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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Ich habe mich in meinen Arbeitskollegen verliebt - aber er ignoriert mich"

Mareike hat sich in einen Arbeitskollegen verliebt. Die beiden hatten intime Gespräche, alles lief super - bis er in den Urlaub fuhr. Nun ist er abweisend und reserviert. Was soll Mareike tun?

Unglücklich verliebte Frau

Unglücklich verliebte Frau

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Ich (45 J, geschieden, zwei erwachsene ) bin seit ca. einem halben Jahr in einen Arbeitskollegen verliebt. Er fiel mir auf, weil ich den Eindruck hatte, dass er mich, wenn wir uns sahen, immer sehr intensiv beobachtete. Er ist ein zurückhaltender Mann, der am Anfang auf mich fast schüchtern wirkte.

Wir haben uns in der Folge auf der Arbeit besser kennengelernt und uns inzwischen auch viel Privates erzählt. Mehr ist aber bisher nicht passiert. Nachdem er zu mir Vertrauen gefasst hat, erzählte er mir vieles aus seinem Leben, was man eigentlich nur wirklich vertrauten Menschen erzählt. Ich tat das auch und es entstand eine starke Vertrauensbasis zwischen uns. Vor einiger Zeit ging es ihm nicht gut und erzählte mir von seinen Ängsten und Nöten. Schon damals wunderte ich mich über seine Offenheit mir gegenüber, weil er mir damit auch so viele Schwächen offenbarte. Er ist trotz seiner zurückhaltenden Art ein sehr maskuliner Mann und besitzt traditionelle Männlichkeitsvorstellungen. Deshalb schätze ich das so ein.

Nach diesem letzten Gespräch haben wir uns wegen seines Urlaubs 2 Wochen nicht gesehen. Jetzt ist er seit 10 Tagen wieder da und ich möchte gerne an unser vertrautes Verhältnis wieder anknüpfen. Er ist aber seitdem sehr kühl zu mir und meidet mich fast. Ich habe den Eindruck, dass er nicht damit klarkommt, vor mir so viel Schwäche gezeigt zu haben.
Er gibt mir im Moment keine Möglichkeit, ihm wieder nahe zu kommen und er scheint sauer auf mich zu sein. Warum, weiß ich nicht.
Auch wenn vielleicht eine Partnerschaft für ihn nicht in Frage kommt (wir haben nie darüber gesprochen) so vermisse ich doch seine Nähe und Freundschaft. Ich habe Angst ihn direkt darauf anzusprechen, weil ich nicht verstehen kann, was dazu geführt hat, dass aus seinem liebenswürdigen Auftreten mir gegenüber so ein zurückweisendes Verhalten wurde.

 Viele Grüße

Mareike B.

Liebe Mareike B.,

Ihre Beziehung zu diesem Kollegen ist wirklich komplett ungeklärt. Kein Wunder, dass Sie die Orientierung verlieren und darunter leiden. Einerseits sind Sie in ihn verliebt und wünschen sich eine Beziehung mit ihm, andererseits deutet von Seite aus nicht wirklich etwas darauf hin, dass er es auch so empfindet. Wenn er auch in Sie verliebt wäre, hätte er – als Mann mit einer traditionellen Auffassung von der Männerrolle- sicher eine eindeutige Annäherung gewagt.


Zwischen Ihnen ist über eine ein halbes Jahr ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis entstanden. Er hat sich Ihnen anvertraut und Ihnen auch seine Schwächen gezeigt, und auch Sie haben sich geöffnet. Ist es Ihnen beiden dann nicht möglich gewesen, auch mal über die Art Ihrer Freundschaft zu sprechen? Zum Beispiel zu sagen. „Es tut mir gut, mit Dir zu reden?“ Hat Ihr Kollegen Ihnen gezeigt, was Sie ihm bedeuten, z.B. indem er sich auch um Ihre Probleme gekümmert hat, Ihnen geholfen hat? Und hat er sich darum bemüht, das Verhältnis über die Arbeit hinaus zu vertiefen, indem Sie gemeinsam etwas unternehmen?

Für mich hört es sich nämlich so an, als wenn Ihr Kollege durch die Last seiner Probleme gerade stark unter Druck steht und froh ist, jemanden gefunden zu haben, der ihm zuhört. Ob er Sie als Freundin oder gar als Frau gesehen hat, wird mir nicht so deutlich. Vielleicht haben Sie seine Not missinterpretiert und gehofft, dass Sie durch gutes Zuhören eine Basis für eine Beziehung schaffen?
Ich befürchte, dass die meisten Menschen sich nicht in denjenigen verlieben, der in schweren Zeiten zuhört, sondern in jemanden, der sie erotisch anzieht. Und davon, dass er ein erotisches Interesse an Ihnen hatte, lese ich nicht wirklich etwas in Ihren Zeilen.


Kurz vor seinem Urlaub ist aus seiner Sicht anscheinend etwas passiert, das ihn gekränkt hat. Als Reaktion darauf geht er von jetzt auf gleich ohne eine Erklärung auf Abstand zu Ihnen. Problematisch finde ich, dass er sich nicht darum bemüht, Ihre Freundschaft zu pflegen oder zu retten. Wenn er an Ihnen oder einer Freundschaft mit Ihnen Interesse hätte, wäre es angebracht, dass er den Kontakt mit Ihnen sucht und vorsichtig versucht, anzusprechen, was ihn gestört hat. Er ist dazu nicht in der Lage, vielleicht aus Schüchternheit. Aber mal Hand aufs Herz: Wollen Sie wirklich einen Freund, der Sie so behandelt?

Wie wäre es, wenn Sie Ihren Mut zusammen nehmen und ihm die Chance geben, das Thema aus der Welt zu schaffen? Am besten schriftlich, da er dann in Ruhe nachdenken kann. Sagen Sie ihm in wenigen Worten, was Ihr freundschaftliches Verhältnis Ihnen bedeutet und dass Sie gerne verstehen würden, was vorgefallen ist.

Wenn er darauf reagiert, können Sie hoffentlich das Thema und damit auch Ihre Beziehung klären. Falls er allerdings abstreitet, dass etwas vorgefallen ist oder sich einer Auseinandersetzung entzieht, würde ich Ihnen raten, keine weiteren Annäherungsversuche zu unternehmen. Schauen Sie sich lieber an, so schmerzhaft es ist, wie Sie sich damit fühlen, dass ein Mann, der Ihnen viel bedeutet, den Sie für einen Freund gehalten haben und dem Sie viel zugehört haben, Sie einfach fallen lässt.
Anscheinend hat er Sie dann, so hart es klingt, nur benutzt, und ihm war wenig an Ihnen gelegen.


Es wäre für Ihr Selbstwertgefühl sehr gut, wenn Sie sich so etwas nicht bieten lassen und immer wieder denken: „Es ist ein Verlust für IHN, wenn ich nicht mehr da bin.“ Mir kommt es nämlich so vor, als wenn Sie bereit sind, in Beziehungen viel zu geben, ohne etwas zurück zu bekommen. Außerdem habe würde ich Ihnen raten, sich Ihren Umgang mit Wut anzuschauen: Unterdrücken Sie Ihre Wut? Zeigen Sie zu viel Verständnis für das Verhalten anderer, anstatt auch mal zu sagen: „Das finde ich unmöglich? Das mache ich nicht mit?“ Wenn der Umgang mit bestimmten Gefühlen, in Ihrem Fall wahrscheinlich Wut, blockiert ist, sucht die Energie sich andere Wege und fließt in Richtung Angst, Schmerz und Depressionen. Wenn Sie merken, dass an meiner Vermutung etwas dran ist, wäre es wichtig, Ihre Gefühle genauer wahrzunehmen und zu lernen, Wut zuzulassen.

Herzliche Grüße, Julia Peirano  

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