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Gewalt unter Kindern: Reaktion auf sexuelle Übergriffe: Kölner Kita will missbrauchte Kinder nicht mehr betreuen

In einer Kölner Kita ist es 2018 wiederholt zu sexueller Gewalt unter Kindern gekommen. Ein Streit über den Umgang damit eskalierte derart, dass die Einrichtung Konsequenzen zog - andere, als man zunächst vermuten würde.

Kita Köln - sexuelle Übergriffe unter Kindern

Kinder spielen im Bällebad einer Kita. In einer Kölner Einrichtung kam es über Monate zu sexuellen Übergriffen unter Kindern (Symbolbild).

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In einer Kölner Kindertagesstätte ist es im vergangenen Jahr über Monate wiederholt zu sexuellen Übergriffen unter dort betreuten Kindern gekommen. Die inzwischen vom Erzbistum Köln bestätigten Vorfälle im Montessori-Kinderhaus St. Johannes ließen einen Streit zwischen den Kita-Verantwortlichen und den Eltern betroffener Kinder derart eskalieren,  dass sich der Träger der Einrichtung zu drastischen Schritten gezwungen sah: Nicht nur wurde den Eltern ein Hausverbot erteilt, auch müssen sie für ihre Kinder eine neue Kita finden. Die beiden Kinder, die die sexualisierte Gewalt ausübten, dürfen demnach in der Einrichtung bleiben. Die "Bild"-Zeitung hatte zuerst über den Fall berichtet.

Wie Michael Kasiske, Sprecher des Erzbistums, dem stern auf Anfrage bestätigte, wurde neun von den Übergriffen betroffenen Familien der Betreuungsvertrag von Seiten der Kirchengemeinde Köln-Bocklemünd/Mengenich und Vogelsang, dem Träger der Kita, zum 31. März gekündigt. Die Auflösung sei das Ergebnis "einer monatelangen Entwicklung, in der das Vertrauensverhältnis zwischen (...) Eltern und dem Team des Montessori-Kinderhauses sowie dem Träger unwiederbringlich zerüttet wurde", heißt es in einer am Dienstag veröffentlichten Pressemitteilung. Da es teilweise auch zu Angriffen auf die Erzieher gekommen sein soll, wurde den Eltern zudem verboten, die Kita zu betreten. Demnach dürfen sie ihre Kinder nur noch bis zur Eingangstür bringen und dort später wieder abholen.

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Eltern machen der Kita Vorwürfe, die Kita den Eltern

Grund für das Zerwürfnis sind demnach unterschiedliche Auffassungen darüber, wie mit den Vorfällen hätte umgegangen werden müssen. So störte die Eltern unter anderem die Kommunikation der Einrichtung nach Bekanntwerden der Übergriffe im September 2018. Auch die Entscheidung, dass die ausübenden Kinder - sie wurden lediglich in eine andere Gruppe versetzt - in der Kita bleiben dürfen, die eigenen jedoch gehen müssen, sorgte für Unmut. "Erst wurden unsere Kinder nicht geschützt und nun werden sie auch noch auf die Straße gesetzt. Wie sollen wir ihnen das erklären?", zitiert der "Kölner Stadt-Anzeiger" einen betroffenen Vater.

Den Vorwurf einer verfehlten Kommunikationspolitik wies das Erzbistum zurück. Demnach habe man die betroffenen Familien am 18. September 2018 im Rahmen eines Elternabends über die Ereignisse und da bereits eingeleitete Maßnahmen informiert. So habe die Kita-Leitung unter anderem umgehend "das Jugendamt, den Kinderschutzbund sowie den Landschaftsverband Rheinland als Aufsichtsbehörde ins Boot geholt", so Kasiske im Gespräch mit dem stern. In der Folge habe man zudem umfangreiche Elterngespräche geführt und mehrere Informationsschreiben zu den aktuellen Entwicklungen herausgegeben.

Verhärtete Fronton auf beiden Seiten

Neben pädagogischen Maßnahmen, die eine Wiederholung der Vorfälle verhindern sollten, sei ferner eine weitere Erzieherin eingestellt worden, schreibt das Erzbistum in seiner offiziellen Stellungnahme. Diese Schritte seien von "vielen Eltern positiv bewertet, von den nun gekündigten Eltern hingegen als nicht ausreichend kritisiert (worden)", heißt es darin weiter. "Die Eltern beharrten auf ihren Vorschlägen, die Entscheidung lag jedoch beim Träger", so Kasiske. 

Dass im weiteren Verlauf Gerüchte über erneute Vorfälle aufkeimten und einige Kita-Mitarbeiter daraufhin teils massiv beschuldigt worden sein sollen, verhärtete die Fronten offensichtlich noch mehr. Kasiske versicherte indes, dass es nach Bekanntwerden der Übergriffe keine weiteren mehr gegeben habe. So seien die Kinder seither zu keiner Zeit unbeaufsichtigt gewesen, auch sei der Tagesablauf und wer sich wann wo aufgehalten habe, genau dokumentiert worden. 

Erzbistum Köln macht keine Angabe über Anzahl der Vorfälle

Den im "Kölner Stadt-Anzeiger" von einer Mutter erhobenen Vorwurf, sie habe die Kita-Leitung bereits im April 2018 auf mögliche Vorfälle hingewiesen, wollte Kasiske nicht kommentieren. "Fest steht, seit September 2018 ist kein weiterer Übergriff belegt." 

Dem Bericht zufolge waren die beiden Gewalt ausübenden Kinder - angeblich ein fünfjähriger Junge und ein gleichaltriges Mädchen - damals in flagranti erwischt worden. Sie sollen insgesamt zwölf Kinder aus neun Familien unter anderem mit Stöcken im Genitalbereich und am Po verletzt haben. "Zu diesen Details geben wir keine Auskunft, um die Kinder zu schützen und nicht identifizierbar zu machen", sagte Kasiske dem stern. Auch zum Alter der betroffenen Kinder sowie den Zeitraum der Übergriffe könne er keine Angaben machen. "Ich weiß es nicht."

Hilfsverein übt scharfe Kritik am Vorgehen der Kölner Kita

Die Eltern der betroffenen Kinder fühlen sich indes zweifach bestraft und fürchten, dass sie für ihre Sprößlinge bis zum Ende des Betreuungsvertrags am 31. März keine neue Kita finden werden. "Wir können die Sorgen der Eltern voll und ganz nachvollziehen", so Kasiske. Die Entscheidung, die Kinder auszuschließen, sei dem Träger auch alles andere als leicht gefallen. "Aber die Entwicklung der Situation hat dazu geführt, dass man sie aus Verantwortung für die Kinder und Mitarbeiter treffen musste", führt der Sprecher aus.

Ursula Enders, Leiterin des Kölner Vereins Zartbitter, einer Kontakt-und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Kindern, übte an den getroffenen Maßnahmen unterdessen scharfe Kritik und warf der Kita massive fachliche Fehler vor. Bei derartigen Vorfällen seien Konflikte programmiert, sagte sie der Kölner Zeitung. Es sei daher unabdingbar, "dass von Anfang an eine unabhängige und auf sexuellem Missbrauch spezialisierte Fachstelle einbezogen wird".

Auch das ausgesprochene Hausverbot kann Enders, die von einigen Eltern eingeschaltet wurde, nicht nachvollziehen. "Das untergräbt das Vertrauen der Kinder in ihre Eltern. Eine pädagogisch unverantwortliche Botschaft", wird sie zitiert.

Quellen: Erzbistum Köln / "Kölner Stadt-Anzeiger" / "Bild"-Zeitung (Bezahlinhalt)

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