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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Meine Frau ist ein Pflegefall. Bin ich egoistisch, wenn ich eine Kollegin liebe?

Eine unbeschwerte Liebe ist für Friedrich nicht selbstverständlich (Symbolbild)
Eine unbeschwerte Liebe ist für Friedrich nicht selbstverständlich (Symbolbild)
© skynesher / Getty Images
Jahrelang hatte Friedrichs Frau ihn unterstützt. Als sie durch eine schwere Krankheit zum Pflegefall wurde, war es für ihn selbstverständlich, dasselbe für sie zu tun. Dann verliebte er sich in seine Kollegin. Muss er ein schlechtes Gewissen haben?

Sehr geehrte Frau Peirano,

kurz zu meiner Person: Ich bin 64 Jahre alt (sehe jünger aus, dank der Gene meiner Mutter), verheiratet zwei erwachsene, sensible Kinder (beide mit Uni-Abschluss) und arbeite als selbständiger Sprachlehrer. 

Meine Frau und ich kennen uns seit der Schulzeit (in Mathe habe ich immer bei ihr abgeschrieben) und kurz nach dem Abi sind wir zusammen gekommen. Unsere Ehe verlief "normal", keine größeren Ups and Downs. Vor einigen Jahren erkrankte ich an Depressionen und diese Krankheit hatte mich zwei bis drei Jahre fest im Griff. Meine Frau hielt zu mir und überhaupt habe ich die größte Hochachtung vor ihr.

Vor elf Jahren ereilte meine Frau ein schreckliches Schicksal: Sie erkrankte an einer klinisch, atypischen MS, mit dem Resultat, dass sie nun zu 100 Prozent schwerbehindert ist, mit den Merkzeichen B (Begleitperson) , G (Beeinträchtigung der  Bewegungsfähigkeit) und H (Hilflosigkeit). Es stand außer Frage, dass ich nun für sie da war. Ich schmiss meinen Job, einige Zeit lebten wir von Sozialhilfe, aber wir bekamen das irgendwie geregelt. Die Kinder machten ihre Abschlüsse und unterstützten mich, so weit es ging. Die beiden gingen unterschiedlich mit der Erkrankung ihrer Mutter um.

Vor knapp fünf Jahren hatte ich die Möglichkeit in einer Sprachschule einen beruflichen Neuanfang zu starten. Alles lief gut, bis ich vor ca. zwei Jahren mit einer Kollegin näher zusammen kam. Am Anfang mit einem unglaublich schlechtem Gewissen gegenüber meiner Familie, entwickelte sich diese Liaison zu einer richtig großen, gegenseitigen Liebe! Und nun stehe ich da und weiß weder ein und aus.

Wir haben uns vor Kurzem getrennt, aus dem Grund der Ausweglosigkeit. Ich kann und will meine Frau doch nicht einfach in ein Heim abschieben! Aber ich möchte auch mit meiner Kollegin zusammen sein. Ich finde dort viele Dinge, die ich bei meiner Frau nicht mehr finden kann: Gespräche, Berührungen, Sex, sich fallenlassen und vieles mehr. Das tut mir gut. Wie weit darf ich in solch einer Situation egoistisch sein? Darf ich das überhaupt? Ich selbst bekomme diese Vernunfttrennung überhaupt nicht geregelt. Physische und psychische Probleme sind das Resultat. Zwar versuche ich mit täglichem Sport gegenzusteuern, aber das hält nur für kurze Zeit vor. Ohne das Beruhigungsmittel Tavor bekomme ich nichts mehr geregelt!

Deshalb wende ich mich, ziemlich verzweifelt, an Sie. Ich erwarte keine Durchschlagung des gordischen Knotens, aber vielleicht können Sie mir mit Ihrem Rat einen Weg weisen, mir etwas Erleichterung verschaffen.

Mit freundlichen Grüßen in meine Heimatstadt

Friedrich S.

Lieber Friedrich S.,

Ihre Situation sieht von außen etwas klarer und lösbarer aus als wahrscheinlich von Ihrer Perspektive als Betroffener inmitten des gordischen Knotens.

Es hört sich so an, als wenn Sie unter einem massiven Loyalitäts-, Schuld- und Gewissensproblem leiden. Haben Sie bezüglich Schuld Vorbelastungen aus Ihrer Ursprungsfamilie mitbekommen, Aufträge wie "Du musst dich um alle kümmern, du musst dich zurück stellen"?

Sie haben Jahrzehnte mit Ihrer Frau verbracht, Seite an Seite, sind durch Höhen und Tiefen gegangen. Sie hat Ihnen geholfen, Sie haben ihr geholfen. Und seit elf Jahren hat Ihre Frau ein Schicksalsschlag ereilt, den man vorher nicht absehen konnte. Sie hat MS, ist schwer erkrankt, schwer behindert und pflegebedürftig.

Aus meiner Sicht haben sich mit der Erkrankung Ihrer Frau auch die Themen und Bedürfnisse in Ihrer Ehe verändert. Es geht nicht mehr um partnerschaftliche Liebe auf Augenhöhe, um gemeinsame Interessen oder um Zärtlichkeit und Sex, sondern es geht um eine Abhängigkeit und darum, dass Ihre Frau auf Hilfe angewiesen ist.

Haben Sie früher, als Ihre Frau noch gesund war, mit ihr darüber gesprochen, wie Sie als Paar oder jeder für sich damit umgehen würden, wenn der Partner/die Partnerin ein Pflegefall wird? Was glauben Sie, hätte Ihre Frau vor der Erkrankung über die jetzige Situation gesagt? Welche Haltung passt zu Ihr?

Ich ziele hier auf die Frage der Treue und Ausschließlichkeit ab. Wenn Ihre Frau gesund wäre, wäre das Thema einer Nebenbeziehung (wie der mit Ihrer Kollegin) wahrscheinlich ausgeschlossen. Es hieße: Entweder Ihre Frau oder die Kollegin, und es würde sich wahrscheinlich auf eine massive Krise und/oder Trennung hinauslaufen.

Aber so scheinen die beiden Frauen mit ihren Interessen an Ihnen ja nicht zu konkurrieren. Höchstens um Ihre Zeit.

Vielleicht hilft ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn nicht Ihre Frau, sondern Mutter oder Tochter an MS erkrankt wäre?

Ich vermute, Sie würden sich um die Pflege Ihrer Mutter oder Tochter kümmern, ob zu Hause, mit einem Pflegedienst oder im Heim, und nebenbei eine Beziehung führen und versuchen, durch Sport oder andere Aktivitäten wieder Kraft zu tanken. Pflege ist sehr anstrengend und sollte möglichst auf viele Schultern verteilt werden, damit keiner sich verausgabt.

So genau habe ich nicht verstanden, was Sie davon abhält, genau das gleiche Lebensmodell wie mit einer erkrankten Mutter mit Ihrer Frau und Ihrer Kollegin zu leben.

Wie,  wo und mit welcher Betreuung Ihre Frau am besten aufgehoben ist, könnten und sollten Sie sich noch einmal ergebnisoffen anschauen.

Wie viel Zeit Sie damit verbringen, Ihre Frau zu unterstützen und wie oft Sie Ihre Kollegin sehen können, ist auch zu überlegen.

Aber warum schließt das eine das andere aus? Geht es um Schuldgefühle - und wenn ja, warum? Oder geht es um Eifersucht? Und wenn ja, von wem?

Vielleicht hilft es, sich in Ihre Frau hinein zu versetzen und sich vorzustellen, was Ihr am wichtigsten ist. Ich nehme an, dass sie im Alter und in ihrer Krankheit nicht alleine sein will und Sie als vertrauten Menschen nicht verlieren will. Wahrscheinlich hätte sie Verständnis dafür, dass Sie eine gesunde Frau an Ihrer Seite brauchen für all das, was sie selbst nicht mehr kann. Und außerdem könnten Sie sich fragen, ob Ihre Frau von der Beziehung zu Ihrer Kollegin wissen muss.

Ich habe einen Buchtipp für Sie:

"Was passiert mit der Liebe, wenn der Partner zum Pflegefall wird?" 

von Birgit Ehrenberg

Und noch etwas: Bitte finden Sie eine Alternative zu Tavor. Das Risiko einer Abhängigkeit ist sehr hoch! Sprechen Sie mit einer Ärztin, ob vielleicht ein Antidepressivum eine gute Alternative wäre.

Alles Gute für Sie! Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich von Ihren Schuldgefühlen befreien können und eine Lösung finden, die im Interesse aller ist, auch in Ihrem eigenen Interesse!

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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