit anderen. Karina ist eifersüchtig und weiß nicht, ob sie es ausprobieren soll.

Liebe Frau Peirano,

Ich (w, 32) bin in den letzten Monaten einer Arbeitskollegin (Mira) nähergekommen und habe mich auch nach langer Zeit mal wieder verliebt. Sie sagt mir, dass sie sie auch verliebt hat und sich mit mir sehr wohl fühlt. Aber jetzt kommt der Haken: sie sagte mir auch, dass sie nicht der Typ für eine exklusive Beziehung ist und mir da nichts versprechen könne oder wolle.

Ich war überrascht und auch verletzt, weil ich mir bisher nicht vorstellen konnte, eine offene Beziehung zu haben. Man hört ja ganz unterschiedliche Dinge darüber, und irgendwie bin ich skeptisch.

Ich bin auch nicht frei von Eifersucht und weiß nicht, wie ich damit umgehen würde, wenn Mira noch mit anderen Frauen (oder auch Männern) Sex hat. Auch wenn sie sagt, dass es nicht darum gehen würde, sich in jemand anderen zu verlieben.

Wir haben lange diskutiert, und im Endeffekt habe ich mich so halb darauf eingelassen. Bisher ist auch nichts passiert und ich bin die Einzige. Aber es bleibt irgendwie so eine Unsicherheit, dass ich ihr nicht genüge oder dass sie sexuelle Probleme zwischen uns von vorneherein voraussetzt. Sie meint aber, dass es mit uns beiden im Bett sehr gut für sie läuft.

Ich komme damit schwer klar. Deshalb wollte ich mal fragen, ob Sie meinen, dass wir es versuchen sollten oder ich mich gleich zurückziehen soll.

Was mir ehrlich gesagt sehr schwerfallen würde, denn Mira ist eine faszinierende Frau.

Viele Grüße,

Karina G.

Liebe Karina G.,

Ich kann Sie nur dazu beglückwünschen, dass Sie sich und Ihre widersprüchlichen Gedanken und Gefühle so genau wahrnehmen. Es ist genau richtig, in einer solchen Situation erstmal in Ruhe und mit etwas Abstand wahrzunehmen, was man denkt und fühlt, um für sich die richtige Entscheidung zu treffen.

Im Moment sind offene Beziehung vielen Kreisen sehr angesagt und gelten als fortschrittlich. Man liebt sich, aber lässt einander auch Freiraum, weil man sich nicht einschränken oder einengen will. So ist das ausschlaggebende Argument. Viele Paare wollen von Anfang an experimentieren, andere suchen in einer offenen Beziehung eine Möglichkeit, eine sexuell etwas eingeschlafene Beziehung zu erhalten, ohne körperlich und erotisch zu verdursten. Und das Ganze soll eben mit dem Einverständnis des/der Anderen vonstattengehen, damit man möglichst ehrlich und erwachsen mit der sexuellen Freiheit umgehen kann und sich nicht belügen muss. Soweit die Theorie.

In einigen Fällen gelingen offene Beziehungen auch, insbesondere wenn beide wirklich ehrlich und   wertschätzend miteinander reden und immer wieder mit dem anderen austarieren, was für beide tragbar und förderlich ist.

In der Praxis sieht es allerdings so aus, dass oft ein*e Partner*in sich die Öffnung der Beziehung stärker wünscht als der/die andere. Das bedeutet, dass derjenige, der sich das schwerer vorstellen kann, dann einen faulen Kompromiss eingeht oder in den sauren Apfel beißen musst, um den/die andere*n nicht zu verlieren.

Dabei habe ich oft erlebt, dass trotz aller getroffenen Absprachen und Versprechungen (sich nicht in andere zu verlieben, ehrlich zu bleiben, den anderen trotz sexueller Freiheit an erste Stelle zu setzen) über den Haufen geworfen werden. Das kann dann noch böser ins Auge gehen als eine heimlich Affäre…

Wie bitte soll man kontrollieren, dass man sich nicht verliebt? Wie soll man versprechen, dass man nicht jemanden kennen lernt, mit dem man sich eine Beziehung vorstellen kann? Wie soll man im Feuer der Leidenschaft (und darum geht es ja) einen kühlen Kopf bewahren und sich an die Absprachen halten, die man mal getroffen hat? Insbesondere, wenn vielleicht Alkohol im Spiel ist. Und was ist eigentlich mit der dritten Person: werden ihr von vorneherein alle Bedürfnisse auf „mehr“ Beziehung versagt und ist sie nur ein/e Sexpartner*in für die Momente, in denen es dem ursprünglichen Paar gerade passt? Und wenn ja: wie mag sich das anfühlen? Und was wäre, wenn die dritte Person sich nicht darauf einlässt und auf eine Veränderung der Spielregeln pocht?

Natürlich kann man auch in einer als exklusiv angelegten Beziehung nicht verhindern, dass eine/r Sex mit anderen haben will oder auch hat, dann lügt oder betrügt und womöglich die Beziehung darunter zerbricht. Auch das geschieht oft genug. Das Thema Monogamie ist nicht einfach, da viele Menschen in sich sowohl den Wunsch nach einer stabilen Partnerschaft als auch das damit nur schwer vereinbare Bedürfnis nach Abenteuern mit wechselnden Sexualpartner*innen in sich tragen. Ein schwieriges Thema, das übrigens in vielen Partnerschaften nicht befriedigend gelöst werden kann.

Die wichtigste Frage ist jedoch, ob beide Partner*innen von einer offenen Beziehung gleichermaßen profitieren. Wie ist es denn mit Ihnen, Karina? Wünschen Sie sich auch, dass Sie mit Miras Einverständnis mit anderen Partner*innen Sex haben dürfen? Gehört das zu Ihren geheimen Fantasien, die Sie bislang einfach noch nicht in die Tat umgesetzt haben? Oder wünschen Sie sich eigentlich eine Zweierbeziehung, in der man miteinander versucht, eine möglichst erfüllende Sexualität zu entwickeln, in der kein Dritter etwas zu suchen haben sollte?

Worauf ich hinaus will: Prüfen Sie doch einmal für sich, ob Sie einer offenen Beziehung überwiegend zustimmen würden, damit Sie Mira nicht verlieren, oder ob Sie selbst auch etwas davon hätten.

Die nächste Frage ist das Thema Verlustängste und Eifersucht. Mal Hand aufs Herz: Wie geht es Ihnen denn bei der Vorstellung, dass Ihre Partnerin eines Tages nach Hause käme und Ihnen erzählt, dass sie aufregenden Sex mit jemand anderem hatte? Wäre das für Sie schmerzhaft und verletzend? Ich habe auch schon Paare erlebt, bei denen ein Partner es erregend fand, wenn der/die andere Sex mit anderen hatte - das wäre ein Argument für eine offene Beziehung.

Aber zumindest müsste es so sein, dass es Sie nicht stören würde, wenn Mira Sex mit anderen hätte, sonst sind Verletzungen, Streit, Machtkämpfe und ein Vertrauensverlust vorprogrammiert.

Dr. Julia Peirano: Der geheime Code der Liebe

Ich arbeite als Verhaltenstherapeutin und Liebescoach in freier Praxis in Hamburg-Blankenese und St. Pauli. In meiner Promotion habe ich zum Zusammenhang zwischen der Beziehungspersönlichkeit und dem Glück in der Liebe geforscht und anschließend zwei Bücher über die Liebe geschrieben.

Informationen zu meiner therapeutischen Arbeit finden Sie unter www.julia-peirano.info.

Haben Sie Fragen, Probleme oder Liebeskummer? Schreiben Sie mir bitte (maximal eine DIN-A4-Seite). Ich weise darauf hin, dass Anfragen samt Antwort anonymisiert auf stern.de veröffentlicht werden können.

Schauen Sie doch mal, ob Sie sich vorstellen können, dass der weise Anteil Ihrer Persönlichkeit (die innere Ratgeberin) Ihnen voller Überzeugung raten kann, sich auf das Experiment offene Beziehung einzulassen und ob Sie glauben, dass Sie daran wachsen werden (z.B. besser loslassen, sich aus Abhängigkeiten befreien, mehr auf sich selbst gestellt sein, die eigene sexuelle Lust vielfältig ausprobieren). Wenn Sie jetzt den Kopf schütteln und denken, dass Sie keine guten Gründe dafür finden, sollten Sie es sein lassen.

Interessant finde ich auch die Frage, warum Mira kategorisch zu Beginn einer Beziehung darauf drängt, eine offene Beziehung zu führen. Klingen aus Ihrer Sicht da auch Ängste mit, sich auf Sie einzulassen und mit Ihnen Wege zu einer erfüllten Partnerschaft zu finden? Klingt da auch eine Art Fluchtmotiv mit durch: Es gibt ja eh niemanden, der mich alleine erfüllen kann, deshalb lasse ich mich von vorneherein nicht darauf ein?

Es wäre sicher interessant und aufschlussreich, noch einmal genau nachzufragen, was für Erfahrungen Mira dazu veranlasst haben, nur offene Beziehungen führen zu wollen.

Ich bin sicher, dass Sie dann für sich eine gute Antwort finden werden!

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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