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Ali Mitgutsch wird 80: Da wimmelt's nur so

Ali Mitgutschs Wimmelbücher sind prall gefüllt mit bunten Bildern. Auf jeder Seite verbergen sich unzählige Geschichten. Grundlage für seinen weltweiten Erfolg waren das Erzähltalent seiner Mutter und seine präzise Beobachtungsgabe.

Ali Mitgutsch hält eines seiner Wimmelbücher

Illustrator Ali Mitgutsch mit der Riesen-Ausgabe eines seiner Bücher. Der Autor und Illustrator wird 80.

Die Wimmelbücher von Ali Mitgutsch kann man sich immer wieder ansehen. Und mit den Jahren bilden sich Lieblingsszenen heraus, die man vielleicht schon als Kind fasziniert beobachtet hat. Etwa das Mietshaus, in dem sich Zimmer an Zimmer reiht und überall etwas passiert. Eine Frau macht Pfannkuchen, ein Zahnarzt bohrt und eine Mieterin klopft empört mit dem Besenstiel gegen die Zimmerdecke, weil die Jugendlichen über ihr wild zu lauter Musik tanzen.

Die farbenprächtigen Bücher Mitgutschs, die Kinder seit 1968 begeistern, erzählen wunderbare Geschichten aus dem Alltag - ohne Worte, aber dafür mit umso mehr Wärme, Humor und einem liebevollen und überaus präzisen Blick auf die Tücken und Freuden des Alltags. "Die einzelnen Geschichten in meinen Wimmelbildern basieren auf eigenen Beobachtungen", sagt er im Interview der Deutschen Presse-Agentur. "Dazu habe ich stets einen kleinen Block und einen Stift dabei und zeichne flink Skizzen, mit denen ich dann später arbeite. In einer Stadt sollte also etwas los sein, dann bin ich schon zufrieden."

Überraschungsfeier

Am 21. August wird der Meister der Wimmelbücher 80 Jahre alt. Wie er feiert, weiß er kurz vor seinem Ehrentag selbst noch gar nicht. Seine Lebensgefährtin habe "die Regie für die Feier übernommen". Er lasse sich überraschen.

Die Liebe zum Geschichtenerzählen hat der Münchner, der später an der Graphischen Akademie in München studierte, von seiner Mutter. Sie konnte Mitgutsch und seinen Geschwistern zwar kein wohlhabendes Elternhaus bieten, dafür aber umso mehr Fantasie. "Sie hüllte uns regelrecht ein mit ihren Worten, und wir gaben uns ihnen ganz und gar hin und fühlten uns darin geborgen", schreibt Mitgutsch in seinen Kindheitserinnerungen "Herzanzünder". Ein Beweis, dass auch in bitterarmen Verhältnissen Talente gedeihen. "Egal wie steil der Weg war, ob große Hitze oder bittere Kälte herrschte oder von welcher Not unsere kleine Familie gerade heimgesucht wurde - Mutter behütete uns auf ihre ganz eigene Art mit ihren Geschichten und lockte uns mit ihnen in eine andere, wundersame Welt."

Das Leben als Flüchtling

Der Zweite Weltkrieg, Hunger, Heimatlosigkeit und bittere Not prägten Mitgutschs Kindheit. Der geliebte große Bruder fiel in Russland an der Front. In den letzten Kriegsjahren musste die Familie wegen der vielen Bombenangriffe ihre Münchner Wohnung verlassen und Schutz auf dem Land suchen - als ungeliebte Flüchtlinge, die kaum das Nötigste zum Leben hatten. Der schüchterne Ali litt unter den Demütigungen anderer Kinder und zog stattdessen meist alleine los: "Ich wanderte durch die Auen und den Wald allein und träumte mir die Abenteuer, die ich in Wirklichkeit nicht erlebt habe, weil ich keine Freunde hatte", erinnert sich der Künstler. "Da träumte ich mir zwei Freunde, einen dicken, großen, starken, der mir half, und einen kleineren, frecheren, schlaueren, der mir immer die besten Ausreden zuflüsterte. Mit denen habe ich dann so meine Abenteuer erlebt."

Auch nach dem Krieg wurde die Lage der ehemals gutbürgerlichen Bäckerfamilie nicht besser. Wie viele Menschen vor allem in der Stadt hatten die Eltern mit ihren zwei Töchtern und ihrem Sohn kaum etwas zu essen. Die Kinder eroberten sich hungrig, aber mutig die Stadt zurück: Sie spielten zwischen Trümmern und ausgebombten Kellern, suchten nach Altmetall und anderen Schätzen und lieferten sich Bandenkämpfe. Von seinen Streifzügen kehrte Alfons oft völlig verdreckt zurück - wie "Ali Baba und die 40 Räuber".

Geliebte Vogelperspektive

Ein prägendes Erlebnis: Die Fahrt auf dem Riesenrad auf dem Münchner Jahrmarkt Auer Dult, eine seltene Freude für Ali und seine Schwester. Was der Bub aus der Gondel sah, faszinierte ihn. "Es waren Bilder mit vielen Details, es passierte so viel gleichzeitig, die Geschichten gingen nicht aus: Menschen liefen über den Platz, kamen zu Gruppen zusammen, lösten sich wieder auf, Kinder jagten hintereinander her, Karren wurden gezogen, eine Frau sammelte ihren Einkauf vom Pflaster und ein Junge kletterte einen Laternenpfahl hinauf", erinnert er sich in seinem Buch.

Vieles findet sich in seinen Bildern wieder, auch das Riesenrad, in dessen oberster Gondel zwei begeisterte Kinder sitzen in Mitgutschs erstem Buch "Rundherum in meiner Stadt". "Die Aufsicht auf Dinge und Situationen blieb für mich ein Leben lang ein spannendes Thema: Sie wurde die Perspektive all meiner Wimmelbilder." Rund 70 Bücher, Poster und Puzzles sind so entstanden, darunter zahlreiche Wimmelbücher. Allein in Deutschland wurden mehr als fünf Millionen Mitgutsch-Bücher verkauft, im Ausland mehr als drei Millionen.

Der Blick auf Kleinigkeiten

Sie bestechen durch ihre farbenfrohe Lebendigkeit, ihre Fröhlichkeit und den ironischen Blick, auch auf Kleinigkeiten und menschliche Schwächen. Ein Mann mit einem dringenden Bedürfnis wartet verzweifelt vor einem Toilettenhäuschen. Ein anderer rutscht auf einem Kuhfladen aus, beobachtet von einem Mädchen, dass vor Schadenfreude lauthals lacht. Und am Strand gießt ein Sohn seiner sonnenbadenden Mutter einen Eimer Wasser über den Oberkörper. Und was passiert dann? Schon kleine Kinder spinnen die Geschichten gerne weiter - genau das will der Zeichner erreichen: "Meine Wimmelbücher sind gemacht, um die Kinder in die Gärten der Fantasie zu führen, dass sie selber weitermachen".

Cordula Dieckmann, DPA

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