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Kinderbuchklassiker wird 50 Ein Vater mit einem Kind, das Buchhändler hässlich fanden – wie Willi Wiberg nach Deutschland kam

Szene aus "Nur Mut, Willi Wiberg"
Szene aus "Nur Mut, Willi Wiberg"
© Gunilla Bergström
Willi Wiberg ist aus den Bücherregalen nicht mehr wegzudenken. Dabei überzeugte der Junge aus Schweden mit dem alleinerziehenden Vater Anfang der 1970er Jahre längst nicht alle in Deutschland. Dieses Jahr wird die Kinderbuchreihe 50. 

Ganz verdrießlich guckt er drein, der kleine Junge. Zwei Tränen kullern sein großflächiges Gesicht hinab, die Knöpfe seines Pyjamas sind offen. Im Hintergrund leuchtet zwischen den geöffneten Vorhängen die Stadt im Abendrot. Die Wanduhr zeigt 20.37 Uhr an. "Das hier ist Willi Wiberg, vier Jahre alt. Manchmal ist er ungezogen und manchmal ist er nett. Heute Abend ist er ungezogen, denn er hat schlechte Laune und keine Lust zu schlafen." 

So lernte das deutsche Publikum 1974 Willi Wiberg kennen. Damals erschien mit "Gute Nacht, Willi Wiberg", der erste Band der Reihe aus Schweden auch auf Deutsch. Willi Wiberg war damals eine Besonderheit – aus mehreren Gründen. Zum einen wegen der Ästhetik: Das Collagenhafte von Autorin und Illustratorin Gunilla Bergström, die im vergangenen Sommer verstorben ist, und die Darstellung des kleinen Jungen mit den Stoppelhaaren verfolgen einen ganz eigenen Stil. Zum anderen wegen des Inhalts: ein kleiner Junger mit einem alleinerziehenden Vater, der in einem Hochhaus in der Stadt wohnt. Keine großen Abenteuergeschichten, sondern solche, die viele Kinder aus ihrem Alltag kennen. Aus diesen ästhetischen und inhaltlichen Besonderheiten ergibt sich die dritte: dass es Willi Wiberg überhaupt gibt.

Denn Silke Weitendorf stieß auf Widerstand, als sie die Geschichten von Alfons Åberg, wie Willi Wiberg im schwedischen Original heißt, Anfang der 1970er Jahre übersetzen wollte. Die Senior-Verlegerin der Verlagsgruppe Oetinger erinnert sich noch gut an diese Zeit – und war schließlich federführend dafür verantwortlich, dass Willi Wiberg nach Deutschland kam. 

Willi Wiberg wächst ohne Mutter auf – der Grund dafür bleibt offen 

"Ich lernte Alfons Åberg in den Jahren 1972 und 1973 auf Messen kennen. Ich mochte die Figur sofort. Es sind Geschichten auf Augenhöhe, mit denen sich Kinder leicht identifizieren können. Außerdem enden sie immer mit einer kleinen Pointe. Die Bücher sind ideal fürs Kindergartenalter", sagt Weitendorf im Gespräch mit dem stern. Willi sei "ein ganz normales Kind", das abends nicht einschlafen kann, einen Freund zum Spielen braucht oder Angst vor dem ersten Schultag hat. "Seine Geschichten lösen viele Emotionen aus, über die man beim Vorlesen mit den Kindern sprechen kann."

Szene aus "Mach schnell, Willi Wiberg"
Szene aus "Mach schnell, Willi Wiberg"
© Gunilla Bergström

Weitendorf war also früh begeistert von diesen Geschichten. Doch das ging nicht allen so. "Einige fanden das Kind mit dem Bollerkopf hässlich. Auch die collagenartigen Illustrationen waren für damalige Verhältnisse neu und gefielen nicht immer auf Anhieb. Manche Buchhändler meinten, nur schöne Bücher würden sich verkaufen und Willi Wiberg sei nicht schön. Auch dass Willi keine Mutter hat und bei seinem Vater aufwächst, irritierte damals noch. Die Autorin hatte den Grund dafür bewusst offen gelassen." 

Szene aus "Mehr Monster, Willi Wiberg!" – Willi Wiberg und ein anderes Kind freuen sich. Im Hintergrund erscheint ein Monster
Szene aus "Mehr Monster, Willi Wiberg!" 
© Gunilla Bergström

Die Fraktion der Befürworter setzte sich schließlich durch. Das 1974 erschienene "Gute Nacht, Willi Wiberg" ist mit einer Auflage von 151.000 verkauften Exemplaren bis heute der erfolgreichste Einzelband der Reihe. Willi Wiberg ist laut Weitendorf kein Bestseller, aber ein Longseller, die Bände hätten eine treue Fangemeinde. Anlässlich von 50 Jahren Willi Wiberg erscheint im August ein neuer Sammelband mit fünf Geschichten. 

Eine der beliebtesten Kinderbuchfiguren Schwedens

In seinem Heimatland Schweden ist Alfons Åberg eine der beliebtesten Kinderbuchfiguren. "Vielleicht, weil Alfons gerade kein Superheld ist und auch keine süße Märchenfigur, weil er nicht groß und stark ist und Kämpfen lieber aus dem Weg geht", sagt Grit Thunemann von der Schwedischen Botschaft in Berlin. Sie hat anlässlich von Willi Wibergs 50. Geburtstag – in Schweden erschien der erste Band 1972 – einen Tag mit Fachvorträgen und Diskussionen zu Willi Wiberg im Felleshus der Nordischen Botschaften in Berlin koordiniert. "Die Wirklichkeit ist märchenhaft genug", habe Gunilla Bergström über die Geschichten von Alfons Åberg gesagt. Zur Beliebtheit von Alfons trage sicherlich auch bei, dass die Geschichten in Schweden verfilmt und als Theaterstücke aufgeführt werden, dass es Musik, Ausstellungen, Alfons-Puzzles und -Puppen gibt. "Und die Kinder von damals entdecken ihren Freund Alfons heute mit ihren Kindern und Enkelkindern neu."

Die Kinder von damals wuchsen in Schweden bereits in einer modernen Gesellschaft auf. Das kommt auch in Willi Wiberg zum Ausdruck: das Familienmodell, die langen Öffnungszeiten im Kindergarten, das Leben in der Großstadt. In Schweden sei es in den 1970ern normal gewesen, dass es alleinerziehende Väter gibt, sagt Silke Weitendorf. "Wenn ich in den 90er Jahren mit Kollegen aus Schweden in Meetings saß, kam es oft vor, dass sie früher gehen mussten, um ihr Kind aus Kita, Kindergarten oder Schule abzuholen." In Deutschland war das zu dieser Zeit noch die große Ausnahme. 

Wie aus Alfons Willi wurde

Während in Schweden Alfons seine Fans hat, ist es in Deutschland Willi. "Vielleicht hätten wir es heute beim Namen Alfons Åberg belassen. Inzwischen tendiert man ja eher dazu, Namen nicht einzudeutschen, damit es nicht zu Problemen kommt, wenn zum Beispiel ein Film zum Buch erscheint und die Figur dort den Originalnamen trägt", sagt Weitendorf. Damals sei eine Änderung für sie aber klar gewesen, denn das Schwedische "Å" wird wie "O" ausgesprochen; "Oberg" oder "Aberg" wäre ihnen falsch vorgekommen.

"Willi fand ich damals einen pfiffigen Namen, der zu dem kleinen Kerl passte. Der Nachname sollte natürlich alliterarisch mit dem gleichen Buchstaben beginnen. Dass ich schließlich auf Wiberg kam, lag vielleicht daran, dass der Illustrator Harald Wiberg, der die Tomte-Bilderbücher gezeichnet hat, bei uns schon seit den 60er Jahren bekannt war. Ich glaube, so kam ich auf Willi Wiberg." Alfons taucht in der deutschen Übersetzung allerdings auch: als Willis unsichtbarer Freund. Den hat Willi als Kind ohne Superkräfte natürlich auch. 

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