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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Wir haben eine super Beziehung - aber Sex haben wir selten"

Friedemann und seine Freundin haben tolle Jobs, viele Freunde, keine Geldsorgen. Eigentlich ist ihre Beziehung problemfrei - nur im Bett passiert wenig. Jetzt wo die Hochzeit geplant wird, fragt Friedemann sich: Ist das die richtige Entscheidung?

Keine Lust auf Sex

Friedemann liebt seine Freundin - aber es gibt wenig Leidenschaft

Liebe Frau Dr. Peirano,

meine Verlobte und ich sind seit 4 Jahren zusammen. Wir sind Anfang 30 und wir möchten Ende dieses Jahres heiraten. In den letzten Monaten haben wir allerdings Zweifel an unserem Entschluss. Meine Freundin spricht das Thema in erster Linie an.
Im letzten Jahr haben wir vielleicht max.10 mal miteinander geschlafen und sie findet, dass wir beide (sie schließt sich da ausdrücklich mit ein) keine Leidenschaft für einander entwickeln. Zumindest im letzten Jahr schieben wir das Problem auf unseren jungen Hund, da er doch sehr anhänglich war und uns einige Male "ausgebremst" hat. Dazu muss man aber sagen, dass wir auch vor unserem Neuzugang nicht viel miteinander geschlafen haben. Darüber hinaus schaffen andere Pärchen es auch, sogar mit Kindern...


Im Übrigen spreche ich selbst das Thema Sex so gut wie nie an. Es ist für mich zwar eine schöne Sache, aber eine von vielen in meinem Leben. Mein Bedürfnis ist hier wohl eher unterentwickelt, wobei ich Angst habe, dass es womöglich mit meiner fehlenden Erfahrung zusammen hängt. Für mich ist sie die erste Frau, mit der ich Sex habe und auch die erste Beziehung.
Wir reden offen über das Thema und haben auch schon mal versucht, uns Termine zu setzen oder einige Spielzeuge auszuprobieren. Es ist aber quasi im Sande verlaufen bzw. wir hatten andere Prioritäten. Unsere Beziehung ist ansonsten wunderbar, gerade auch deshalb haben wir uns nicht getrennt. Sie denkt, dass wir uns einfach mehr mit Sex und Leidenschaft beschäftigen und unsere Prioritäten im Alltag bzw. im Beruf einfach verändern müssen. Aus meiner Sicht ist die Situation so, dass ich bei der Frage, ob ich sie liebe und ob ich sie sexy finde, immer mit ja antworte. Vielleicht ist es aber so, dass mir einfach die Erfahrung fehlt und ich deswegen gar nicht weiß, was es wirklich bedeutet jemanden zu lieben und zu begehren. Woraus ja letztendlich dann sowas wie Leidenschaft entstehen kann. Womöglich passen wir einfach "chemisch" nicht zueinander? Sie sagt mir zum Beispiel, dass sie mich an manchen Tagen richtig toll findet und ich einen tollen "Geschmack" bzw. Geruch habe. So etwas kenne ich nicht. Zumindest nicht bei ihr und wie es bei anderen Frauen wäre, weiß ich leider nicht.


Wenn man uns von außen betrachtet und diese fehlende Leidenschaft mit einbezieht, könnte man auch meinen, wir führen eine Art "Freundschaft Plus". Wir haben beide tolle Jobs, einen tollen Hund, eine schöne Wohnung, keine Geldsorgen, einen großen Freundeskreis, wunderbare Familien usw.
Sie hat mir auch von ihren früheren Beziehungen erzählt. Da lief es im Bett besser (zumindest was die Häufigkeit betrifft), dafür passten andere Punkte leider nicht und deshalb hat sie sich meistens getrennt. Letztendlich bewegen wir uns jetzt auf einen "Point of no return" zu. Klar kann man sich immer noch scheiden lassen. Aber wozu der Aufwand und die Planung, wenn wir vielleicht gar nicht für so etwas geschaffen sind. Ich hoffe Sie können sich mit diesen Angaben schon ein Bild machen und ggf. einige Ratschläge geben.

Vielen Dank u. viele Grüße

Friedemann H.

Lieber Friedemann H.,

immer wieder messen Paare die Qualität ihrer Beziehung daran, wie häufig sie miteinander Sex haben. Aus meiner Sicht hat die Häufigkeit, mit der ein Paar Sex hat, nicht unbedingt damit zu tun, wie befriedigend die Partnerschaft ist. Ich kenne Paare, die seit Jahren keinen Sex hatten und sehr liebevoll und zärtlich miteinander umgehen. Sie haben gemeinsame Interessen, viel Vertrauen und ein befriedigendes Leben. Andere Paare haben extrem oft Sex, begehren sich gegenseitig, aber ihre Beziehung ist mitunter von Misstrauen, Eifersucht, Leidenschaft und starken Missverständnissen geprägt. Sie trennen sich, obwohl sie miteinander sehr leidenschaftlichen Sex hatten.

Wichtig ist nicht die absolute Häufigkeit der sexuellen Begegnungen, sondern eher, dass ein Paar sich darüber einig ist, welche Rolle Sex und Leidenschaft in der Beziehung spielen. Ein Partner, der Nähe vorwiegend über Sexualität aufbaut, und einer der nur alle paar Wochen Lust hat, werden keinen gemeinsamen Nenner finden können.
Wie wäre es, wenn Sie mit Ihrer Freundin mal darüber sprechen, was Ihnen so wichtig an Sex ist und warum eine "Freundschaft Plus" nicht ausreicht? Verlieren Sie zum Beispiel den guten Kontakt zueinander, wenn Sie selten miteinander schlafen? Küssen Sie sich weniger, berühren Sie sich weniger? Gibt es atmosphärische Veränderungen in Ihrer Beziehung (z.B. weniger Interesse aneinander, weniger Verständnis füreinander, weniger Lockerheit), wenn Sie länger keinen Sex hatten?

Mir fällt noch etwas anderes zu Ihnen ein. Sie sagen, dass Ihre Freundin die erste Beziehung ist und Sie mit ihr den ersten Sex hatten. Das heißt, dass Sie mit Mitte/Ende 20 die ersten sexuellen Erfahrungen gesammelt haben. Ich würde Ihre Einschätzung teilen, dass Ihr Bedürfnis und Ihr Verlangen vergleichsweise gering sind, sonst hätten Sie schon früher Erfahrungen mit anderen Frauen gesammelt. Wie oben gesagt, ist das per se kein Problem. Es geht nur darum, eine Partnerin zu finden, die ähnlich tickt.

Zum Thema Leidenschaft und Verlangen finde ich es toll, dass Sie beide offen und ohne großen Stress über dieses Thema sprechen können. Außerdem bemerke ich die Bereitschaft, Neues auszuprobieren (z.B. Sexspielzeug). Offen gesagt ist Sexspielzeug nicht jedermanns Sache und ist vielleicht für viele Paare eine eher zu standardisierte "Lösung".
Wie wäre es, wenn Sie beide sich sexuelle Phantasien erzählen oder einfach mal bestimmte Rollenspiele ausdenken? Es ist gut möglich, dass gerade bei einem harmonischen, freundschaftlichen Paar wie Ihnen beiden der Sex leichter fällt, wenn man ihn als etwas fremd und abenteuerlich erlebt. Zu viel Vertrautheit tötet leider eben auch oft die Leidenschaft.
Es gibt Paare, bei denen z.B. der Mann eher schüchtern und zurückhaltend ist, aber in die Rolle eines charmanten, verführerischen Franzosen (das Paar nennt ihn Davide) schlüpfen kann und als "Davide" plötzlich fordernder, spielerischer und erotischer sein kann. Das klappt nicht, wenn er in seiner eigenen Rolle bleibt und von einem Alltagsgespräch über z.B. den Wocheneinkauf oder den Tag im Büro plötzlich auf Leidenschaft umschalten soll. Doch in der Rolle des "Davide" gibt es keinen unsexy Wocheneinkauf, denn Davide gibt sich mit solchen Alltäglichkeiten nicht ab.

Den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Manche Paare finden es aufregend, wenn sie sich in der Öffentlichkeit als Fremde begegnen, andere mögen es eher zu Hause. Sprechen Sie am besten vorher die Rollen gut ab, damit es zu keinen plötzlichen Störungen kommt, weil einer etwas Irritierendes macht.

Ein paar Anregungen für Rollenspiele: Die Frau sitzt alleine in einer Bar, schick gekleidet, und trinkt etwas. Ihr Mann – als Fremder, als Davide, als was auch immer beiden gefällt, kommt in die Bar, sieht sie und spricht sie an. Möglicherweise gehen die beiden später zu ihm ins Hotel und nicht in die gemeinsame Wohnung.

Oder: Sie ist die Nachbarin von gegenüber, die klingelt, weil sie sich etwas ausleihen will. Er verwickelt sie in ein Gespräch und verführt sie.

Oder: Sie hat ein Massagestudio, er ist ein attraktiver Kunde aus Paris.
Ich wünsche Ihnen alles Gute beim Ausprobieren!

Und noch etwas: Der Hochzeitstermin scheint Sie beide wirklich unter Druck zu setzen. Ist es aus irgendwelchen Gründen nötig, in diesem Jahr zu heiraten? Wenn es sich jetzt nicht richtig anfühlt, wäre es bestimmt besser, die Hochzeit erst mal zu verschieben.

Herzliche Grüße, Julia Peirano 

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