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Historisches WM-Aus: Joachim Löws Rückkehr nach Deutschland - Flug ins Ungewisse

Nach dem Scheitern in Russland beginnt für Bundestrainer Joachim Löw die komplizierte Aufarbeitung seiner Mission WM 2018. Dokumentation einer Rückkehr.  

Von Mathias Schneider

Joachim Löw bei der Ankunft in Frankfurt

Das WM-Abenteuer ist beendet: Bundestrainer Joachim Löw bei der Ankunft in Frankfurt am Main

DPA

Um 12.25 Uhr hebt die Lufthansa-Maschine LH 343 dann endlich ab, nach einer Wartezeit von einer guten Stunde. Als brauchte es noch ein stimmiges Ende für diesen so heillos verfahrenen Trip. Mit ernsten Mienen waren die Männer, die sich noch am Morgen bei der Nation in einem offenen Brief entschuldigt hatten, als hätten sie ewige Schuld auf sich geladen, zum Gate gestrebt. Niederlagen wiegen schwer, wenn sie in zweifacher Ausführung zum ersten Mal in der Vorrunde einer Weltmeisterschaft auftreten, noch ein bisschen schwerer. 

Vorn hatte in der ersten Reihe Reinhard Grindel Platz genommen, der DFB-Präsident, dahinter saß dann auch schon Joachim Löw, in einer Reihe mit seinem Assistenten Thomas Schneider. Dann reihte sich die Mannschaft ein. Der letzte Flug einer Mission, die eigentlich auf vier Wochen angelegt war, hatte begonnen, und es bieten sich dann ja auch allerlei banale Wortspiele an, sie waren hoch geflogen mit dieser Nationalmannschaft in den letzten Jahren und zumindest sportlich, so viel stand bereits fest, nun ja, abgestürzt. 

Alles hatte diese Elf im letzten Gruppenspiel vermissen lassen, wieder hatte sie Löw umgebaut. Sami Khedira und Mesut Özil waren zurückgekehrt, doch es ging dieses Mal nicht um die Aufstellung. An Energie hatte es dieser Nationalmannschaft gemangelt. Ausgelaugt wirkte sie, vor allem das. Als Männer wie Mats Hummels oder Toni Kroos die Kabine verließen, war da keine Wut. Eher ermattet wirkten sie, sogar ihre Selbstanklagen wirkten fatalistisch. Sollen sie hören, was sie hören wollen. Damit es am Ende nicht auch noch heißt, sie seien schlechte, gar eitle Verlierer. 

Manuel Neuer legte schonungslos den Finger in die Wunde

Es war kein Zufall, dass gerade Manuel Neuer in seiner sanften Neuer-Stimme schonungslos den Finger in die Wunde legte ("In keiner unserer drei Spiele hat man gesehen, dass da wirklich eine deutsche Mannschaft auf dem Platz stand, vor der man Respekt hatte"). Acht Monate hatte er in der Reha täglich gerungen nach seinem Mittelfußbruch, um diese WM noch zu erreichen, doch es sollte dieses Mal kein Sommermärchen geben. Durchsetzt mit jungen Kräften wie Timo Werner oder Julian Brandt mochte das Team gewesen sein, doch am Ende prägte ein altes System diese Elf. Ein System, das an seine Grenzen gekommen ist.

14 Jahre ist es ja mittlerweile her, dass Jürgen Klinsmann dieser Nationalmannschaft sein Facelifting verpasst hat. Ein eingespieltes Team ist seither am Werk, auch jenseits des Platzes. 

Quasi seit der ersten Stunde sind der Chefscout Urs Siegenthaler, die Teamärzte Josef Schmidt und Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt dabei. Selbst die Fitnesstrainer Shad Forsythe oder Mark Verstegen aus den USA kennt man noch ohne ergraute Schläfen. Man kennt sich, die Abläufe sind eingespielt. Was auf dem Feld galt, galt auch lange für das sogenannte Team hinter dem Team. Wie in einer Großfamilie wirken sie alle miteinander, viel Vertrautheit, aber halt alles nicht mehr so richtig prickelnd. 

Keine Anspannung in Joachim Löws Gesicht

13.06 Uhr. Löw erhebt sich aus seinem Sitz und bewegt sich auf zwei Etappen durch den Flieger. Er macht kurz Halt auf halbem Weg. Keine Anspannung liegt in seinem Gesicht, als gelte all die Aufregung einem anderen. Hier ein verbindliches Nicken, dort ein beiläufiger Klaps, nichts Verkniffenes liegt in seinem Gesicht, er kann sich ja wie kein Zweiter von jeder Hysterie entkoppeln. 

In ein paar Tagen will er sich mit dem vor ihm platzierten Präsidenten Grindel besprechen, und es sagt viel über dieses so grenzenlos überhitzte Geschäft, dass selbst diese Botschaft den Nachrichtenagenturen eine Eilmeldung wert war. Schon lange ist aus dem System Klinsmann ein System Löw geworden, wie sollte es anders sein, nach 14 Jahren im Amt. Wie sollte es anders sein nach dieser Weltmeisterschaft 2014. 

Souverän von oben herunter coachen wollte Löw dieses Turnier, wie bereits die EM vor zwei Jahren, ein jeder kannte seine Rolle, sowohl in dieser mittlerweile so statusbewussten Mannschaft als auch in diesem so mächtigen Funktionsteam. Analysten und Scouts soufflierten Löw genauso wie drei Assistenten, neben Schneider noch Marcus Sorg und Miroslav Klose. So viel Input. So viel Leistungssteuerung. Und doch funktionierten die Frühwarnsysteme dieses Mal nicht. Keine Fitnesstests, die sie gewarnt hätten. Stattdessen immer nur die Rückversicherung aus dem Spielerkreis, dass schon alles in Ordnung sei. 

Thomas Müller fand gar nicht ins Turnier

Doch welcher Weltmeister stellt sich schon selbst in Frage? Der statusbewusste Toni Kroos zeigte ein großes zweites Spiel, doch ein pomadiges erstes lag da bereits hinter ihm. Torwarttrainer Andreas Köpke hatte da schon konstatiert, dass dieser Kroos eigentlich ja gar keine Vorbereitung brauchte, gleich zum ersten Spiel könnte der Anreisen. Das war die Rhetorik in Südtirol. 

Thomas Müller fand gar nicht erst ins Turnier, genauso wenig wie Joshua Kimmich. Viel hatten sie investiert im Halbfinale der Champions League, gegen Real Madrid, zu dramatisch waren sie gescheitert, um sich mental rechtzeitig zu erholen. Für Ilkay Gündogan oder Mesut Özil galt das Gleiche. Zu fundamental die von ihnen selbst verursachte Debatte, in Russland wirkten beide nur noch wie die Schatten jener Spieler, die sie einmal waren, damals, im Mai, vor jenen Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Doch Löw mochte seine Politik der ruhigen Hand nicht verlassen. Er hat nie viel auf Nebenkriegsschauplätze gegeben, versendet sich. Er war gut damit gefahren, in all den Jahren. Doch nun waren aus Neben- längst Hauptschauplätze geworden, zwei seiner wichtigsten Spieler waren da völlig aus der Balance geraten. 

13.35 Uhr. Es ruckelt, vernehmlich, immer wieder. Zeit für Generalsekretär Friedrich Curtius, sich den Weg nach hinten zu bahnen. Den Vertrag mit Löw hatte Curtius vor der Weltmeisterschaft noch mitgestaltet, Sorge hatte der Verband, die Königsfigur könne ihm abhanden kommen. Nun muss die Königsfigur einen Umbruch einleiten, obgleich kaum einer der Weltmeister überhaupt über 30 ist, kein Grund, bereits die Karriere zu beenden. Viel deutete darauf hin, dass Männer wie Hummels, Boateng, Müller, Kroos oder Neuer auch in den folgenden Jahren zu den Besten gehören. 

Team hinter dem Team muss aufgebrochen werden

Joachim Löw wird einen Weg finden müssen, jene herauszufordern, denen er nicht zuletzt den eigenen Ruhm verdankt und die ihm zuletzt beinahe auf Augenhöhe begegnen durften. Für seine Vertrauten im Hintergrund dürfte das Gleiche gelten. Er wird dieses Team hinter dem Team aufbrechen müssen, um endlich wieder Reibung zu erzeugen. Nur so wird er die Stimmung in und um diese Elf drehen können, wie ihm dies bereits 2012 gelungen ist. Damals reichte es, sich auf seine Mannschaft zuzubewegen, nun wird er sich abgrenzen müssen, will er wirklich  einen neuen Leistungsgedanken erzeugen. 

Löw wird sich neu erfinden und doch treu bleiben müssen, er hat bewiesen, dass dies durchaus möglich ist, auch wenn ein Confed-Cup-Sieg keine Weltmeisterschaft ist. Er wird kämpfen müssen wie nie zuvor in den vergangenen 14 Jahren. 

Der Verband stellt ihm frei, ob er noch einmal von vorn beginnen will. Er weiß um Löws Vermächtnis, schon jetzt. Löw hat sich so viel Vertrauen verdient, er hat diese Mannschaft zu einer Ballbesitzmannschaft umgebaut in den vergangenen Jahren und nebenbei die Kultur um diese Elf verändert. Sie wurde im Ausland respektiert, nicht mehr ihrer martialischen Posen wegen gefürchtet. Er hat das Narrativ rund um diese Elf so indirekt neu geschrieben. Fünfmal erreichte er bei Welt- und Europameisterschaften vor dieser vermaledeiten WM in Russland mindestens das Halbfinale, auch das verleiht Glaubwürdigkeit. 

Löw muss selbst entscheiden, ob er weitermachen will

Joachim Löw hat sich das Recht verdient, selbst zu entscheiden, ob er es noch einmal wissen will. Der deutsche Fußball ist ihm das schuldig. Aber hat er auch noch die Kraft, nach 14 Jahren den Argwohn der anderen noch einmal zu besiegen? 

14.46. "Bitte fertigmachen zum Landeanflug." 

14.48. Ein harter Schlag. Kurz darauf sackt der Flieger plötzlich ab, er wird geschüttelt, als sei er in die Klauen eines mächtigen Zyklopen geraten. Als wolle eine höhere Macht dieser Elf einen letzten Schrecken einjagen, bevor sie sich bis zum September zerstreuen wird.  Um 15.02 Uhr dann die Landung. Sanft. Die letzten Sätze der Flugbegleiterin: "Bitte denken sie daran, nach jedem Regen kommt auch immer ein Sonnenschein." 

Dann sind sie weg. 

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