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Serie: Rabenmütter, Rabenväter: Liebesentzug vom Töchterchen

"Bin ich eine Rabenmutter?" Diese Frage stellt sich jede Mutter mehrfach. Das Töchterchen von Ulrike Klode hat die Frage beantwortet - und seiner Mutter ein richtig schlechtes Gewissen gemacht.

Warum haben Rabenmütter eigentlich ständig ein schlechtes Gewissen?

Warum haben Rabenmütter eigentlich ständig ein schlechtes Gewissen?

Bin ich eine Rabenmutter, weil ich viel arbeite? Mein Töchterchen hat diese Frage an einem Abend vor einiger Zeit mit ja beantwortet. Es war mit seinen zwei Jahren und zwei Monaten zwar noch zu jung, um das Wort "Rabenmutter" zu verstehen. Geschweige denn, den Satz "Ja, Mama, du bist eine Rabenmutter" zu formulieren. Aber die Kleine hat es mir dennoch deutlich zu verstehen gegeben.

Normalerweise hole ich sie abends von der Kita ab. Um 17.27 Uhr hetze ich dorthin, um gerade noch rechtzeitig vor dem Essen um 17.30 Uhr dort zu sein - anderenfalls müsste ich bis 18 Uhr warten, bis das Abendessen vorbei ist. Um 17.28 Uhr mache ich die Tür zu ihrer Gruppe auf, dann kommt sie freudestrahlend auf mich zugelaufen: "Mama, meine Mama!" Umarmt mich. Und dreht sich wieder um, um weiterzuspielen. Bis wir dann die Kita verlassen, dauert es oft 20 Minuten, weil das unterbrochene Spiel noch beendet und danach in der Garderobe erst die Schuhe der anderen Kinder begutachtet werden müssen, bevor sich das Töchterchen unter Protest anziehen lässt. Zu Hause kommen wir gegen 18.30 Uhr an - je nachdem, welche S-Bahn wir erwischen.

Ganz selten - und ich versuche wirklich, das so selten wie möglich vorkommen zu lassen - habe ich abends einen Termin, der es mir unmöglich macht, das Töchterchen selbst abzuholen. Noch nicht einmal um 18.30 Uhr, was die späteste Uhrzeit ist, die bei unserer Kita möglich ist. Dann muss mein Mann einspringen, der normalerweise das Hinbringen übernimmt.

"Nee. Mit Papa!"

Und Dienstagabend vor ein paar Wochen war einer dieser ganz seltenen Fälle: Ich hatte eine Besprechung, die bis 19 Uhr dauerte. Als ich um 19.30 Uhr die Wohnungstür aufschloss, saß das Töchterchen im Flur, spielte mit seinen Schuhen. Und würdigte mich keines Blickes. Ich versucht es mit einem Begrüßungskuss, doch es drehte sich weg. Ich dachte: Ach, das gibt sich sicher gleich wieder. Aber: falsch gedacht. Beim Abendessen durfte ich ihm nicht helfen, in sein Stühlchen zu klettern: "Nee. Mit Papa!" Ich durfte nicht sein Brot schmieren: "Nee. Mit Papa!" Ich habe versucht, mich nicht weiter aufzudrängen - und habe Zähne putzen, Gesicht waschen, wickeln und umziehen meinem Mann überlassen.

Als wir dann alle zusammen im Bett lagen und ich - wie jeden Abend - das Buch von Super-Edgar vorlesen wollte, nahm mir das Töchterchen das Buch weg. "Nee. Mit Papa!" Klar, was hatte ich mir auch gedacht? Während mein Mann vorlas, rutschte die Kleine allerdings immer näher an mich heran. Plötzlich schlangen sich ihre Ärmchen um meinen Hals, sie hob ihren Kopf, schaute mich an und sagte: "Mama ich Kita abhole. Ja? Ja?" "Ja, morgen hole ich dich wieder ab. Versprochen!" Ich drückte sie fest an mich, streichelte ihr über den Kopf. Und hatte ein sehr schlechtes Gewissen.

Ulrike Klode, stern.de-Teamleiterin Unterhaltung, hat ein zweijähriges Töchterchen, das derzeit Koffer tragen, Puppe ins Bett legen und Leberwurst liebt. Sich morgen aber sicher schon wieder für etwas anderes begeistert.

Hier können Sie der Autorin auf Twitter folgen: @FrauClodette.

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Ulrike Klode
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