HOME

d-magazin: DER RITTER AMERIKAS

Weite, Freiheit und ein bisschen Abenteuer: Die Männer und ihre Pferde gehören zum amerikanischen Nationalerbe. Der Mythos Cowboy wird vor allem durch die Western Hollywoods hochgehalten - die Wirklichkeit sieht etwas anders aus

Es sind wahrscheinlich Bilder wie auf diesen Seiten, die den Mythos der Cowboys begründeten: Ein freier Mann und sein ebenso ungebundenes Pferd ganz allein unter der Weite des amerikanischen Himmels. Wenig Berufe gibt es, die amerikanische Jungen (und auch viele Mädchen) zumindest eine Zeit lang lieber ergreifen würden als den des Kuhhirten. Und in der amerikanischen Psyche haben Cowboys einen festen Platz: Zu gut passt das Image des einsamen Kämpfers zu einem Volk, dessen Vorfahren nach der Immigration vor rund 250 Jahren zunächst die Natur besiegen mussten, um ein Stück urbares Land zu erhalten.

Jetzt wohnen die Nachfahren oft genug in Städten, in denen Bäume nur noch als optische Aufheller vorm grauen Beton funktionieren. Und immer häufiger haben amerikanische Stadt-Jugendliche noch keine echte Kuh gesehen und glauben weiterhin, dass Eis ausschließlich im Kühlschrank entsteht - und zwar in Würfelform. Von Cowboys meint die Nation trotzdem alles zu wissen, immerhin hat sich die Traumfabrik Hollywood dieser Berufssparte unter dem Stichwort »Western« hingebungsvoll gewidmet. Dort war der Cowboy meist edel durch und durch und von Indianern und bösen Buben nicht zu bezwingen - dafür hatte er schließlich seinen Revolver.

So schön die Filme sind, ihre Legenden stimmen nur zum kleinsten Teil: Richtig ist, dass Cowboys in der Regel durchaus friedvolle Gesellen sind und waren. Aber von Indianern wurden sie so gut wie nie angegriffen. Die Ureinwohner versuchten zwar, sich von den Cowboys Rinder zu erbetteln - aber wenn diese ablehnten, trennten sich beide Parteien friedlich. Und Zauberer am Schießeisen waren die Männer mit dem großen Hut ganz bestimmt nicht: »Die meisten Cowboys waren im Umgang mit Gewehren oder Pistolen nicht besonders erfahren«, sagt ein amerikanischer Wildwest-Experte und weiter: »Zwar verwundeten sie manchmal einen Viehdieb - gelegentlich verloren sie dabei aber einen Finger oder töteten die Kuh.« Die Rinderverluste müssen sich in Grenzen gehalten haben, denn selbst in den Hochzeiten des Berufs, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ritten kaum mehr als 40 000 Cowboys durch die amerikanischen Steppen. Und die mussten sich oft genug ganz allein um Hunderte von Kühen kümmern - da blieb keine Zeit für Gesetzesbrecher.

Auch heute ist der Mythos Cowboy nur zu erklären, wenn man voraussetzt, dass die amerikanische Bevölkerung jemanden braucht, der sich draußen in den einsamen Weiten auf die einfachen Dinge des Lebens konzentriert. Denn im 21. Jahrhundert ist das Geschäft mit den Rindern weder größer noch leichter geworden: Seit 90 Prozent des Landes nicht mehr allen Bürgern, sondern der amerikanischen Regierung gehören, versperren häufig solide Zäune die eingetretenen Kuh-Trampelpfade. Dazu ist der Job mit ungefähr 1000 Dollar im Monat nach wie vor schlecht bezahlt, und zudem haben die Rancher herausgefunden, dass sich Rinder auch per Hubschrauber hüten lassen.

Inzwischen verdienen sich die meisten Cowboys ihren Lebensunterhalt beim Rodeo: Das ist zwar gefährlich, bringt aber solides Geld. Und wem das zu riskant ist, der verdingt sich als Touristen-Cowboy auf einer so genannten »Dude-Ranch«, einer Art Bauernhof für Westeuropäer. Der Aufenthalt auf einer solchen Farm ist geeignet, auch den letzten zu bekehren, der immer noch glaubt, als Cowboy führe man ein angenehmes und beschwerdenfreies Leben: Schon nach dem ersten mehrstündigen Ausritt werden die meisten Freizeitreiter eines Besseren belehrt sein und sagen: »Cowboy? Na klar, aber nur in den Ferien.«

Felicitas Funke-Riehle

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity