HOME

Großeltern sorgen für den Jungen: "Er weiß nur, dass Mama tot ist". Leons Vater tötete die Mutter. Jetzt will der Täter Kontakt

Leon war 17 Monate alt, als seine Mutter von seinem Vater getötet wurde. Die Großmutter versucht, dem Jungen eine unbelastete Kindheit zu ermöglichen. Nun sucht der Vater Kontakt zu seinem Sohn.

Foto von Lisa und Leon

Sie wirken wie eine unbeschwerte bayerische Familie: Alexandra Haselberger, 44, ihr zweiter Mann Hubert, vier Jungen im Alter von drei bis 19 Jahren. Im Garten steht ein selbst gebautes Klettergerüst, in ihrem großen Haus am Rand von Freyung hängen gerahmte Fotos, auf den meisten fröhliche Gesichter. Ganz in der Nähe wohnen zahlreiche Verwandte.

Sein Vater tötete Leons Mutter

Doch die Haselbergers sind keine unbeschwerte Familie. Das jüngste Kind ist Leon*, der Enkel von Alexandra Haselberger. Seine Mutter Lisa wurde in der Nacht zum 27. Oktober 2016 von seinem Vater erstochen. Alexandra Haselberger fand ihre Tochter, verpackt in einem Müllsack. Sosehr sie sich anstrengt, für die Kinder ein normales Leben zu führen – nichts ist vorbei. Nicht die Trauer, nicht die Wut, nicht die Angst vor dem Täter, der aus dem Gefängnis heraus Kontakt zu seinem Sohn sucht. Immer wieder kämpft sie während des Gesprächs in ihrer Küche mit den Tränen.

Alexandra Haselberger

Alexandra Haselberger hat Leon bisher nichts von seinem Vater erzählt

stern

Frau Haselberger, wie ist Ihre Erinnerung an den 27. Oktober 2016?

So absurd das heute klingt: Es war ein Freudentag. Die Frau meines Bruders hatte in der Nacht ein Kind geboren. Weil ich Lisa telefonisch nicht erreichen konnte, schrieb ich ihr eine Whatsapp: "Die Saskia* ist um 0.43 Uhr auf die Welt gekommen." Ich bekam eine Antwort mit einem Smiley mit Herzen als Augen, im Dialekt, so wie wir uns immer geschrieben haben. "I bsuachs wenns dann dahoam sand", "Ich besuche sie, wenn sie dann zu Hause sind".

Lisa war da schon mehrere Stunden tot.

Dominik R. hatte das geschrieben. Ihr Mörder. Wenn ich heute an diese Nacht denke, sehe ich Lisa, die in ihrem Schlafzimmer um ihr Leben kämpft. Das eineinhalb Jahre alte Kind in seinem Bettchen – vielleicht hat es ja alles mitgekriegt? Ich sehe Lisas blutüberströmte Hände. Hat sie gehofft, dass jemand zur Hilfe kommt? Hat sie an mich gedacht in ihren letzten Minuten? Musste sie leiden? Hätte ich ahnen müssen, dass er zu so etwas fähig ist? Diese Fragen verfolgen mich.

Wann hatten Sie zuletzt von ihr gehört?

"Bis bald." Das waren ihre letzten Worte an mich, zwei Tage vor ihrem Tod. Alle späteren Nachrichten hat er geschrieben, von ihrem Handy aus. Lisa und ich haben immer sehr viel Kontakt gehabt. Ein- bis zweimal die Woche kam sie mit dem Kind zu mir, sie wohnte hier im Ort. Ich wusste, welche Probleme sie mit R. hatte. Er war kriminell gewesen und vorbestraft, spielsüchtig, sehr eifersüchtig, und manchmal schlug er zu. Das Kind hat ihn genervt, sobald es schrie. Lisa ist so still geworden. Aber es war schwierig, mit ihr über R. zu sprechen. Sie hat ihn in Schutz genommen und zu mir gesagt: Ich kriege das schon hin! Wenn du dich da immer einmischst, dann besuche ich dich nicht mehr. Also bin ich auch immer stiller geworden.

Warum hat sie sich nicht von ihm getrennt?

Das hat sie getan. Er zog auch aus, im Juli 2016. Ich war so erleichtert darüber, Lisa entspannte sich wieder, sie wurde offen und lustig, wie ich sie kannte. Aber dann hat sie ihn im September wieder einziehen lassen. Vorübergehend, so war die Abmachung, nur bis zum Beginn seiner Therapie gegen Spielsucht, für die hatte er schon einen Termin. Lisa war so. Sie wollte ihm helfen. Ich habe immer wieder zu ihr gesagt: "Zieh doch zu uns!" Ich habe sogar mit einer Psychologin gesprochen, weil ich sie so gern unterstützen wollte. Die Psychologin sagte zu mir, dass ich loslassen müsse. Das war drei Monate vor dem 27. Oktober.

Alexandra Haselberger mit Leon in der Küche ihres Hauses im bayerischen Freyung

Alexandra Haselberger mit Leon in der Küche ihres Hauses im bayerischen Freyung. Sie weiß nicht, ob ihr Enkel etwas mitbekommen hat vom Sterben seiner Mutter. Leon soll während der Tat aufgewacht sein

stern

Die späteren Ermittlungen ergaben: Es war zwischen 0.17 und 3.42 Uhr, als Dominik R. im Schlafzimmer von Lisa Haselbergers Wohnung begann, auf sie einzustechen. Er sagt, sie habe ihm angedroht, dass er seinen Sohn nicht mehr sehen werde. Leon schlief im selben Zimmer, er soll während der Tat aufgewacht sein. Als Lisa tot war, ihre Matratze und ihre Kleider blutdurchtränkt, packte Dominik R. die Leiche in einen Müllsack, verstaute sie in einer Kaminnische und bedeckte sie mit Katzenstreu. Zehn Tage verbrachte er mit Leon in der Wohnung, nur wenige Meter entfernt von dessen toter Mutter. Er räumte Lisas Konto leer, verkaufte ihren Schmuck, sogar ihr Taufkettchen, besorgte sich den Pass seines Bruders und floh am 6. November ohne Führerschein, mit dem Sohn und mit Lisas Auto nach Frankreich, dann nach Spanien.

Erst zwei Wochen nach ihrem Tod wurde Ihre Tochter gefunden.

Ich konnte die Ungewissheit nicht mehr ertragen. Ich hatte zwar immer wieder Whatsapps von ihrem Handy bekommen, aber der Ton wirkte merkwürdig kalt, und immer, wenn ich versuchte, sie anzurufen, war die Mobilbox dran. Schließlich bekam ich eine Nachricht, dass sie alle zusammen im Urlaub seien. Aber es passte nicht zu ihr, einfach so wegzufahren. Ich hatte ein ganz schlechtes Gefühl. Als die Nachbarn sich über Gestank beschwerten, haben wir am 12. November zusammen mit dem Hausmeister die Tür aufgebrochen.

Was fanden Sie vor?

Die Katzenklos waren überfüllt. Der Windeleimer auch. Ich dachte: Wahrscheinlich kommt daher dieser unerträgliche Geruch. Ich habe im Flur das Türchen zum Kaminschacht aufgemacht. Als ich reinschaute, war mein erster Gedanke: ein alter Teppich. Heute weiß ich, dass das reiner Selbstschutz war. Mein Mann, der direkt neben mir war, zog mich weg und sagte: "Wir rufen jetzt die Polizei." Ich wusste, was das bedeutete. Ich habe geschrien, bis mir schwarz vor Augen wurde. Irgendwann später, wir warteten draußen vor der Tür, kam ein Polizist und fragte: Hatte Ihre Tochter ein großes Muttermal am Rücken? Ein Tattoo mit dem Namen "Leon"?

Konnten Sie Ihre Tochter noch einmal sehen?

Der Bestatter hat es uns verweigert. "Sie werden später verstehen, warum", hat er gesagt. Heute weiß ich alles aus der Gerichtsverhandlung.

Lisa war tot – haben Sie gefürchtet, dass das Kind auch nicht mehr lebt?

Die schreckliche Sorge um Leon kam noch dazu. R. hatte auf Lisas Facebook-Seite ein Bild gepostet: Der Junge auf seinem Arm in Paris. Darüber stand: "Danke für den schönen Urlaub." Es sollte der Eindruck erweckt werden, dass Lisa das fotografiert habe. Wir wussten also, dass R. mit Leon nach Frankreich abgehauen war, und hatten die große Hoffnung, dass der Junge noch immer lebte. Aber ob es zu einer Überreaktion kommen würde, wenn er sich verfolgt fühlen würde? Das wussten wir nicht.

Foto von Lisa und Leon

In Alexandra Haselbergers Haus stehen viele Bilder von Lisa und Leon

stern

Eine Großfahndung wurde in Gang gesetzt, ein internationaler Haftbefehl ausgestellt. Es dauerte eine Woche, dann gelang es der spanischen Polizei, R. in Lloret de Mar festzunehmen. Er lag mit seinem Sohn im Hotelbett. Leon kam in ein Heim in Barcelona.

Wann haben Sie Ihren Enkel wieder gesehen?

Ich musste nach Spanien fliegen. Der Kleine wurde mir in der Eingangshalle des Kinderheims übergeben. Er war ausgemergelt und erschöpft, er hatte die ganze Zeit nur Flaschennahrung bekommen. Als ich ihn in die Arme nahm, konnte ich spüren, wie sein angespannter Körper ganz weich wurde, seine Augen fielen zu, er schlief über drei Stunden in meinen Armen. Ich selbst war am Ende. Ich war einerseits so froh, Leon zu haben. Andererseits: Mein Kind, meine Lisa, war tot, brutal ermordet. Wie würden wir das jemals verkraften? Was stand dem Jungen noch bevor? Man kann das nicht zusammenbekommen.

Leon wächst jetzt bei Ihnen auf.

Das war für meinen Mann und mich sofort klar. Er kennt mich gut. Lisa hätte es so gewollt. Meine beiden Söhne aus der zweiten Ehe sind zehn und 13 Jahre alt, das passt vom Alter her auch. Und dann ist da ja auch mein Sohn aus erster Ehe, Lisas Bruder, und viele Verwandte, die um uns herum wohnen. Wahrscheinlich gibt es nichts Besseres für ihn als diese Großfamilie. Trotzdem habe ich nur die Vormundschaft. Das Jugendamt kontrolliert uns so wie jede andere Pflegefamilie. Sie besuchen uns, und ich soll regelmäßig zu Vorträgen gehen. Die größte Zumutung für mich ist aber: Leons Vater hat auch Rechte an dem Kind. Das erfüllt mich mit Verzweiflung und Hass, manchmal mit Panik. Jedes halbe Jahr verfassen die Mitarbeiter vom Amt einen Bericht, wie der Junge sich entwickelt. Den bekommt er ins Gefängnis geschickt. Ein Foto von Leon muss auch dazu. Ich wollte beim ersten Mal nur ein Passbild beilegen, aber das reichte nicht, er hat das Recht, einen Gesamteindruck zu bekommen – von dem Jungen, dessen Mutter er brutal ermordet hat, das muss man sich vorstellen. Ich fotografiere nur aus der Entfernung, möglichst so, dass man nur das Profil sieht. Mir dreht sich der Magen dabei um.

Dominik R. mit Leon

Dominik R. mit Leon

Picture Alliance

In diesem Moment kommen Leon und seine Cousine vom Kindergarten, Alexandra Haselbergers Bruder hat die beiden abgeholt. Leon hat blonde Locken und große braune Augen, er und das Mädchen sagen kurz Hallo, sie lachen und betteln um Chips. Alexandra Haselberger wischt schnell die Tränen weg, sie gibt ihnen eine Schüssel, die nur zu einem Drittel voll ist, und sagt streng: "Aber nur die – sonst esst ihr ja später nichts mehr." Die Kinder laufen aus der Küche.

Frau Haselberger, wie sprechen Sie mit dem Jungen über das, was passiert ist?

Er fragt nicht, und deshalb sagen wir ihm nichts. Er weiß nur, dass seine Mama tot ist. "Sie ist bei den Engeln", sagen wir. Abends sprechen wir mit ihr. Sein Kindergarten ist neben dem Friedhof. Auf ihrem Grab ist ein Foto von ihr. Es ist mit Glitzersteinchen verziert. Leon sagt dann stolz: Meine Mama!

Weiß er, dass sein Vater sie getötet hat?

Er hat noch nie nach seinem Vater gefragt. Wir wissen nicht, was er damals gesehen hat und was von dem Mord und von der Flucht in seinem Unterbewusstsein gespeichert ist. Wir erwähnen R. nicht. Leon soll so lange wie möglich unbelastet sein.

War er in Behandlung?

Ich mache selbst eine Traumatherapie. Wir sprechen viel über den Jungen. Meine Psychologin und auch eine Kinderpsychologin sagen, man solle erst mit einer Behandlung anfangen, wenn sich Symptome zeigen. Vorher solle man nicht an das Trauma rühren.

Was werden Sie tun, wenn er wissen will, wer sein Vater ist?

Ich werde ihm mitteilen, dass dieser Mann seine Mutter getötet hat. Ich würde ihm gern sagen, dass es solche bösen Menschen gibt, dass sie im Gefängnis sind und nie wieder rauskommen. Das kann ich aber leider nicht. R. könnte bei guter Führung aus dem Gefängnis kommen, wenn Leon elf Jahre alt ist. Er könnte dann vor unserer Tür stehen.

Alexandra Haselberger vor Bildern von Lisa und Leon

Dass Sie ihre Tochter nicht beschützen konnte, quält Alexandra Haselberger bis heute

stern

Die Staatsanwaltschaft hatte Dominik R. wegen Mordes angeklagt und eine lebenslange Freiheitsstrafe gefordert. Aber das Gericht verurteilte ihn am 20. November 2017 zu zwölf Jahren Haft wegen Totschlags. In der Begründung stand: "Bei Gesamtbetrachtung der Umstände stellt das Tötungsdelikt eine Beziehungstötung dar ... Mordmerkmale wurden keine gefunden." Unter anderem hieß es: "Der Angeklagte handelte nicht grausam. Erhebliches Leiden konnte ... nicht festgestellt werden." Auch fanden die Richter: "Der Angeklagte handelte nicht, um ein Besitzrecht gegenüber Lisa Haselberger zum Ausdruck zu bringen, sondern in einer Situation der Verzweiflung und des Zorns über den drohenden Verlust Leon Haselbergers." Weil Dominik R. zusätzlich zwei Jahre wegen Einbruchsdelikten verbüßen musste, die zur Bewährung ausgesetzt waren, kam er auf insgesamt 14 Jahre, von denen er zwei inzwischen verbüßt hat. Bei guter Führung könnte er ein Drittel erlassen bekommen und 2026 frei sein.

Wie haben Sie vor einem Jahr auf das Urteil reagiert?

Ich war erschüttert – alle aus meiner Familie waren es. Was muss ein Mensch noch tun, damit er ein Mörder ist und lebenslänglich ins Gefängnis kommt? Lisa wog 48 Kilo, er bestimmt das Doppelte. Er war viel größer und muskulös. Sie war 1,68 und zierlich. Er hat sie auslöschen wollen. Er wollte das Kind für sich haben, um das er sich vorher nie gekümmert hat. Es ging ihm um Macht und nur um sich selbst. Er hat sich ein Tattoo stechen lassen in Spanien, daran kann man auch sehen, wie infantil und selbstbezogen er ist. Auf seinem linken Oberarm steht der Name Lisa. Dazu ihr Geburtsdatum und ihr Todesdatum. Darunter: "Danke für alles" auf Spanisch. Es tut unfassbar weh, dass der Mörder meiner Tochter es wagt, das als Erinnerung auf seinem Arm zu tragen.

Tätowierungen von Dominik R.: Geburtstag und den Todestag von Lisa, darunter "Gracias por todo", Danke für alles

Dominik R. ließ sich zwei Daten auf den Oberarm tätowieren: den Geburtstag und den Todestag von Lisa, darunter "Gracias por todo", Danke für alles

Picture Alliance

Welche Rolle spielt Dominik R. heute in Ihrem Leben?

Sein Anwalt hat dem Jugendamt vor Kurzem geschrieben, dass R. einen regelmäßigen Umgangskontakt zu seinem Sohn herstellen möchte und dass er nach seiner Haftentlassung für den Sohn zur Verfügung stehen will. Dann hat er beantragt, dass er zweimal im Monat einen Brief an das Kind schreiben darf, den wir Leon vorlesen müssten. Meine Anwältin sagt, dass seine Chancen, damit durchzukommen, im Moment gleich null seien, weil das Kind noch so klein ist und noch gar nichts von seinem Vater weiß. Aber später? Wir haben bald einen Termin bei einem psychologischen Sachverständigen. Das Familiengericht soll entscheiden.

Das Recht auf Umgang mit dem eigenen Kind ist in Deutschland ein Grundrecht – auch dann, wenn ein Elternteil den anderen umgebracht hat. Das Recht kann allerdings eingeschränkt werden, wenn bei einem Kontakt von einer Gefährdung des Kindeswohls auszugehen ist. Darüber, wann das der Fall ist, können die Meinungen auseinandergehen.

Wie kommen Sie mit dieser Situation zurecht?

Ich würde es im Moment ohne Antidepressiva nicht schaffen. Ich trauere um Lisa. Jeden Tag stehe ich an ihrem Grab. Sie fehlt mir so sehr. Ich schicke ihr sogar Whatsapp-Nachrichten, auch wenn das verrückt klingt. Ich schreibe ihr, wie lieb ich sie habe und wie gern ich sie beschützt hätte. Dass ich das nicht geschafft habe, obwohl ich so ein ungutes Gefühl hatte, kann ich mir nicht verzeihen. Jetzt möchte ich wenigstens das Kind vor R. schützen. Lisa hätte das gewollt. Aber mir kommt es so vor: Sie bekam den Mann nicht los, alle haben ihn unterschätzt. Sie war in der Falle. Und ich und der kleine Leon – wir sind es auch.

* Namen der Kinder geändert

Verbrechensopfer: Manchmal lässt sich der Rechtsstaat schwer ertragen
wue

Wissenscommunity