HOME

leipzig: Fünf fesche Jungs mit goldigen Stimmen

»ensemble amarcord« - bleibt neben CD-Aufnahmen, USA-Tourneen und einem eigenen Festival noch Zeit zum Studieren?

»ensemble amarcord« - bleibt neben CD-Aufnahmen, USA-Tourneen und einem eigenen Festival noch Zeit zum Studieren?

Wolfram Lattke ist zu zappelig. Zumindest für den Toningenieur. »Still stehen«, mahnt er den 25-jährigen Tenor. Gleichmäßig ins Mikro singen, nicht rumtanzen. Von wegen Tanzen! Wolfram, Dietrich, Holger, Daniel und Frank stehen im Kreis auf Stühlen. Vor ihnen erhebt sich der Altarraum der Leipziger Bethanienkirche. Die Bänke haben sie beiseite gerückt, den roten Teppich zurückgeschlagen. Man sieht nur Kabelsalat und Mikros auf langen Stelzen.

Ihre vierte CD wollen die fünf schmucken Sänger vom »ensemble amarcord« aufnehmen. Diesmal mit lockeren Songs wie dem gerade geprobten »Hit the road, Jack«. Dass Wolfram, der ein paar Solostellen singt, dabei nicht treubrav dastehen kann, ist kein Wunder. Die Fünf des »ensemble amarcord« sind nicht so flippig wie die weithin bekannten Prinzen. Doch eines verbindet sie mit jenen »Pop-Adligen«: Auch sie entstammen dem weltberühmten Leipziger Thomanerchor und haben eine harte, aber ausgezeichnete Schule hinter sich. Nun macht sich das bezahlt. Als moderne »Comedian Harmonists« heimsen die Studenten Preise und Stipen-dien ein, wirbeln die Vokalmusikszene in Deutschland durcheinander. 1992 fanden sich die Studenten als Ensemble zusammen, seit 1995 singen sie in der heutigen Besetzung. Mittler-weile haben sie ein eigenes CD-Label, touren von den USA bis nach Russland und beschäfti-gen seit einem Jahr sogar einen eigenen Manager. Und dies alles während ihres Studi-ums.

Doch Erfolg kostet auch. In diesem Fall Zeit und Freiheit: »Wir haben pro Monat ein Wo-chenende frei«, bestätigt der 27-jährige Bassist Daniel Knauft den engen Terminplan. »Aber wir konnten nach der Chorzeit das Singen nicht lassen«, räumt der gleichaltrige Tenor Diet-rich Barth fast lapidar ein. Und trotzdem: Sie sehen sich fast täglich. Üben, singen, CD-Aufnahmen - bis spät in die Nacht hinein. Geht man sich da nicht manchmal auf den Keks? »Wir ziehen alle an einem Strang«, sagt Dietrich. Niemand bestimmt alleine, alle tragen ihr Scherflein bei und halten vor allem ihre Augen nach geeigneten Stücken offen. Bachs »Air« singen die fünf Jungs dabei genauso präzise wie »Can't buy me love« von John Lennon und Paul McCartney. Das Repertoire des Ensembles ist sozusagen dehnbar wie ein Kaugummi. Drei- bis fünfstimmig muss es sein und gut klingen. Und das tut es auch. Nicht nur bei den Kritikern haben die smarten Sänger einen Stein im Brett, in einigen Orten wartet längst eine kleine Fangemeinde auf den nächsten Auftritt.

Die Hausarbeiten nehmen sie dabei meist mit auf Tour. Die beiden Mediziner Daniel und Dietrich, die ihr Studium gerade abgeschlossen haben, schleppten sogar dicke Bücher mit ins Flugzeug. Es scheint geholfen zu haben: »Wir waren nicht schlechter als unsere Kommilito-nen«, schmunzelt Daniel. Bei den anderen Dreien ist der Abschluss auch nicht mehr fern: Der 26-jährige Bassist Holger liegt bei Germanistik und Naturwissenschaften in den letzten Zügen und bei dem ein Jahr jüngeren Bariton Frank und Tenor Wolfram nähert sich das Musikstudi-um ebenfalls dem Ende.

Bricht das Quintett dann auseinander? »Nein, wir haben bis 2002 geplant«, beruhigt Daniel. Vom 5. bis 13. Mai steht erst einmal ihr eigenes, fünftägiges Festival in Leipzig an. »III. Fes-tival für Vokalmusik a capella« nennt es sich. Dazu haben sie Gäste aus Russland, England und Kuba eingeladen, Säle gemietet, Sponsoren geworben. »Immerhin können wir von der Musik als Studenten leben«, resümiert Daniel. Also doch ein längerfristiges Projekt? Die zweiten »Comedian Harmonists«? Wollen wir doch einmal sehen! Also los, Wolfram: »Hit the road, Jack, why don't you come back no more, no more, no more, no more ...«! (ahei)

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity