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Bei Herrmanns dahoam Ausgangssperre Tag 4: Die Studenten-WG der Tochter spielt 1000-Teile-Puzzles, statt Klopapier zu kaufen

Eine junge Frau puzzelt
Die Eltern hängen nur noch vor dem Fernseher, aber die Kreativität der Kinder wirkt auch irgendwie – verzweifelt (Symbolbild)
© martin-dm / Getty Images
Für den stern erzählt Claudia Herrmann mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie, wie es bei ihnen "Dahoam in Bayern" derzeit so zugeht. Warum wollen ihre Kinder eigentlich nicht auf sie hören – und nach Hause kommen?

Entweder läuft hier "Breaking Bad" oder NTV. "Breaking Bad" haben wir mittlerweile "gemeinsam eingeschränkt". NTV läuft dagegen in Dauerschleife. Normalerweise sehen wir nie in der Früh Fernsehen. Heute schalten wir schon mit der Tasse Tee in der Hand den Sender ein und sitzen dann eine Stunde staunend davor, um all die schlechten Nachrichten anzuhören. Noch mehr Fälle in Deutschland, noch mehr Fälle in Bayern, noch mehr Fälle im Landkreis.

Claudia Herrmann mit Katze
Claudia Herrmann über sich: "Die Kinder sind aus dem Haus und ich bin vor der Menopause. Ich glaub, das ist die beste Zeit meines Lebens! Ich muss nur aufpassen, das ich jetzt nicht zur crazy cat lady mutiere."
© Privat

Dann kommen die Experten! Der Gesundheitsexperte der Tipps gibt wie: Händewaschen ist jetzt sehr wichtig! WTF? Noch niiiieee gehört! Gott sei Dank gibt's den Experten! Dann gibt's ständig Bundestagsabgeordnete, die auf 'n Söder schimpfen. Alle Bayern wieder im Alleingang, typisch! Der Rest von Deutschland möchte das ganz gerne noch drei Tage ausdiskutieren, um dann am Sonntag doch genau das gleiche zu machen wie Bayern. Halt nur drei Tage später … Wir in Bayern ziehen's halt einfach durch! Wie Österreich. Währenddessen diskutiert Berlin immer noch.

Beruhigungstipps, gaaaanz wichtig!

Der Finanzexperte erklärt derweil, dass der Euro sicher ist. (Irgendwie muss ich an "Die Renten sind sicher" und Norbert Blüm denken und an "Keiner will eine Mauer bauen".)

Der Psychologe erklärt auf dem Nachrichtensender, dass es vom Söder psychologisch schlecht dargestellt wurde und von der Kanzlerin psychologisch besser. Also: psychologisch. Gesundheitlich ist jetzt mal sekundär. Es spielt erst mal keine Rolle, was faktisch richtig ist, um sich nicht anzustecken. Sich psychologisch gut zu fühlen, hat Vorrang. Aha!

Und die Brut? Die checkt's einfach nicht

Vielleicht sollte ich den mit meinem Sohn bekannt machen. Der denkt ähnlich. Ganz abgesehen von Fräulein Tochter. Die studiert in Köln und hat mir gestern telefonisch ihre Meinung zu Corona kundgetan. Ich zitiere: "Wenn alle Menschen, die das Virus haben, einfach nicht ins Krankenhaus rennen würden, sondern nur die ganz schlimmen Fälle, hätten wir auch kein Problem mit unserem Gesundheitssystem und alles wäre in zwei Monaten erledigt. Aber die sind einfach alle viel zu wehleidig." Punkt. Hannah weiß, wie es läuft.

Vor drei Wochen habe ich sie täglich mehrfach angerufen und angemahnt, doch bitte heimzukommen.
"Ich will jetzt erst mal zum Klettern nach Frankreich!"
In dieser Zeit wurde dort Ausgangssperre verhängt und sie kamen nur über Umwege wieder heim. Gelernt hat sie daraus nichts. Vor zwei Wochen habe ich sie eindringlich gebeten, einen vernünftigen Lebensmittelvorrat anzulegen. Nachdem ich fünfmal in Folge angerufen hatte, hat sie mir ein Video geschickt, in dem sie mir halbherzig zeigt, das sie ein angebrochenes Paket Reis, eine Packung Bulgur und Nudeln da hat. Aha … sehr beruhigend.
"Mom! Du übertreibst!"

Langeweile in der Studenten-WG, aber heimkommen? Nein!

Heim kommt sie trotzdem nicht. Da die Uni zu ist, herrscht in der Studenten-WG ziemliche Langeweile. Woran mir das aufgefallen ist? Als ich gesehen habe, dass Töchterlein über meinen Amazon-Account drei verschiedene 1000-Teile-Puzzle bestellt hat. Oder an dem geposteten Bild, auf dem sie Mikado mit kleinen Salzbrezeln spielen. Oder das Video, als sie versuchen, aus Käsekuchen Eis zu machen (hat übrigens funktioniert!).

Ich sag's mal so: Der Student an sich hat so schon nicht allzu viel Stress. Ich merke gar keinen Unterschied zwischen Uni und Semesterferien. Aber in Corona-Zeiten läuft alles in Richtung irre. Mittlerweile baut der Physik-Student Türstopper aus Gummibärchen, Magneten und Tesafilm, die Psychologie-Studentin hängt Verhaltenstipps gegen Lagerkoller aus und unsere Brut, die junge Biologin, gibt beim Frühstück Coronavirus-Schulungen: "Leute! Händewaschen ist ULTRA wichtig!" Wie der Gesundheitsminister. Na ja. Da ist zumindest was los.

Apropos Lagerkoller

Bei uns läuft schon wieder "Breaking Bad". Ich glaub ich kann's nicht mehr lange aushalten.
"Was gibt's denn morgen zum Essen? Auf der Tafel steht noch gar nix!", reißt mein Mann mich aus meinem Gedanken.
"I woaß no ned!", antworte ich entnervt. Wir sind an Tag 4 von 14. Himmel!

Unterdessen erreicht mich eine SMS aus der Studenten-WG. "Klopapier ist alle!"


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