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Gesundheitsreform: Bittere Pillen - aber billig

Die Vorwürfe sind nicht neu: Ärzte verschreiben zu viele, zu teure Medikamente, die zum Großteil sowieso im Müll landen. Um die explodierenden Kosten in den Griff zu bekommen, gibt es wieder einige fantasievolle Vorschläge.

Nach dem drastischen Anstieg der Arzneimittelausgaben hat Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) von den Ärzten mehr Preisbewusstsein gefordert. "Es wurden zu viele zu teure Arzneimittel verschrieben", sagte Schmidt. Das teils umstrittene Arzneimittel-Sparpaket der großen Koalition steht Mittwoch im Bundestag auf der Tagesordnung des Gesundheitsausschusses. Geplant ist, dass die Preise für verschreibungspflichtige Medikamente vom 1. April 2006 an für zwei Jahre festgeschrieben werden sollen. Naturalrabatte der Pharmaindustrie an Apotheker in Form von Gratispackungen werden verboten. Bei patentfreien, wirkstoffgleichen Medikamenten gibt es einen zehnprozentigen Abschlag auf die Herstellerabgabepreise zu Gunsten der Krankenkassen. Passiert das Gesetz den Bundestag, dürften damit jährlich 1,3 Milliarden Euro eingespart werden.

Zur Kostenexplosion bei den Arzneimitteln sagte Schmidt unter Berufung auf mehrere Studien, bewährte preiswerte Medikamente würden oft durch teure Mittel ohne zusätzlichen Nutzen ersetzt. Im Jahr 2005 waren die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen um mehr als 3 Milliarden Euro auf 23,4 Milliarden Euro gestiegen.

Kassen sollen Klinik bestimmen

Einen ganz neuen Sparvorschlagstellte der Chef der der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH), Ingo Kailuweit, zur Diskussion: Künftig sollten sollten seiner Auffassung nach die Krankenkassen die Klinik für ihre Versicherten aussuchen. "Bei planbaren Operationen sollen die Patienten ihre Krankenkasse fragen, welche Klinik sie aus Qualitätsgründen empfehle. Dafür müssten sie nur fünf statt zehn Euro Tagegeld bezahlen", sagte Kailuweit der in Essen erscheinenden "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (Montag). Wer den Rat seiner Versicherung nicht befolge, müsse dagegen 20 Euro zahlen.

Wolfgang Schmeinck, Vorstandschef des BKK Bundesverbands, nennt als entscheidende Gründe für den Ausgabenanstieg neben einer Verringerung des Herstellerrabatts auch "nicht nachvollziehbare Mengenausweitungen" und die Verschreibung von "neuen und teuren Arzneimitteln ohne therapeutischen Fortschritt". Gesetzgeber, Ärzteschaft und Krankenkassen müssten nun "an einem Strang ziehen".

Ärzte-Proteste gegen neue Regelung

Gleichzeitig sollen diese Woche in Berlin erneut mehrere tausend Arztpraxen geschlossen bleiben, nachdem es Mitte Januar bereits zu bundesweiten Protesten von Medizinern kam. Dafür äußerte der Kieler Gesundheitsexperten Fritz Beske durchaus Verständnis: Die Lage der Hauptstadt-Mediziner sei im Bundesvergleich besonders ungünstig, sagte der Wissenschaftler in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur DPA. Bereits am Samstag hatten im südbadischen Elzach mehr als 700 Mediziner und Patienten demonstriert. Der Protest richtete sich vor allem gegen die mit dem Arzneimittel-Sparpaket vorgesehene so genannte Bonus-Malus- Regelung. Danach drohen Kassenärzten, die besonders unwirtschaftlich verschreiben, Abstriche beim Honorar.

Um den Unmut der Ärzteschaft zu dämpfen will ihnen Ulla Schmidt laut "Berliner Zeitung" (Montag) mehr Freiheiten bei der Berufsausübung einräumen. So soll auch der Ärztemangel in den neuen Ländern und einigen westdeutschen Regionen bekämpft werden. Die Zeitung zitiert aus einem Eckpunktepapier für eine Reform des ärztlichen Vertragsrechtes. Darin wird vorgeschlagen, dass Ärzte künftig unbegrenzt andere Mediziner anstellen dürfen. Das soll auch dann gelten, wenn es sich um Ärzte unterschiedliche Fachrichtungen handelt. Mediziner sollen zudem die Möglichkeit erhalten, an unterschiedlichen Orten Praxen zu betreiben. Damit wäre es zum Beispiel möglich, dass ein in Berlin niedergelassener Arzt in der unterversorgten Uckermark eine weitere Praxis unterhält, in der andere Mediziner angestellt sind. In unterversorgten Regionen sollen demnach alle Altersgrenzen für die Tätigkeit von niedergelassenen Ärzten fallen. Damit dürften Ärzte länger als bis zum 68. Lebensjahr praktizieren. Zum Zeitpunkt der Niederlassung könnten sie zudem älter als 55 Jahre alt sein.

Drohende Versorgungslücke bei Ärzten

Der Zuwachs an jungen Ärzten wird nach einer Prognose der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bald nicht mehr ausreichen, um die durch ausscheidende Mediziner entstehende Versorgungslücke zu schließen. Danach wird bereits von diesem Jahr an aller Voraussicht nach die Zahl der Allgemeinen oder Praktischen Ärzte, der Frauen- sowie der Kinderärzte sinken.

mit DPA

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