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Anti-Mobbing-Kampagne "I Will Survive": Dicke Nerds schwören Rache

Es sind oft die Dicken, die Brillenträger und die untypischen Mädchen, die von vermeintlich coolen Kindern zu Mobbingopfern auserkoren werden. Doch irgendwann sind die Nerds groß - und werden Chefs.

Von Susanne Baller

Für eine Kampagne gegen Mobbing sollte die argentinische Niederlassung der Agentur Del Campo Saatchi & Saatchi ein Video für den Fernsehsender VH1 drehen. Auf den ersten Blick finden die Kreativen großen Gefallen daran, sich Gemeinheiten gegen Kinder auszudenken. Gleich zu Beginn des Clips taucht der Kopf eines Brille tragenden Jungen aus einer Kloschüssel auf, in die ihn seine Klassenkameraden drücken. Doch statt zu heulen, singt der Junge los: "Erst hatte ich Angst, ich war ganz starr", klingt es mit zartem Stimmchen durch die Waschräume - die Einstiegszeile von Gloria Gaynors Hit "I Will Survive". Dann löst sich der Text vom Original: "Sie haben meinen Kopf untergetaucht und meinen Hintern freigelegt", schildert er seine Schmach.

Ausgelacht, ausgegrenzt und gequält

Und ebenso brutal geht die Geschichte weiter: In der Sportumkleide schlagen durchtrainierte Jungs mit ihren Handtüchern auf den Po eines dicklichen Teenagers, dessen Brustansätze über einer Eisenstange wackeln. Keine Gnade von Seiten der Werber, es wird das Leben in der Schule gezeigt, wie es ist. Die Betroffenen entsprechen nicht dem gängigen Schönheitsideal oder ihnen fehlt der nötige Coolnessfaktor, um als Menschen wahrgenommen zu werden. Schon werden sie zu Opfern.

Doch dass in diesen Kindern Alphawesen stecken, sie sich vielleicht durch ihre harte Zeit sogar erst dazu entwickeln, das werden die brutalen Mitschüler schon noch erleben! Es sind genau diese Nerds, die später einmal die Chefs in den Konzernen werden, in denen sie dann arbeiten, lautet das bitterböse Versprechen an die Zukunft aus den Mündern der Underdogs.

Heute Nerd, morgen Boss

Das Video ist als Text-Bild-Schere konzipiert. Während ihrer Misshandlungen steigern sich die Teenager in die Vorfreude auf ihre spätere Genugtuung: "Nächtelang werde ich an meiner Rache arbeiten und dann dein Boss sein. Und du mein Sklave", singt der eine. "Ich werde meine gesamte Macht missbrauchen, ich werde CEO und du mein Schuhputzer", der nächste. "Tag und Nacht werde ich dich anrufen, kein Wochenende ... ich sorge dafür, dass du nie eine Pause hast", droht der dritte. "Nicht eine einzige Gehaltserhöhung, du kriegst bis an das Ende deiner unglücklichen Tage dasselbe", kündigt ein Mädchen mit brennenden Locken an.

"I Will Survive" dröhnt seit mehr als 35 Jahren besonders laut aus den Lautsprechern der besonders Verzweifelten: Gloria Gaynor hat 1978 einen Durchhalte-Klassiker mit mitreißender Motivationsparole geschaffen. Voller Inbrunst, voller Wut, aber auch voller bissigem Humor besingt sie die Not einer leidenden Frau, die verletzt und verlassen worden ist. Nach langen einsamen Nächten legt sich ihr Schmerz, an der Enttäuschung gewachsen entwickelt sie eine gestärkte Persönlichkeit. Dann plötzlich taucht der miese Kerl wieder auf und tut so, als sei seine Rückkehr ganz selbstverständlich. Aber nichts da! Sie ist fertig mit ihm. Für immer.

Genausowenig werden die gequälten Schüler jemals verzeihen. Kinder, die so dumm sind zu mobben, werden später vielleicht selbst einmal Opfer: Mit diesem Dreh will Saatchi & Saatchi die Zielgruppe erreichen. Hoffentlich sind die Unterdrücker von heute schlau genug, die Botschaft zu verstehen.

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