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Reaktionen auf den Leseraufruf Eltern zum Schulstart: Der Blick in die Zukunft ist pure Verzweiflung

Schülerin am Schreibtisch mit Lehrerin auf dem Laptop
So könnte Distanzunterricht aussehen – für deutsche Schüler:innen fehlen dazu allerdings das Wlan in Schulen sowie die restliche Ausstattung
© Sasha_Suzi / Getty Images
Nachdem wir vor drei Tagen einen Leseraufruf gestartet und gefragt haben, wie Eltern nach den Sommerferien auf den Schulstart blicken, haben uns viele Nachrichten erreicht. Was sie alle verbindet, ist die Feststellung: So kann es nicht weitergehen! Wir veröffentlichen einige der Antworten hier.

Um ehrlich zu sein: Beim Lesen der Mails unserer Leser, die auf den Leseraufruf zum Schulstart geantwortet haben, schießen einem das ein oder andere Mal die Tränen in die Augen. Darin findet kein Lehrer:innen-Bashing statt, keine Schule wird verunglimpft, kein:e Schuldirektor:in angeprangert. Was herauszulesen ist, klingt übereinstimmend nach purer Verzweiflung. Und nach großem Unverständnis. Wie kann es sein, dass eine Wirtschaftsmacht wie Deutschland es nicht schafft, in ihren Schulen schnelles Wlan zur Verfügung zu stellen? Die Lehrer:innen vernünftig auszurüsten und erst recht die Schüler:innen? Dass es von A bis Z an Strukturen mangelt und unklar ist: Was kommt vom Staat, was vom Land und was müssen die Schulen selber leisten? Die wenig überraschende Erkenntnis lautet in den meisten Fällen: Es passiert einfach gar nichts. Die Politik hat die Sommerferien verschlafen. 

Der Blick in die Zukunft, auf das kommende Schuljahr, fällt nach den Erfahrungen der vergangenen anderthalb Jahre düster aus. Wir veröffentlichen kleine Ausschnitte aus den zum Teil sehr langen, sehr besorgten Mails, die wir erhalten haben.

Alexandra F. schrieb:
Mein Sohn ist leider kein "Selbstläufer", was das Lernen angeht. Ich kann zwar Homeoffice machen, aber unterstützen kann ich ihn wenig, meine Arbeit muss schließlich auch getan werden und von "Mutti, der Aushilfslehrerin" will mein pubertierender Sprössling wenig wissen. Als Alleinerziehende hatte ich in den letzten Monaten Anspruch auf Notbetreuung. Dort hat das Lernen ganz gut funktioniert und ich hatte Zeit für meine Arbeit. Notbetreuung gibt es ab der 7. Klasse aber nicht mehr und falls es wieder zu Schulschließungen kommt, stehen mein Sohn und ich genauso da wie im letzten Frühjahr. Ein Comeback dieser Zeit wünsche ich mir wahrlich nicht. Es waren die stressreichsten Monate meines Lebens und die Beziehung zu meinem Sohn hat einiges aushalten müssen.

Dagmar B. kritisiert Ungerechtigkeit:
Leider erwarte ich keine Veränderung zu dem Tag, an dem die Schulferien begonnen haben. Politisch wurde ja nichts weiter forciert, alles nur Vorschläge und Pläne – nach 1,5 Jahren, einfach nur arm. Die Schulen wurden und werden sicherlich auch weiterhin mit den Problemen alleingelassen. Lüftungsanlagen sind 1. zu teuer und 2. noch nicht einmal in ausreichender Zahl lieferbar! Und 3. werden diese zwar (evtl.) bezuschusst, aber wer bezahlt den Schulen den richtigen Einbau?
Von der Infrastruktur/Anbindung in ausreichender Stärke ans schnelle Internet ganz zu schweigen!!! Ich kenne keine Kommune hier im Westerwald, in der im letzten Jahr auch nur eine Schule schnelleres Internet in ausreichender Höhe bekommen hat! Live-Streaming ist nur mit einzelnen Klassen möglich, da das Netz das gar nicht zulässt! Armes Deutschland! Einfach nur peinlich im internationalen Vergleich!
Eltern haben für teures Geld neue Schulbücher gekauft und dann kam es wieder nur zum Distanzunterricht. Da wurden dann fast ausschließlich Arbeitsblätter gemailt oder Lernprogramme im Internet vorgegeben. Die Bücher liegen fast neu in der Ecke! Und wer gibt uns dazu Geld zurück? Der Staat nicht, denn "Schulbücher sind mit dem Kindergeld abgeglichen" lt. Finanzamt. Das waren weitere teure Ausgaben im Lockdown.
Mal gespannt, wie das mit der Erstattung des Busfahrtgeldes wird, die Schüler-Abos der Monatskarten liefen weiter!, obwohl kein Unterricht stattfand (auch alles vom Kurzarbeitergeld). Denn die armen Busunternehmen brauchen ja das Geld ... (wie war das: keine Leistung – keine Bezahlung?)

Eine Lehrerin aus Niedersachsen leidet mit ihren Schüler:innen:
Unsere Schule hat ein sehr engagiertes Kollegium, wir alle haben gemeinsam mit Schülern und Eltern bis zum Rande der Erschöpfung und darüber hinaus im Distanzunterricht gekämpft. Unsere Schüler haben sehr ausdauernd gearbeitet, trotzdem hört man in den Medien immer von der Wirkungslosigkeit des Distanzunterrichts, das hat unsere Schüler schwer getroffen, weil sie sich wirklich sehr angestrengt haben.
Die Kinder haben während der letzten Schulschließung mental sehr gelitten, manche kämpfen mit Depressionen. Trotzdem scheint es außer vielen allgemeinen Worthudeleien keine handfeste Orientierung für das nächste Jahr zu geben. 
Wie wichtig gemeinsames Lernen ist, zeigt eindrücklich ein Erlebnis am Tag der Zeugnisübergabe. Am Ende der Pause kommt eine Gruppe von Schülern zu mir. Sie lächeln und fragen "Frau R. können wir nicht heute noch ein bisschen länger in der Schule bleiben?"

Eine Referendarin bemängelt verlässliche Planung:
Ich absolviere gerade in NRW mein Referendariat und stehe kurz vorm Abschluss. Was ich bereits über meine Prüfung im September weiß: Sie soll stattfinden, aber mit welchen Schülerzahlen, unter welchen Bedingungen, ob mit oder ohne Maske, ob in Präsenz oder per Videokonferenz, man weiß es nicht und das nervt!
Als wäre das Schuljahr, in dem man alles neu lernt, nicht anstrengend genug, kam die Ungewissheit, was nächste Woche sein wird und sie blieb. Ich war enttäuscht von der "Unterstützung" und Planung durch das Ministerium und glaube nicht an Besserung. Aber hoffen tue ich dennoch, denn die Schüler*innen, Eltern und Kolleg*innen in meinem Umfeld geben Tag für Tag ihr Bestes!

Frau W. wünscht sich dann doch engagiertere Lehrer:innen:
Ich bin alleinverantwortliche, Vollzeit berufstätige, selbstständige Mutter von drei Söhnen, die zwei verschiedene Schulen besuchen (Grundschule bis Oberstufe). Das Handling von Corona, Schule und Beruf habe ich nur dank meines tollen Teams und meiner fabelhaften Kinder geschafft. Und wegen großen Muts zur Lücke. Ich erwarte von niemandem mehr Perfektion. Nicht von mir, nicht von meinen Kindern und auch von keinem Lehrer.
Die Vorbereitungen auf den Online-Unterricht und der Online-Unterricht selber war seitens der ausführenden Seiten größtenteils verbesserungsfähig, um es freundlich zu formulieren. Dass sich Lehrer teilweise mit dem Argument, sie gingen ja bald in Rente und "bräuchten online nicht mehr" aus der Verantwortung ziehen konnten, war mir ein Rätsel. Was mir aber vor allem gefehlt hat: der persönliche Kontakt zum Schüler. Einfach mal zu fragen: Na, wie geht es dir? Brauchst du Hilfe? Stattdessen musste ich oft meine Kinder beruhigen, die Angst hatten, nicht gut genug zu sein.
Dass teils Angst geschürt wird, es gäbe eine "Generation Corona" – mit mangelnden Chancen, übergewichtig und alle Nichtschwimmer – finde ich fatal. Wir tun alle, was wir können. Das zu wertschätzen, auch vonseiten der Lehrer, fände ich schön.

Die Facebook-Reaktionen, die uns erreicht haben, können Sie hier nachlesen.

Was braucht Deutschland, um die Situation an den Schulen und im Distanzunterricht zu ändern und die Lage für Eltern zu verbessern? Wie kann es sein, dass immer wieder große Wirtschaftsunternehmen finanziell unterstützt oder gar "gerettet" werden, aber für den Nachwuchs übernimmt der Staat keine Verantwortung? Müsste es nicht vonseiten der Bundesrepublik Mittel geben, die es den Bundesländern erlauben, die notwendigen Anschaffungen zu machen? Wie viele Buchstaben des griechischen Alphabets muss Corona nach Delta und Lambda noch entwickeln, bis es Lösungen gibt, die Schulen, Lehrer:innen, Eltern und Kinder entlasten und ihnen ein stabiles und sicheres Umfeld gewährleisten? Welche Partei müssen wir dazu Ende September wählen?

Verfolgen Sie die aktuelle stern-Serie "Neustart Deutschland". 


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