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Erziehung: Mehr Kinder brauchen Erziehung vom Staat

Traurige Kindheit: Immer mehr Kinder und Eltern in Deutschland bekommen sozialpädagogische Familienhilfe vom Staat. Der Grund sind Erziehungsschwierigkeiten, Entwicklungsstörungen und Beziehungsprobleme.

Laut Kinderhilfswerk UNICEF sterben in Deutschland wöchentlich zwei Kinder, weil sie vernachlässigt oder misshandelt werden, mehr als 100, Jahr für Jahr. Hunderttausende andere werden nicht misshandelt oder vernachlässigt, sondern geliebt und stehen doch im Abseits. Die Zahl der Kinder in der Bundesrepublik, die in Armut leben, steigt stetig. Arbeitslosigkeit, staatliche Sparmaßnahmen und der Anstieg der Lebenshaltungskosten haben den finanziellen Spielraum vieler Familien dramatisch eingeschränkt.

Steigerung von 300 Prozent in sieben Jahren

Pünktlich zum Weltkindertag am 20. September hat das Statistische Bundesamt eine bedenkenswerte Meldung veröffentlicht: Die Zahl der Kinder, die sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) beziehen, sei 2002 gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent angestiegen und umfasse jetzt 37.800 Familien mit 87.200 Kindern. Alarmierend wird diese Nachricht allerdings, wenn man den Vergleichszeitraum erweitert. Noch 1995 waren es nur 11.200 Familien und 28.600 Kinder, die sozialpädagogischer Unterstützung bedurften - ein Anstieg von ziemlich genau 300 Prozent binnen sieben Jahren.

In der Definition für die Inanspruchnahme sozialpädagogischer Familienhilfe heißt es, sie sei für Kinder oder Jugendliche zu leisten, deren Entwicklung nicht ausreichend gesichert oder gefährdet beziehungsweise bereits geschädigt ist. Insbesondere karitative Organisationen stehen solchen Familien bei, geben Erziehungshilfe, organisieren den Haushalt und bewältigen Alltagsprobleme.

Kinder am Rand der Gesellschaft

Hält man sich an die Statistiken, bewegen sich also bereits fast zehn Prozent der rund eine Million Kinder, die in Deutschland in der Sozialhilfe aufwachsen, derart nah am Rand der Gesellschaft, dass man ihnen und ihren Eltern einen Erziehungsbeistand zur Seite stellen muss. Und die Dunkelziffer derjenigen, die diese Hilfe nötig hätten, sie aber nicht in Anspruch nehmen, ist nach Schätzungen von Experten mindestens ebenso hoch wie die Zahl der SPFH-Bezieher.

„Verstecktes Leiden“ ist der Titel einer umfangreichen Schweizer Studie, die aufdeckt, welche Folgen Armut auslöst. Als „depriviert“ bezeichnen die Autoren arme Menschen, weil diese der Möglichkeit beraubt seien, ihr Leben wie andere, nämlich in ausreichendem Maß selbstbestimmt und erfüllt, zu gestalten.

Wer arm ist, der leidet

Bewiesen ist durch zahlreiche Untersuchungen: Armut führt oft zu gesundheitlichen Beschwerden und Leistungsabfall, Unterprivilegierung begünstigt Fremdenfeindlichkeit, aggressives Verhalten, Drogenkonsum und Kriminalität, und deprivierte Kinder kommen ohne Hilfe nur selten heraus aus dem Schlamassel. Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, spricht sogar von einer Vererbung des Problems: „Armut wird von Generation zu Generation weitergegeben.“ Schließlich sind auch die Bildungschancen armer Kinder deutlich reduziert.

Zuwachs bei armen Kindern werden befürchtet

Besserung ist nicht in Sicht. Hilgers befürchtet sogar, dass zu der Million Sozialhilfeempfänger im Kindesalter durch die Agenda 2010 noch einmal 500.000 hinzu kommen. Nur folgerichtig ist es da, dass der Staat den Armen zumindest mit Sozialhilfe unter die Arme greift, und darüber hinaus den Nachwuchs mit Kindergeld fördert. Als paradox aber erachten es viele Sozialverbände, was in der Tat widersinnig scheint: Erhalten Kinder die je nach Alter zwischen 141 und 267 Euro betragende Sozialhilfe, wird ihnen auf der anderen Seite das Kindergeld wieder weggenommen. Weil es gesetzlich als Einkommen gilt, rechnet der Staat das Kindergeld voll auf die Sozialhilfe an.

Anselm Bengeser

Wissenscommunity