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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Die Kinder meines Partners sind Proleten - und ich schäme mich für sie"

Katrin hat seit einem Jahr einen neuen Partner. Seine erwachsenen Kinder findet sie fürchterlich. Sie rauchen, saufen, sind ziemliche Proleten und wählen AfD. Katrin schämt sich für sie. Wie kann sie mit der Situation umgehen?

Neue Beziehung

Die Kinder ihres neuen Partners sind Katrin peinlich.

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Ich bin seit einem Jahr mit meinem Partner (54) zusammen. Seine Frau ist einige Monate vor unserem Kennenlernen verstorben, er hat zwei mit ihr, einen Sohn (26) und eine Tochter (22).

Nun ist es so, dass ich in letzter Zeit gemerkt habe, dass ich seine Kinder nicht mag, ja, mich sogar für sie vor meinen Freunden schämen würde. Die verstorbene Frau meines Partners war eine einfache Bäckereiverkäuferin. Ich schäme mich dafür, das zu schreiben, aber ich glaube, sie war nicht sehr gebildet und wohl recht "prollig". Dies merkt man nun auch deutlich an der Erziehung der Kinder. Sie sind nicht unfreundlich, aber mir gefallen einige Dinge nicht. Z. B. werden dort Alkohol- und Zigarettenkonsum sehr groß geschrieben. Die ganze Familie raucht und ständig sind Sohn und Tochter am Wochenende betrunken. Dies erzählen sie ganz normal beim Kaffeetrinken und "prahlen" damit. Ruhige und nette Unterhaltungen über Kultur, Politik oder Ähnliches gibt es in der Art nicht mit ihnen. Die Tochter wählt die und spricht offen darüber (aber sehr undifferenziert). Der Sohn verkehrt auch in ähnlichen Kreisen.

Mein Partner ist anders, aber meiner Meinung nach fehlt es ihm an Autorität. Er und ich können uns gut über Dinge austauschen und haben auch oft eine ähnliche Meinung. Ich muss dazu sagen, dass ich keine Kinder habe und meine eigene familiäre Situation mit meiner Ursprungsfamilie nie einfach war. Deswegen weiß ich nicht, ob es mir zusteht, über die Familie zu urteilen. Sie halten zusammen und mögen sich, aber ich kann mit ihrer Lebensart wenig anfangen.

Ich habe studiert und meine Freunde sowie Kollegen sind ein wenig anders. Würden sie die Kinder kennenlernen und erleben, wären sie sicherlich erstaunt und entsetzt, dass ich mir das "antue". Ich habe auch ausländische Freunde und mir ist die undifferenzierte Meinung der Tochter äußerst unangenehm.

Meine Frage ist, ob diese Situation Zukunft für meinen und mich hat und wie ich damit umgehen kann. Ich habe zunächst alles versucht, nie etwas darüber gesagt und immer etwas Positives gesucht, damit dort kein Stress entsteht. Doch in letzter Zeit merke ich, dass ich an meine Grenzen gekommen bin, zumal die Tochter meines Partners mich immer mal wieder anzickt. Sie fühlt sich von uns beiden als die Überlegenere (mit 22!) und Coolere, da sie ja nun trinkt, raucht und immer auf Parties geht. Ich gehe darauf nicht ein, aber es nervt mich.

Vielen Dank im Voraus!

Katrin Siebert

Liebe Katrin Siebert,

Ich kann gut verstehen, dass Sie die "Kinder" Ihres neuen Partners nicht mögen. Sie scheinen wenig Gemeinsamkeiten mit Ihnen zu haben und in einer völlig anderen Welt zu leben - und zwar in einer Welt, die Ihnen fremd ist und die Sie ablehnen. Es hört sich so an, als wenn der Hintergrund, die Werte und die "Chemie" grundsätzlich nicht stimmen. Können Sie das denn so akzeptieren oder haben Sie das Gefühl, dass Sie eigentlich die Kinder Ihres neuen Partners mögen müssten?

Patchwork-Familien stellen jeden vor große Herausforderungen, und es klappt oft nicht so reibungslos und harmonisch, wie man es sich vorstellt. Gerade zwischen den Kindern des Partners und der "Stiefmutter" gibt es oft Spannungen.

Bei Ihnen ist die Situation deutlich entspannter, weil die Kinder Ihres Partners erwachsen sind und Sie anscheinend nicht mit Ihrem Partner zusammen wohnen. Deshalb können Sie sich, anders als beim Zusammenleben mit jüngeren Kindern, viel besser abgrenzen.

Sie können entscheiden, wie weit Sie sich involvieren möchten. Meistens ist es ja so, dass die Menschen an sich nicht das Problem sind, sondern es um den Platz geht, den man ihnen in seinem Leben zuweist. Ich habe zum Beispiel kein Problem mit meinem Fliesenleger, solange er hier nur Fliesen legt und ich ihm Kaffee koche und wir kurz plaudern. Als meinen Partner kann ich ihn mir nicht vorstellen. Ebenso gibt es ja enge Freunde, flüchtige Bekannte, Ex-Freundinnen, zu denen man oberflächlichen Kontakt hat, Ex-Freunde, mit denen man kein Wort wechselt usw. Und wenn jeder den richtigen Platz bekommt, läuft alles reibungslos.

Ich denke, dass es wichtig wäre, wenn Sie sich überlegen, welchen Platz Sie den Kindern Ihres Partners einräumen möchten. Es wäre ja auch durchaus denkbar, dass Sie die beiden selten treffen und Ihrem Partner das Feld überlassen, wenn er die beiden treffen will.

Wenn Sie das ihm gegenüber begründen, wäre es sicher diplomatischer, wenn Sie es so formulieren, dass Sie wenig gemeinsame Interessen haben, wenig mit ihnen anzufangen wissen, nicht die richtige Rolle finden als neue Partnerin so kurz nach dem Tod der Mutter etc. Es wäre gut, wenn Sie es schaffen, die Kinder nicht abzuwerten und ihn die Ablehnung nicht spüren zu lassen. Die Antipathie zwischen Ihnen und den Kindern wird sicher beidseitig sein, so dass auch die Kinder Ihres Partners vermutlich erleichtert sind, wenn sie Ihren Vater alleine treffen können.

Wie wäre es, wenn Sie Ihren Partner fragen, ob er mit dieser Regelung einverstanden ist? Vielleicht ist es für ihn auch einfacher, wenn er seine Kinder treffen kann, ohne die Spannungen zu spüren. Er wird ja auch merken, dass für beide Seiten die Situation nicht passt. Es wäre zu viel verlangt, wenn Sie erwarten, dass er sich Ihnen gegenüber kritisch über seine Kinder äußert oder zu Ihnen hält und gegen die beiden Partei ergreift. Besser wäre es, die Welten klar zu trennen. Und Ihren Freunden gegenüber können Sie vielleicht auch offen sagen, wie die Situation aussieht: Sie haben einen Partner gefunden, den Sie schätzen, aber dessen Kinder durch deren Mutter auf einer völlig anderen Wellenlänge sind. Wenn Sie den Kindern einen passenden Platz in Ihrem Leben eingeräumt haben, gibt es eigentlich auch keinen Grund mehr, sich zu schämen. Sie schämen sich ja wahrscheinlich auch nicht für Ihre Nachbarn?

Ich hoffe, dass Sie es so einrichten können, dass die Beziehung zu Ihrem neuen Partner nicht belastet wird. Schauen Sie doch auf die Zweisamkeit, die Sie beide haben, und betonen Sie ihm gegenüber, wie wichtig Ihnen das ist.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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