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Professoren-Besoldung: Gehaltserhöhung per Gerichtsurteil

Das Verfassungsgericht fordert höhere Besoldung für Professoren. Hochschullehrer seien im Vergleich zu anderen Beamten unterbezahlt. Wirklich?

Von Peter Neitzsch

Deutsche Professoren verdienen zu wenig. Das hat das Bundesverfassungsgericht entschieden. 3890 Euro monatliches Grundgehalt bezog der Kläger, ein Chemieprofessor aus Marburg, von dem Land Hessen. Zu wenig für einen angemessenen Lebensunterhalt urteilten die Richter - vier davon selbst Professoren. Der Staat müsse ausreichend für seine Beamten sorgen und dabei auch die überdurchschnittliche Qualifikation und das Ansehen des Amtes berücksichtigen. Hessen muss nun bis Jahresende nachlegen - andere Bundesländer, die auch nicht mehr bezahlen, dürften gleichfalls betroffen sein.

Bekommen da Gutverdiener noch einen Extra-Aufschlag? Nach dem Motto: Wer hat, dem wir gegeben? Keinesfalls, findet der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Bernhard Kempen: "Wenn ein Professor heute 4000 Euro im Monat bekommt, meine ich, dass er fast 5000 Euro bekommen müsste, damit wir von einer amtsangemessenen Alimentation reden können."

In einigen Fachrichtungen verdiene ein Hochschullehrer dreimal so viel, wenn er statt an der Universität für ein Unternehmen arbeite. Gerade das Grundgehalt sei deutlich zu niedrig, sagt Verbandschef Kempen: "Das ist bisher gar nicht viel im Vergleich mit anderen Beamten im öffentlichen Dienst." Zum Vergleich: Ein verbeamteter Lehrer mit zehn Jahren Berufserfahrung kommt auf ein ähnliches Gehalt wie der hessische Professor.

Wettbewerb um Leistungszulagen

"Wer heute eine Professur bekommt, erhält für dieselbe Stelle 25 Prozent weniger als noch vor wenigen Jahren", sagt auch Uwe Wilkesmann, Direktor des Zentrums für Weiterbildung, stern.de. 2005 wurde die Besoldung für Neueingestellte drastisch gekürzt. Seitdem hängt das Einkommen der Hochschullehrer von drei Komponenten ab: Grundgehalt, Leistungszulage und Nebeneinkünfte. Die Idee: Anstelle des beamtentypischen, mit dem Alter steigenden Grundgehalts sollte ein Wettbewerb um Leistungszulagen treten.

Doch das funktioniert vor allem in der Theorie und nicht in der Praxis: Die monatlichen Leistungsbezüge des hessischen Hochschullehrers lagen bei 23,72 Euro. "Die Kriterien für die Zulagen sind komplett schwammig", sagt der Hochschulforscher Wilkesmann. Über 70 Prozent der dafür vorgesehenen Gelder würden nicht in die Aufstockung des Grundgehalts sondern in Berufungs- und Bleibeverhandlungen fließen: "Das Geld bekommen einzelne Vorzeigewissenschaftler, die das Renomee der Uni vergrößern."

In der Folge seien vor allem die Gehaltsunterschiede zwischen den Fächern gewachsen: Während sich bei Ingenieuren die Besoldung am Arbeitsmarkt orientiert, müssen Geistes- und Sozialwissenschaftler mit dem Grundgehalt vorlieb nehmen. Das richtet sich nach der Besoldungsgruppe: von W1 für Juniorprofessoren ohne Habilitation bis W3 für Lehrstuhlinhaber. Die Jahresgehälter variieren für Hochschullehrer in der Besoldungsgruppe W2 zwischen 48.968 Euro in Berlin und 56.932 Euro in Bayern.

Habilitiert und arbeitslos

Ähnlich sieht es bei den Nebeneinkünften aus: "Ein Betriebswirt betreibt vielleicht nebenbei eine Beratungsfirma, aber ein Geisteswissenschaftler hat in der Regel keine großen Nebeneinkünfte", sagt Wilkesmann.

Zwei Studien, die der Hochschulforscher durchgeführt hat, haben ergeben, dass die leistungsbezogene Bezahlung zudem keinerlei Auswirkung auf die Qualität der Lehre hat: "150 Euro mehr Brutto motivieren niemanden, mehr Energie in die Lehre zu stecken." Wilkesmanns Fazit: "Die Einführung der W-Besoldung war vor allem eine gigantische Sparmaßnahme - als Anreizsystem hat sie versagt."

"In der Schweiz und in den Niederlanden, die vergleichbare Hochschulsysteme haben, ist die Vergütung wesentlich höher", sagt Wilkesmann. In Deutschland liegt das durchschnittliche Alter eines Professors beim Amtsantritt bei 41 Jahren. Bis dahin müsse eine lange Durststrecke überwunden werden: "Während der Promotionsphase bekommen viele nur eine halbe Stelle mit 900 Euro Brutto." Hinzu komme ein hohes Risiko: "Wenn ich keine Professur bekomme, bin ich habilitiert und arbeitslos. Das macht eine akademische Laufbahn wenig attraktiv."

Von Peter Neitzsch