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Hochschulen: "Bildung ist keine Ware"

Die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Wirtschaft ist nicht nur intensiver geworden - sie wird auch immer deutlicher gezeigt.

In Kempten können sich Studierende der Fachhochschule am "Allianz Competence Center" in der Versicherungspraxis ausbilden lassen. Die Technische Universität Dresden hat 2003 die "Altana-Galerie Kunst und Technik" eingerichtet. Die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Wirtschaft ist nicht nur intensiver geworden - sie wird auch immer deutlicher gezeigt. Drittmitteleinwerbung wird für die Hochschulen immer existenzieller - was die Beteiligten nicht nur mit Freude sehen.

"Das ist eine zweischneidige Sache", sagt der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen. Einerseits freuten sich die Hochschulen über jeden Euro, da sie seit Jahren unterfinanziert und deshalb auf die Gelder angewiesen seien. "Andererseits darf die Drittmittelforschung aber nicht als goldenes Kalb fetischisiert werden." So könnten Abhängigkeiten entstehen, außerdem gebe es Fächer, die drittmittelfrei seien.

USA: Sponsoring macht an vielen Unis einen wesentlichen Teil des Etats aus

Das Einwerben von Drittmitteln ist eine der drei Finanzquellen der deutschen Hochschulen. Neben Bund und Ländern beteiligen sich somit auch Stiftungen und andere Geldgeber vor allem aus der Wirtschaft an der Finanzierung von Bildung und Forschung. In den USA macht Sponsoring an vielen Unis einen wesentlichen Teil der Etats aus, in Deutschland dagegen ist die Bildungsfinanzierung eigentlich Sache des Staates. Doch je mehr der die Geldhähne zudreht, desto stärker sind die Hochschulen auf Gelder von Unternehmen angewiesen. Die Folge: Hochschulsponsoring ist in Deutschland eine Wachstumsbranche.

Beispielsweise an der Fachhochschule München: Dort erklärt Professor Wolfgang Döhl, er sei notgedrungen zum Motor des Projekts "Bildungssponsoring" am Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen geworden. Den dramatischen Kürzungen im Hochschuletat seien vor allem die Lehrbeauftragten zum Opfer gefallen. Zum Sommersemester 2004 stellen nun Unternehmen kostenlos Experten als Dozenten für Vorlesungen, Seminare oder Praktika zur Verfügung. Im Gegenzug sorgt die Hochschule durch Nennung der Unternehmen für deren Image-Werbung.

Philosophische Fächer unattraktiv für Sponsoren

In Kempten kooperiert die Fachhochschule seit Januar mit der Allianz, die zunächst für zwei Jahre jährlich 20.000 Euro zur Verfügung stellt. Gemeinsam wurde ein Seminarzentrum für Versicherungswirtschaft gegründet, in dem Studierende ausgebildet und Allianz-Mitarbeiter weitergebildet werden. Die Allianz nennt für sich als Vorteil, dass ihr Image als Arbeitgeber gestärkt werde und sie den beiderseitigen Know-how-Transfer fördere.

An der TU Dresden, einem der Spitzenreiter beim Bildungssponsoring, wurde 2003 die 175-Jahr-Feier der Universität komplett aus Sponsorengeldern finanziert. Die Sponsoren wurden dafür im Grußwort genannt, hatten einen Stand beim Uni-Tag und waren mit ihren Logos groß auf allen Kommunikationsmitteln erwähnt. Daneben wurde in einem denkmalgeschützten Gebäude die Altana-Galerie errichtet, in der Vorlesungen und Kunstausstellungen stattfinden. "Wir haben einen Kanzler, der sehr wirtschaftlich denkt und sich schon früh gesagt hat: Allein mit öffentlichen Geldern kommen wir nicht aus", erklärt TU-Pressesprecherin Kim-Astrid Magister. Zuzeit gibt es an der TU neun Stiftungsprofessuren.

Gefahr der Korruption

Grundsätzlich sieht der Hochschulverband es positiv, wenn das Engagement der Wirtschaft dem Personalabbau an den Unis entgegenwirkt. Doch Kempen sieht durchaus auch problematische Aspekte. Zum einen sind nicht alle Fächer attraktiv für Sponsoren, etwa die philosophischen Fakultäten, die der Mittelkürzung von staatlicher Seite damit wenig entgegensetzen können.

Daneben gibt es wegen unklarer Rechtslage bei der Drittmitteleinwerbung auch die Gefahr der Korruption. Hier fordern Hochschulverband wie auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) klare Regelungen, die keine Grauzonen zulassen. Auch plumpe Auftragsforschung, die nur die Praxis eines Unternehmens legitimieren soll, dürfe nicht möglich sein: "Wissenschaft muss immer vorurteilsfrei sein", betont Kempen.

Vor allem aber dürfe der Staat nicht die Höhe der Drittmittel als Maßstab für die Exzellenz einer Hochschule ansehen und sein eigenes Engagement zurückfahren. "Bildung ist keine Ware. Sie darf nicht vom Markt bestimmt werden, sondern muss unabhängig sein", fordert Gerd Köhler von der GEW.

Mirjam Mohr, AP

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