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Hebammen brauchen Schirmherrin: Frau Tschirner, übernehmen Sie!

Björn Schönfeld widmete ein halbes Jahr seines Lebens dem "Hebammenrettungsprojekt", nun braucht er ein Zugpferd für mehr Öffentlichkeit. Besonders geeignet wäre eine junge Mutter. Eine berühmte.

Von Susanne Baller

Ricarda Sitan kann sich noch genau erinnern, wie alles begann. "Ich habe eine E-Mail von meiner Lüneburger Kollegin Lena bekommen, über sie ist die Idee auch erst entstanden. Lena hat uns eine Mail von Björn weitergeleitet, in der stand 'Ein Freund von mir ist Fotograf und sucht …'. Das war die erste E-Mail, die dazu rausging. Und dann hab ich gesagt, wir sind dabei." Die Idee, das war das "Hebammenrettungsprojekt" des Fotografen Björn Schönfeld, der mit Bildern etwas für den Berufsstand tun wollte. Im Dezember 2013 hatte Schönfeld allerdings noch keine Vorstellung davon, was damit auf ihn zukommen würde, wie stern.de im März berichtete.

Alle wollen dabei sein und helfen

Nicht nur die Mail des Fotografen verbreitete sich unter den Hebammen, die Reaktionen auf seiner frisch gestalteten Facebook-Seite hauten Schönfeld förmlich um. Bereits einen Tag nach seinem ersten Posting schrieb er dort: "So, ich muss jetzt hier einmal öffentlich und für Euch alle schreiben, denn ich komme hinter den Nachrichten nicht mehr hinterher!!!! IHR SEID TOLL!! Die Resonanz übersteigt alles, was ich mir vorgestellt habe! Über 200 'Gefällt mir'-Klicks in 3 Std. und unzählige Nachrichten … Wahnsinn! Wir werden da was bewegen." Die Probleme mit steigenden Prämien für die Haftpflichtversicherung hatten nicht erst 2013 zu Protesten geführt, doch Gehör für ihre Lage fanden die Hebammen kaum. Hilfe aus der Politik bleibt bis heute aus. Es sollten noch diverse Wasserstandsberichte an diesem ersten Tag folgen.

Zusammen mit Anna Zahn betreibt Ricarda Sitan, 35, seit 2008 das Geburtshaus Elbhebammen in Hamburg-Harburg, seit 2013 leisten sich die beiden eine weitere Kollegin. Für die drei stand sofort fest, dass sie Schönfelds Aufruf nachkommen, Sitan war quasi von Stunde eins des Projekts dabei. "Am Anfang war noch gar nicht klar, wie fotografiert wird: Zeigt man Handgriffe oder macht man Portraits?", erinnert sie sich. Weil Schönfeld der Mailflut nicht mehr hinterherkam, machte er Sitan zur zweiten Administratorin der Facebook-Seite, die Ideen wurden immer konkreter. Eine Doodle-Liste musste her, um die Orte und Uhrzeiten für die Aufnahmen zu koordinieren. Da waren erst 48 Stunden vergangen.

Die echte Welt ruft

Neun Wochen später hatte Schönfeld 140 Frauen portraitiert und war vom Shooting in Leipzig mit der Idee zurückgekommen, die Portraits zu plakatieren. Die Website "Das erste Gesicht" war bereits seit Mitte Januar online, es hatte sich ein Freiwilliger gefunden, der die Kosten und das Design dafür übernahm. Nun sollte das "Hebammenrettungsprojekt" die virtuelle Welt verlassen und in der echten ankommen.

Die Gestaltung einer Plakatkampagne, die Schönfeld in Leipzig gesehen hatte, inspirierte ihn für die Visualisierung seiner eigenen Aufnahmen. Dort waren viele Menschen in Passbilderformat nebeneinander zu sehen, ganz ähnlich ließen sich auch seine Portraits umsetzen. "Ich will die ganzen Gesichter in solcher Größe überall in Deutschland sehen!", schreibt er auf Facebook. Und bittet um Hilfe, er ertrinkt in Arbeit und braucht Spenden, damit sein Traum wahr werden kann.

Financiers gefunden

Mitte März hat Schönfeld die Zusage der Firma Ströer, die ihm Plakatwände zur Verfügung stellt, 860 Stück in ganz Deutschland. Anfang April kommen weitere 5000 Großflächen hinzu, Weleda und PHD waren als Sponsoren gefunden. Und zeigten sich als deutlich mehr denn reine Geldgeber, so Schönfeld: "Die beiden Firmen haben mich tatkräftig mit Manpower unterstützt, nicht nur mit Geld für die Plakate. Das kam von der menschlichen Seite. Beiden ist es wirklich ein Anliegen, dass der Hebammenberuf erhalten bleibt!" Überdies waren durch einen Spendenaufruf nach drei Wochen mehr als 3500 Euro zusammengekommen. Am Tag der Hebammen, dem 5. Mai, postet Schönfeld das erste Plakat, wie es gerade geklebt wird.

Bis zum 19. Mai war Schönfelds Werk in ganz Deutschland zu sehen, "an Flächen, die nicht gleich wieder gebucht sind, hängen die Plakate auch noch länger", freut sich der Fotograf. Die ganz große Resonanz oder gar eine Reaktion aus der Politik blieben bislang allerdings aus.

Und nun? War all die Mühe vergebens? "Wir sind ja noch lange nicht am Ende!", sagt Ricarda Sitan fast schon erbost. "Was wir jetzt brauchen, ist eine Schirmherrin!" Wen denn? Familienministerin Schwesig? "Ach nein, das interessiert dann wieder keinen", wimmelt Sitan ab. "Lieber Nora Tschirner!" Gute Idee, die ist ja gerade selbst Mutter geworden.

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