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Interview: "Bildung hat mit Kontinuität zu tun"

Während führende SPD-Politiker in Deutschland nach angelsächsischem Vorbild Elite-Universitäten schaffen wollen, lehnt Doris Ahnen, rheinland-pfälzische Kultusministerin, dieses Vorhaben ab.

Sie wollen, im Gegensatz zu Ihren Genossen in der SPD, keine Elite-Universitäten. Warum nicht?

Spitzenhochschule wird man nicht dadurch, dass man ein Etikett verliehen bekommt. Wir haben einzelne Fachbereiche an einzelnen Universitäten, an denen heute schon Spitzenleistungen erbracht werden. Die müssen wir stärker finanziell unterstützen und damit auch international wettbewerbsfähiger machen.

Mehr Geld vom Staat bedeutet ein klares „Nein“ zu Studiengebühren?

Ich bin da nach wie vor sehr skeptisch aus dreierlei Gründen: Erstens sollte man die Finanzdiskussion um die Hochschulen nicht mit der Frage der Studiengebühren verknüpfen. Zweitens haben wir im internationalen Vergleich immer noch zu wenige Studierende, und Gebühren könnten abschrecken. Drittens entscheidet nach wie vor die soziale Herkunft in hohem Maße über Bildung. Auch hier befürchte ich negative Auswirkungen der Gebühren.

Und woher soll das Geld kommen?

Wir brauchen neben inhaltlichen Reformen auch eine klare finanzielle Priorität für Bildung und Wissenschaft. Wir müssen die Investitionen in diesem Bereich steigern.

Am 29. und 30. Januar findet in Leipzig der Kongress "Kinder zum Olymp" statt. Er befasst sich mit der Frage, wie wichtig Kunst für die Bildung ist. Eske Nannen schreibt im Begleitbuch: "Nutzen wir die Kraft der Fantasie in der Zeit des Kindseins zu wenig, so fällt es uns als Erwachsenen sehr schwer, den Alltag zu bewältigen."

Damit kann ich eine ganze Menge anfangen. Wissen und Fähigkeiten, die wir haben, leben immer auch davon, dass wir sie in einen sozialen Kontext stellen. Nicht umsonst spricht man von kultureller Intelligenz. Vernünftig abwägen können Sie besonders gut, wenn Sie unterschiedliche Zugangs- und Ausdrucksformen haben, um auch in einer Krise reagieren zu können.

Warum ist das noch nicht Allgemeingut?

Wir denken viel zu stark in Fächergrenzen: Hier die harten Wissenschaften, da der Sport. Und dann gibt es noch die künstlerischen Fächer. Da einen stärkeren Zusammenhang herzustellen, ist ganz wichtig. Kinder, die ein gutes Körpergefühl haben, können besser lernen. Kinder, die Sprache auch über Theater und darstellendes Spiel üben, haben später vielfältige Ausdrucksformen.

Der Dirigent Gerd Albrecht klagt im Buch zum Kongress über die "träge, gleitende Brühe, die nur plötzlich aufgeregte Wellen wirft, wenn so etwas wie die PISA-Studie erscheint". Reagiert Politik zu langsam?

Sie können nicht laufend die Pferde wechseln, das wäre ganz schlimm für die Kinder. Bildung hat mit Innovation zu tun, aber immer auch mit Kontinuität. Nach PISA wurde hauptsächlich über Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften diskutiert. Ein Jahr später ist dann wegen der Übergewichtigkeit bei Kindern der Sport im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, und jetzt, bei "Kinder zum Olymp", diskutiert man intensiv die kulturellen Fähigkeiten der Kinder. Unser schwieriger Job ist, das alles zusammen zu bringen.

Welches Thema das Kongresses interessiert Sie selbst am meisten.

Mein Lieblingsthema ist der Komplex "Den ganzen Tag Schule". Die Ausweitung von Ganztagsschulen und Ganztagsangeboten ist eine große Chance. Wir haben in Rheinland-Pfalz ein Schwerpunktprogramm zum Ausbau von Ganztagsschulen und setzen sehr stark darauf, mit kulturellen Institutionen zusammenzuarbeiten. Manchmal holen wir auch Orchestermusiker in den Unterricht, die stellen ihre Instrumente vor oder nehmen die Kinder mit ins Konzert. Oder eine Künstlerin arbeitet mal über einen längeren Zeitraum mit den Kindern. Das sind besonders schöne Projekte, da kommt dann eine ganz andere Denkweise in die Schule, ein neuer Input.

Wenn Sie an Ihre eigene Kindheit zurückdenken, wo hätten Sie gerne mehr gefördert werden wollen.

Ich habe ein echtes Defizit: Ich kann nicht gut malen oder modellieren. Wäre ich da ein bisschen mehr gefördert worden, könnte ich vielleicht Gefühle künstlerisch besser umsetzen, und das würde mir heute Freude bereiten.

Wäre Ihr Leben dann anders verlaufen?

Das glaube ich nicht. Kunst und Kultur sind sehr bereichernd, das heißt aber nicht automatisch, dass sie die Berufswahl verändern.

Anja Lösel / print
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