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Kinderbetreuung: Umzug ins Ungewisse

In Berlin sollen die Horte von den Kitas an die Grundschulen verlagert werden. 60.000 Plätze sind von dem Umzug betroffen. Die Betreuung an den Grundschulen ist jedoch nicht gesichert.

An den Kindertagesstätten und Schulen Berlins gärt es. Mit dicken Farbstiften krakeln kleine Kinder Protestplakate, Eltern gehen mit Wut im Bauch auf die Straße. Vor allem im Westteil Berlins zürnen die Eltern Schulsenator Klaus Böger (SPD). Die bisher an den Kitas der West-Bezirke beheimateten Horte für die Betreuung von Grundschülern vor und nach dem Unterricht sollen an die Schulen verlagert werden. Diese werden verstärkt zu Ganztagsschulen ausgebaut. Böger verspricht sich davon eine verbesserte Betreuung und größere Lernfortschritte.

"Chaotische Umsetzung und Planung"

Im Ostteil der Hauptstadt ist die Lage friedlicher, denn schon zu DDR-Zeiten waren die Horte an den Schulen etabliert. Die Bildungsgewerkschaft GEW hält dem Senat "chaotische Umsetzung und Planung" vor und verlangt einen Aufschub der Einrichtung aller 60.000 Hortplätze an Schulen um mindestens ein Jahr. Ihrer Meinung nach ist die intensive Betreuung besonders früh morgens und am späten Nachmittag unter den jetzigen Bedingungen nicht zu bewältigen.

Der Konflikt spitzt sich zu, weil die Eltern noch bis 12. November die neuen ABC-Schützen und ihren Anspruch auf Hortplätze für das nächste Schuljahr 2005/06 anmelden müssen. Bisher waren es im Schnitt in Berlin pro Jahr rund 26.000 Erstklässler. Die Zahl wird sprunghaft auf mehr als 37.000 steigen, weil das Einschulalter auf fünfeinhalb Jahre gesenkt wurde. Den Ansturm auf die Schulbänke und im Sog auch auf die Betreuung in den Horten dürften die 416 Grundschulen nur mühsam bewältigen können.

Der Vorsitzende des Landeselternausschusses Kita (Leak), Robert Podolski, sieht die Eltern "vor vollendete Tatsachen gestellt, vorgeführt und entmündigt". Bei Antragstellung wissen die Eltern noch nicht, ob, wo genau, in welcher Form und zu welchen Kosten es die Hortbetreuung gibt. Für die Eltern hieße die Losung nur: "Arbeite und zahle."

Kitaschließungen drohen

Gleichzeitig zur Ungewissheit über die Bedingungen kommt für ratlose Eltern und Kinder die drohende Schließung zahlreicher beliebter und gut funktionierender Kitas. Dort ist der Betrieb ohne Horte nicht mehr rentabel. In vielen Schulen ist die Aufnahme der Hort-Kinder aber längst noch nicht gesichert. Es fehlt an Räumen, Küchen für die Versorgung und besonders an Erziehern.

Schulsenator Böger lässt die aufkeimenden Proteste bisher an sich abperlen. Er sichert jedem Kind mit Anspruch auf einen Hortplatz diesen auch zu. "Wir lassen niemanden im Stich", sagt der SPD-Politiker. Ein wenig erschrocken reagierte Böger aber doch, als kürzlich Schulleiterin Rosa Strobl-Zimmer in der Kreuzberger Adolf-Glaßbrenner-Grundschule Ehrengast Böger von voraussichtlich 240 Kita- Kindern berichtete, die künftig vor den Türen ihres Schul-Hortes stünden - bei 2,1 Erzieherstellen.

Hans-Rüdiger Bein/DPA / DPA

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