HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Unsere Ehe ist kaputt, wir haben Affären - sollen wir für die Kinder zusammenbleiben?"

Melanie und ihr Mann haben sich auseinander gelebt. Er arbeitet viel und hat Affären und auch Melanie trifft andere Männer. Sie wünscht sich, dass sie die Ehe retten kann - auch für die gemeinsamen Kinder. Aber kann das funktionieren?

Eheprobleme: Scheidung oder Beziehung retten?

Eheprobleme: Ist eine Zweckbeziehung ratsam?

Hallo Frau Peirano!

Ich bin Mitte 40, verheiratet und habe zwei . Eine glückliche Beziehung, Treue und ein erfülltes Sexualleben waren immer meine Priorität. Dafür tue ich sehr viel. Der Mann, mit dem ich nun seit über 20 Jahren zusammen bin, ließ mich all die Jahre darum arbeiten. Er holt sich seine Anerkennung aus seiner Arbeit. Das bisschen, was von ihm kam reichte mir. Wir hatten gute, aber auch viele schlechte Zeiten. Der Sex war gut, aber mir fehlte die Wertschätzung von ihm. Ich hatte auch mehr Lust auf Abwechslung und Abenteuer.

Er hatte immer wieder Geheimnisse, hinter die ich zufällig kam. Einmal stieß ich zufällig darauf, dass er eine Affäre hatte. Jetzt zeigt er keine Anstalten, diese Geschichte aufzuarbeiten. Ich versuchte, ihm mit offenem Herzen und offenen Armen in dieser Sache entgegen zu kommen. Wir haben es jetzt nach einiger Zeit geschafft, wieder eine Basis zu haben, auf der wir zusammen leben können. 

Aber diese Geschichte hängt gerade mir immer noch nach, da er mit den Informationen dazu nicht rausrückte. Er blieb sehr hart und verschlossen mit Auskünften, die mir wichtig waren. Ich war mir lange danach nicht sicher, ob er nicht noch weiter mit dieser Frau in Kontakt ist. 

In einem Portal für Seitensprünge wollte ich verstehen, warum fremdgehen. Ich ging nämlich davon aus, dass er seine Affäre so kennengelernt hat. Einige Wochen schrieb ich mit einigen Männern und lernte die andere Seite kennen. Es kam dann dazu, dass ich einen Mann besonders mochte und ihn wollte. Nach vielen Überlegungen trafen wir uns. Wir redeten viel und offen, und er wurde mein einziger Vertrauter. Wir führten eine on/off- Beziehung.

Als er sich zum 3. Mal nicht mehr meldete, suchte ich in dem Portal nach neuer Aufmerksamkeit, ich wollte eine neue Affäre finden. Ich traf mich mit mehreren Männern und innerhalb von 4 Monaten habe ich 2 neue Affären gehabt. Mit einer davon (er ist Single, will nur Sex, kann nicht zärtlich sein, aber ich mag ihn sehr gern) bin ich noch in Kontakt und jetzt meldete sich wieder die on/ off -Beziehung und es ist soooo schön. Wenn er mich wirklich wollte, würde ich sofort meinen Mann verlassen.


Mein Mann arbeitet ca. 90 Stunden pro Woche. Er hat sich selbstständig gemacht und ist seiner Arbeit verfallen. Ich manage die Familie und leide. Ich lenke mich mit den anderen Männern ab und weiß doch, dass es nicht richtig ist. Aber die Trennung kann ich aus familiären Gründen nicht durchziehen. Der richtige Moment dafür war noch nicht da. Und ich habe immer noch die Hoffnung, dass mein Mann endlich weniger arbeitet und wir uns wieder als Paar und Familie finden. Es ist alles sehr komplex... und ich bin sehr verzweifelt! Vom Kopf her weiß ich eigentlich was zu tun ist. Aber vom Herzen her bekomme ich das nicht hin ...
Liebe Grüße Melanie

Liebe Melanie,

ich wäre sehr interessiert daran gewesen, was Ihr Kopf in dieser Situation für richtig hält! Oft ist diese innere Stimme ein Kompass für den richtigen Weg und deshalb ein wertvoller Ratgeber, auch wenn es vielleicht noch nicht so einfach ist, diesen Weg konsequent einzuschlagen.

Ihre Lage ist sehr schwierig und unaufgeräumt, sowohl innerlich als auch äußerlich. Es ist sicherlich nicht einfach, das auszuhalten und nebenbei eine Familie zu managen.
Ihnen ist Ihre und die Familie sehr wichtig, aber Sie müssen feststellen, dass die Gefühle zwischen Ihnen und Ihrem Mann erkaltet sind. Sie sind enttäuscht und frustriert, dass er Sie mit der Verantwortung für die Kinder alleine lässt. Bei 90 Stunden Arbeit pro Woche bleibt ihm keine Zeit und Kraft, um aktiv und liebevoll am Familienleben teilzunehmen. Und zudem hatte er eine Affäre – oder mehrere Affären. Das hat Ihr Vertrauen in ihn zerstört. Besonders schwierig ist es, dass er nicht von alleine damit herausgerückt ist, sondern eigentlich signalisiert, dass er die Affären weiterführen möchte. Damit wird auch deutlich, dass er das Vertrauen zwischen Ihnen derzeit nicht wieder aufbauen möchte. Er hat die emotionale Verbindung zu Ihnen abgeschnitten, wahrscheinlich fühlt er sich ebenso wenig bestätigt und geliebt wie Sie und sucht Aufmerksamkeit und Bestätigung außerhalb. Auch die Arbeit ist für ihn ein Mittel, um Bestätigung zu erhalten. So wie Sie es schildern, war es keine gemeinsame Entscheidung, dass er sich selbstständig macht und so viel arbeitet. Es klingt so, als wenn er das im Alleingang entschieden hat und sie es zähneknirschend ertragen, alleine für die Erziehung der Kinder und das Familienleben zuständig zu sein.


Sie haben versucht, mit Ihrem Mann zu sprechen und an der Beziehung zu arbeiten. Er zeigt keine Bereitschaft dazu. Möglicherweise hat er die Ehe längst innerlich gekündigt. Wie wäre es, wenn Sie Ihrem Mann offen sagen, dass Sie sich so fühlen, als wenn die Liebes- und Paarbeziehung gerade auf Eis liegt und es in den Sternen steht, ob sich das noch verändert. Fragen Sie ihn doch, ob er es genau so empfindet. Wenn Sie beide an dem Punkt angelangt sind, könnten Sie ihn noch einmal fragen, ob er etwas dafür tun möchte, die Beziehung zu verbessern. Zum Beispiel wäre ein erster Schritt, an einem Tag am Wochenende nicht zu arbeiten und Zeit mit der Familie zu verbringen. Gemeinsam Urlaub zu machen. Gespräche zu führen, um die beiderseitigen Affären zu verarbeiten.

So festgefahren, wie die Situation ist, gehe ich jedoch davon aus, dass Ihr Mann ausweichen und keine Bereitschaft zeigen wird, an der Beziehung zu arbeiten. So hart es klingt: Dann wissen Sie zumindest, woran Sie sind. Ihnen bleibt dann eigentlich nur die Entscheidung, sich zu trennen oder zu benennen, dass Sie beide (zumindest in dieser Phase) eine reine Zweckbeziehung führen.


Wie kann eine Zweckbeziehung funktionieren?

Machen Sie sich doch ein paar konkrete Gedanken darüber, wie eine solche Zweckbeziehung aussehen könnte und welche Spielregeln sie hätte. Es gibt mehrere "Modelle". Das eine ist, dass man quasi als getrennte Eltern unter einem Dach wohnt: Jeder macht sein Ding, man hat wenig Berührungspunkte und Gemeinsamkeiten. Das andere ist, dass man den Schein des Familienlebens aufrecht erhält und zusammen isst, auf Familienfeste geht, Dinge mit den Kindern unternimmt. Dabei wäre aber klar, dass es keine Liebesbeziehung mehr ist mit Zärtlichkeit und Sex, vertrauensvollen oder freundschaftlichen Gesprächen.

Stellen Sie sich doch einmal genau vor, wie ein Zusammenleben mit Ihrem Mann ohne Paarbeziehung aussehen könnte

Zum Beispiel:

- Passt es zu Ihrer Situation, ein gemeinsames Schlafzimmer zu haben oder sollte jeder ein eigenes Zimmer haben?
- Gibt es gemeinsame Mahlzeiten mit den Kindern und gemeinsame Unternehmungen - oder macht jeder sein eigenes Programm?

- Wer übernimmt welche Aufgaben im Haushalt, wer trägt welche Kosten?
- Wie ist die Spielregel für Außenbeziehungen: Verhält sich jeder diskret, auch den Kindern gegenüber? Oder dürfen andere Partner auch offen in Erscheinung treten, indem Sie zum Beispiel mit einem anderen Mann in Ihrem Stadtteil essen gehen? Dürfen andere Partner und Partnerinnen zu Ihnen nach Hause kommen oder ist das eine Schutzzone? Aus meiner Erfahrung führt es meistens zu Streit, wenn andere Partner das Haus betreten oder sogar dort übernachten.
- Wie gehen Sie mit den Kindern um? Erzählen Sie Ihnen altersgemäß, was Sache ist? Die Frage ist auch abhängig vom Alter der Kinder, da wäre es wichtig, dass Sie sich beraten lassen. Bedenken Sie, dass Kinder sehr sensibel für Stimmungen und die Atmosphäre sind. Sie leben Ihren Kindern auch etwas vor, was sie ihre eigenen, späteren Partnerschaften prägt. Für die Kinder wird es schmerzhaft sein, wenn sie durch Zufall von Außenbeziehungen erfahren. 

Rettung oder Trennung?

Wenn es Ihnen und Ihrem Mann gelingt, die Spielregeln genau zu besprechen, könne Sie probieren, zumindest für eine gewisse Zeit die Trennung zu vermeiden. Sie hätten realistische Erwartungen und ersparen sich den Frust und die Enttäuschung, einen kargen und unfruchtbaren Boden weiter zu beackern, in der Hoffnung, dass er irgendwann Früchte trägt. Auch hätten Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Sie andere Männer treffen. Wenn Sie merken, dass Sie und Ihr Mann keine gemeinsamen Vorstellungen haben und deshalb verbindliche Absprachen treffen können, wird das Zusammenleben sehr schwierig und konfliktreich sein. In dem Fall wäre über kurz oder lang eine Trennung wahrscheinlich der seelisch gesündere Weg.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und viel Klarheit und Umsicht in dieser schweren Situation. 

Herzliche Grüße, Julia Peirano

Weitere Themen

Kommentare (2)

  • scrollan23
    scrollan23
    Hallo,
    auch nach mehrmaligem Lesen komme ich noch nicht ganz klar - Sie hat mehrere Affären laufen, wartetnur auf den Startschuss ihrer Lieblingsaffäre zu einer gemeinsamen Zukunft?
    Sie sollte so ehrlich sein und gehen -alles Andere will sich mir nicht erschließen...
    Solch handeln kann beidseitig nur diese Konsequenz haben.
  • rosinchen
    rosinchen
    Interessant finde ich, dass der Mann neben der Arbeit scheinbar doch Zeitfenster zu haben scheint - wenn er es möchte. Für die Affaire war ja Zeit. Warum wird hier keine Trennung vollzogen? Aus Sicht des Mannes ganz richtig: Aus finanziellen Gründen. Warum wird keine Übereinkunft darüber getroffen, dass die Frau ihn nicht ausnimmt, sondern auch selbst in Zukunft arbeiten geht? Und schon müsste man nicht in einer gemeinsamen Wohnung gute Miene zum bösen Spiel machen, sondern könnte selbstbestimmt ein erfülltes Leben ohne einander führen.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity