HOME

WM-Blamage: Vier Vorboten der Apokalyse: Was das 7:1 gegen Brasilien mit dem WM-Aus zu tun hat

Es passt einfach nicht: Deutsche Mannschaften können den WM-Titel nicht verteidigen. Der Misserfolg von Löw und Co. hatte sich angedeutet. Entscheidend war dabei ausnahmsweise nicht aufm Platz.

Reaktionen #KORGER: WM-Aus: "Ein Bild sagt mehr als 280 Zeichen"

Man hat ja bis zuletzt gehofft, dass das ewige Gesetz der Fußball-WM auch diesmal gelten würde. Formuliert hat es Michel Platini, der Frankreich 1984 zur Europameisterschaft führte: "Wenn die Deutschen gut spielen, dann werden sie Weltmeister, wenn sie schlecht spielen, dann kommen sie ins Finale." Nun, diesmal haben die Deutschen noch schlechter gespielt. Finale, das wäre ja wunderbar gewesen. Dass es das erste Vorrunden-Aus bei einer WM überhaupt wurde, musste man nicht erwarten. Dass diese WM nicht das Turnier der Deutschen werden würde, hat sich aber lange angedeutet. Und es geht dabei nicht um schlechte Vorbereitungsspiele.

Das waren die vier Vorboten der Fußball-Apokalypse:

Dieses vermaledeite 7:1

Kein Zweifel, dieser Sieg war einzigartig. Er war sogar größer als der WM-Titel selbst. Vom Finale 2014 ist praktisch nur Götzes Siegtor in Erinnerung, Bücher aber wurden über das 7:1 gegen Brasilien geschrieben. Fast so, als wäre die Nacht von Belo Horizonte das Finale gewesen. Dieses 7:1 verfolgt nicht nur die brasilianische Mannschaft, die durch das Aus der Deutschen um ihre echte Revanche gebracht ist. Es verfolgt auch das deutsche Team. Seit vier Jahren ergötzen wir uns an den Bildern dieser magischen Fußballnacht. Und seit vier Jahren bekommen Jogi Löw und die noch aktiven Weltmeister ihr Meisterstück vorgeführt - immer wieder. Dass nach so einem Spiel noch der WM-Titel, dann aber nichts mehr kommen kann, hat vor allem Philipp Lahm damals erkannt. Die anderen hat das 7:1 selbst noch in den Vorschauen zum Turnier in Russland verfolgt. Die Botschaft: Macht's noch einmal - völlig vergessend, dass dies nicht mehr die Mannschaft von 2014 ist, und dass jedes Turnier seine eigene Chemie hat.

Joachim Löw: Kuriose Fakten: Das wissen Sie über unseren Bundes-Jogi noch nicht

"Best never rest!"

In diesem Slogan "der Mannschaft" schwingt mit, was Jogi Löw direkt nach dem Ausscheiden als "eine gewisse Selbstherrlichkeit vor dem Mexiko-Spiel" nur unzureichend beschrieben hat. Dass Löw Reus "für die wichtigen Spiele" geschont hat, passt dazu - und muss nun wohl nicht mehr hinter vorgehaltener Hand verschämt zugegeben werden. Seit vier Jahren, seit dem gewiss grandiosen Triumph von Rio, tragen die Weltmeister ihren Erfolg wie eine Monstranz vor sich her. Diese Haltung, diese latente "Selbstherrlichkeit" ist in der Löw-Ära schon so manches Mal sichtbar geworden. Übrigens auch bei der WM-Auslosung, als von einer "machbaren" Gruppe und "Losglück" die Rede war. Und nicht zuletzt bei der EM 2012, die die Truppe von Anfang an sicher in der Tasche glaubte, um dann an dem Italiener Balotelli zu scheitern. So wie diese Enttäuschung eine Triebfeder für den WM-Titel war, so war der WM-Titel ein Grund für die aktuelle Enttäuschung. "Best never rest" war nur ein PR-Spruch. Der Ballast des Erfolgs ist nun weg, ab jetzt kann "die Mannschaft" wieder nach Besserem streben.

Erdogangate

Dieses vermaledeite PR-Foto mit Recep Tayyip Erdogan. Es war mehr als ein Fauxpas von Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Die beiden haben damit - sicherlich ungewollt - einen Virus freigesetzt, der sich in der Mannschaft festsetzte, der nervte, der ablenkte, den man nicht mehr los wurde und der nicht nur die beiden betroffenen Spieler beinträchtigt hat. Die Forderungen, die beiden nicht mit nach Russland zu nehmen, die Pfiffe der Fans, das war nicht zu überhören. Und die Öffentlichkeitsarbeit des DFB hat es nicht geschafft, das Thema einzufangen. Stattdessen herrschte vielfach Schweigen (vor allem bei Mesut Özil), in dem die Pfiffe nur noch lauter klangen. Selbst die Abreise aus Deutschland hat Erdogangate nicht beendet. Es war das Gegenteil der positiven Stimmung von 2014. Mit einer solchen Belastung ist ein erfolgreiches Weltturnier unmöglich, wie sich gezeigt hat.

Watutinki

Bei all dem fast schon klar, dass es Streit ums Mannschaftsquartier geben musste. Diese latente Unzufriedenheit mit der "guten schönen Sportschule" (Löw) im Birkenwäldchen der Plattenbau-Siedlung Watutinki war ein weiterer Virus, der sich im Team festsetzte. Watutinki hatte so dermaßen gar nichts vom geliebten Campo Bahia. Und bei allem Zusammenreißen wurde doch rasch deutlich: Die meisten im DFB-Tross waren vom Quartier genauso enttäuscht wie unsereins von einem Urlaubsdominzil, das so gar nicht gefällt. Bezeichnend, dass der einzige Sieg nach ein paar sonnigen Tagen am Meer in Sotschi eingefahren wurde. Abgeschieden, eingemauert, in einer trostlosen Gegend? Eine Beschreibung, die irgendwie an ein früheres WM-Quartier erinnert: Ascochinga in Argentinien. Das war die WM 1978. Deutschland war Titelverteidiger - und schied vorzeitig aus.

Belastet durch die eigene Erfolge, der Hybris verfallen, durch ein PR-Desaster vergiftet und dann noch ein mieses Quartier - die Mission Titelverteidigung konnte nicht gut gehen.

Die deutsche Elf beim letzten WM-Gruppenspiel gegen Südkorea

Wissenscommunity