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Hartz-IV-Aufstockerin "Manchmal packt mich die kalte Wut"


Annerose Korinth ist eine von 1,3 Millionen Deutschen, die einen Job haben und trotzdem Hartz IV brauchen. Hier erzählt sie, warum sie trotz mieser Bezahlung gerne arbeitet.

Zwölf Jahre lang war ich auf der Suche nach Arbeit, eine frustrierende Zeit. Ich bin Krankenpflegehelferin, aber heute werden bevorzugt examinierte Altenpflegerinnen eingestellt. Eine Umschulung wollte mir das Arbeitsamt hier in Rostock nicht bezahlen. Es hieß, ich sei wegen meiner fünf Kinder ohnehin nicht vermittelbar. Permanent habe ich selbst nach Arbeit gesucht, habe 1-Euro-Jobs in der Seniorenbetreuung angenommen. Dafür musste ich kämpfen, weil das Arbeitsamt meinte, diese Stellen seien nur für Menschen, die in den Bereich hineinschnuppern wollen.

Vor zwei Jahren schließlich hatte es endlich wieder mit einer Vollzeitstelle geklappt. Ich bekam einen Job in der ambulanten Pflege. Da muss man die Patienten zu Hause betreuen, ihnen Frühstück zubereiten, sie duschen und ihren Haushalt machen. Zunächst war ich froh über die Arbeit, aber bald merkte ich, warum es in der Firma ein ständiges Kommen und Gehen gab und sie immer neue Leute suchten. Ich hatte praktisch keine Freizeit, von morgens bis abends war ich auf Achse, musste ständig ausgefallene Mitarbeiter ersetzen und am Wochenende arbeiten. Freizeitausgleich gab es dafür nicht. Und trotzdem hab ich so wenig verdient, dass mein Gehalt vom Arbeitsamt aufgestockt werden musste.

"Manchmal packt mich die kalte Wut"

Bei den Arbeitszeiten hält man das nicht lange durch. Vor allem für meine Kinder war das hart, die bekamen mich kaum noch zu sehen. Natürlich hatte ich mich weiter beworben, und zum Glück bekam ich dann vor einem Jahr den gleichen Job in einem anderen Unternehmen. Ich verdiene genauso viel wie vorher, aber die Bedingungen sind viel besser. Es ist ein Familienbetrieb, der gut organisiert ist und in dem eine freundliche Atmosphäre herrscht. Ich kann mich darauf verlassen, nicht zwei Schichten hintereinander machen zu müssen. Für die Wochenenden, an denen ich arbeiten muss, gibt es Freizeitausgleich.

Mein Verdienst beträgt 1200 Euro brutto, ich bekomme 400 Euro zusätzliches Hartz-IV-Geld. Ich finde es auf Dauer frustrierend, dass ich trotz Vollzeitjob komplett in der Bürokratie des Arbeitsamts hänge. Ständig muss ich Unterlagen einreichen, das nimmt manchmal wirklich überhand. Mich ärgert außerdem, dass ich von dem Zusatzverdienst, den es für Wochenend- und Feiertagsarbeit gibt, gar nichts habe. Das verrechnet das Jobcenter, da arbeite ich also de facto für den Staatsbeutel.

Wenn ich mitbekomme, dass andere Leute gar nicht arbeiten wollen und lieber ihr ruhiges Leben genießen, aber genauso viel Geld erhalten wie ich, dann packt mich die kalte Wut. Es gibt Tage, da würde ich auch am liebsten morgens im Bett bleiben. Aber ich will ja meinen Kindern ein Vorbild sein, sie sollen später nicht von Hartz IV abhängig werden. Und meinem Selbstwertgefühl tut es auch gut. Ich kann nur jedem empfehlen, Arbeit anzunehmen, auch wenn man aufstocken muss. Man kommt unter Leute, der Freundeskreis erweitert sich, man nimmt wieder aktiv am Leben teil.

"Hier läuft einiges schief"

Fünf Kinder und ein Vollzeitjob: Es ist richtig stressig, alles unter einen Hut zu bekommen. Zum Glück helfen mir meine Eltern, sie sind extra in unsere Nähe gezogen. Manche Bekannte sagen: "Du bist ja schön blöd zu arbeiten, wenn du unterm Strich nicht mehr Geld bekommst." Aber ich will auch gegen das Klischee kämpfen, dass man viele Kinder allein deswegen in die Welt setzt, um bequem von staatlicher Unterstützung zu leben.

Ich bin mit Leib und Seele bei der Arbeit, mein Beruf ist meine Berufung. Aber ich habe keine Hoffnung, jemals so viel zu verdienen, dass ich aus Hartz IV herauskomme. Vielleicht würde das im Westen klappen, aber einen Umzug mag ich meinen Kindern nicht zumuten. Hier in Rostock ist unsere Heimat, hier leben unsere Freunde und unsere Familie, die uns unterstützen.

Dass in unserer Branche hier so wenig gezahlt wird, finde ich traurig. Wir machen ja einen wichtigen Job. Ich verstehe auch nicht, warum eine Freundin von mir in München für 25 Stunden in der Woche genauso viel verdient wie ich für 40 Stunden. Da läuft etwas gehörig schief. Ich finde, es ist Aufgabe des Staates hier für mehr Gerechtigkeit zu sorgen.

Im Juli erwarte ich mein sechstes Kind. In der Erziehungszeit dürfte ich 30 Stunden arbeiten, was ich sehr gerne täte. Nur habe ich finanziell gar nichts davon, und so bleibe ich diesmal lieber ein Jahr zu Hause, um wenigstens für meine Familie da zu sein. Aber danach kann ich wieder in meinem alten Job arbeiten. Darauf freue ich mich schon sehr.

P.S: Arbeiten um jeden Preis - finden Sie das gut? Machen Sie das vielleicht auch? Oder sagen Sie: Die Arbeit muss sich lohnen? Diskutieren Sie mit auf der Facebook-Seite von stern.de.

Protokoll: Sönke Wiese

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