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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Lagerkoller: Während des Lockdowns sind mein Partner und meine Tochter dauergenervt

Für Familien ist der Lockdown oft besonders hart (Symbolbild)
Für Familien ist der Lockdown oft besonders hart (Symbolbild)
© fizkes / Getty Images
Zuhause, das ist für die meisten Menschen ein Rückzugsort. Doch durch den Lockdown ist oft es der einzige Ort. Das führt auch in Christianes Familie zu Reibereien. Wie geht man am besten damit um?

Liebe Frau Peirano,

ich bin 48, Architektin, Mutter von zwei Töchtern. Die ältere, Teresa, ist 23 und studiert in einer anderen Stadt. Sina ist 19, studiert in ihrer Heimatstadt und lebt noch zu Hause.

Ich bin seit acht Jahren vom Vater der Kinder getrennt, unser Verhältnis ist recht friedlich. Er lebt 300 km entfernt. Seit vier Jahren habe ich einen neuen Partner (Jens), kinderlos, sehr freundlich und hilfsbereit. Als sich 2019 abzeichnete, dass die Kinder bald aus dem Haus gehen, ist er bei mir eingezogen, und es lief auch ganz gut. Bis zum zweiten Lockdown.

Seit November sind wir drei (mein Partner, Sina und ich) überwiegend zu Hause. Sina studiert online, mein Partner und ich machen überwiegend Home-Office. Wir leben in Norddeutschland, das Wetter ist unwirtlich, und wir haben eine ganz normale 3,5-Zimmer-Wohnung.

Ich weiß, dass es vielen so geht, aber seit dem Lockdown treten wir uns zu Hause gegenseitig auf die Füße. Sina hilft im Haushalt nicht so mit, wie ich mir das vorstelle, und da mein Partner sehr ordentlich ist, räumt er dann mal schnell die Küche auf oder geht einkaufen. Sie hört manchmal abends und nachts laute Musik (ich weiß, normal für ihr Alter) und er kann nicht schlafen. Er sagt ihr zwar am nächsten Morgen etwas, aber ein paar Tage später wacht er wieder nachts von ihrer Musik auf. Ich merke davon nichts, weil ich einen tiefen Schlaf habe.

Eigentlich versteht sich Sina mit meinem neuen Partner gut, sonst wäre er auch nicht hier eingezogen. Aber er ist beruflich gerade sehr eingespannt und braucht Ruhe, und ständig gibt es hier Reibereien. Nichts Weltbewegendes oder Außergewöhnliches, aber Kleinvieh macht halt auch Mist. Und in diesem Fall ist der Misthaufen recht groß geworden. Es ist fast täglich etwas: Das Ladekabel seines Handys verschwunden oder kaputt, dann mal zwei oder drei Freunde von ihr da (das ist nicht erlaubt, aber sie fragt auch nicht vorher), dann fehlt das letzte Stück Obst, Unordnung im Wohnzimmer, Sina hat pampige Stimmung, morgens steht dreckiges Geschirr herum und die Geschirrspülmaschine ist nicht ausgeräumt, meine Jacke wurde "ausgeliehen" und riecht nach Rauch…

Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Typ und es ist nicht meine Art, Sina harte Ansagen zu machen. Außerdem möchte ich, dass sie sich bei mir wohlfühlt, es ist auch ihr Zuhause. Ich bin dagegen, dass sie jetzt schon auszieht. Einerseits weil ich denke, dass sie noch etwas Geborgenheit und Halt braucht (das sagt sie selbst) und auch aus finanziellen Gründen (ohne Kindergeld und Unterhalt würde es etwas eng, vor allem, wenn ich Sina noch Unterhalt zahlen muss). Ich habe aber Schuldgefühle gegenüber meinem Partner, weil er wegen meiner Tochter nicht die Ruhe bekommt, die er bräuchte. Und die unausgesprochenen Konflikte und Reibereien belasten unsere Beziehung unterschwellig. Wir haben selten Sex, auch weil Sina ständig zu Hause ist.

Ich versuche also, Jens zu beschwichtigen oder ihm mehr Ruhe zu geben. Ich überlasse ihm unser Schlafzimmer tagsüber und arbeite in der Wohnküche, ich übernehme ein bisschen mehr Aufgaben im Haushalt und versuche, schneller zu sein als er, damit nicht zu viel an ihm hängen bleibt.

Aber es gibt oft dicke Luft, und ein Ende ist nicht wirklich abzusehen. Ich würde mich über ein paar Tipps freuen. 

Viele Grüße und danke,

Christiane Z.

Liebe Christiane Z.,

ich kann gut verstehen, dass Sie von dem doppelten Lockdown (einer durch Corona, einer durch das winterliche Wetter) genervt sind! Ihr Familienleben ist durch die Einschränkungen empfindlich aus dem Gleichgewicht gebracht worden, und das strengt an. Gerade zu Hause, wo man sich ja eigentlich zurück ziehen und regenerieren will, ist Stress besonders belastend.

Ich kann Ihnen nur sagen, dass es sehr vielen Familien im Moment geht wie Ihnen. Normalerweise würde Sina an der Uni sein, ihre Freund*innen treffen, anderen Aktivitäten nachgehen. Normalerweise würden Sie und Ihr Partner wahrscheinlich ins Büro gehen oder hätten auch mal tageweise die Wohnung für sich. Normalerweise könnte jeder auch mal ausweichen, wenn es ihr*ihm zu Hause zu anstrengend wird: Eine Kurzreise, ein Tag in der Sauna, ein Abend im Restaurant/Kino/Theater, dazu hätte jeder wahrscheinlich noch Freizeitaktivitäten außer Haus.

An all das ist zur Zeit nicht zu denken. Man verbringt die meiste Zeit zu Hause, isst zu Hause (wo sonst?), sieht zu Hause seine Freund*innen, macht Heimkino als Abendunterhaltung. Und dadurch wird die gesunde Nähe-Distanzregelung, die man sich über Jahre erarbeitet hat, über den Haufen geschmissen und alle Grenzen eingerissen.

Dass eine 19-jährige gerne mal mit Freundinnen alleine "sturmfrei" hat, während die Eltern ein Wochenende weg sind, ist normal. Sina ist wahrscheinlich genervt, dass es nicht geht und sie ständig Rücksicht nehmen muss (was sie für ihre Verhältnisse wahrscheinlich auch schon tut).

Dass jeder mal gerne allein weggeht und andere Menschen trifft oder sich auch mal freut, die Wohnung für sich zu haben (wofür auch immer), ist gesund und normal. Daran ist zur Zeit nicht zu denken. Man muss ständig Rücksicht nehmen und als Eltern möglichst entspannt ein Auge zudrücken, damit es nicht ständig Streit gibt.

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Und dass ein Paar auch gerne mal "sturmfrei" hat und weiß, die Tochter ist ein paar Tage abwesend, damit man einfach mal Paar sein kann und keine Erziehungsberechtigten, ist auch gut zu verstehen.

Da wir alle nicht wissen, wie lange die Sondersituation noch dauert, würde ich folgende Dinge vorschlagen:

  • Sie setzen sich mit Sina und Jens zusammen und machen zusammen einen kleinen Krisengipfel. Jeder darf sagen, wo es bei ihm am meisten brennt, was am stärksten nervt und was er braucht.
  • Dann gibt es für die Zeit des Lockdowns ein paar verbindliche Spielregeln. Z.B. Jens und Sie gehen doch mal Dienstags ins Büro, anstatt Home-Office zu machen, und Sina hat die Wohnung für sich. Und im Gegenzug geht sie Donnerstags zu einer Freundin und studiert mit ihr zusammen.
  • Es wäre auch sinnvoll, ein paar Lichtblicke zu schaffen: Sina fährt vielleicht mal eine Woche zu ihrem Vater oder Freunden, und sie planen alleine oder mit Jens auch ein verlängertes Wochenende auswärts. Tragen Sie es in einen Kalender ein, das schafft Realitäten.
  • Wichtig ist, dass die Dinge, die nerven, möglichst konkret und sachlich benannt werden (ich mag es nicht, wenn ich dein Geschirr wegräumen muss) und die Veränderungsvorschläge möglichst als Wunsch formuliert werden ("Kannst du bitte nach 21 Uhr Musik bei Zimmerlautstärke hören?").

Ihr Anliegen ist ja gerade, friedlich und respektvoll miteinander in dieser Ausnahmesituation zu leben, und da ist sachliche und konkrete Kritik immer der Königsweg. Und das Einhalten der VW-Regel (Vorwürfe in Wünsche umformulieren).

Falls alle Stricke reißen, ist die Frage, ob Sie sich als Familie in der Übergangszeit eine Ferienwohnung (die ja sowieso leer steht) als Ausweichswohnung mieten können und absprechen, wer wann dorthin zieht.

Und gut wäre es, wenn Sie mit Jens öfter spazieren gehen (was ja zum Glück erlaubt ist) und sich über die Situation austauschen und sich gegenseitig Mut machen.

Und hoffen wir mal, dass das Licht am Ende des Tunnels schon zu sehen ist und jeder wieder seine gewohnten Tagesabläufe haben kann.

Herzliche Grüße, Julia Peirano


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