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Mehrwertsteuererhöhung: Preise steigen schon jetzt

Im kommenden Jahr steigt die Mehrwertsteuer. Doch schon jetzt etikettiert der Handel eifrig um. Erst verteuern Händler ihre Ware, dann locken sie mit falschen Rabatten. Nur Klopapier bleibt unverändert günstig.

Der Preiskampf ist eröffnet: Wegen der Mehrwertsteuererhöhung fürchten sich viele Verbraucher vor steigenden Preisen. Zu Recht, denn der Handel hat schon Monate vor der Steueranhebung eifrig umetikettiert. Nun nutzen die Händler die Angst der Konsumenten und locken mit Rabatten. Gegen den Preisschock im Einkaufswagen setzen Händler auf Preisgarantien, Nachlässe und einen geschenkten Mehrwertsteuersatz. Denn Discounter, Drogerieketten und Autohäuser fürchten, dass ihnen die Kunden wegbleiben, wenn zum 1. Januar 2007 die Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent steigt.

"Die Unternehmen haben mehrere Möglichkeiten", sagt Thomas Golly, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Sempora in Bad Homburg. "Sie können Preiserhöhungen vorziehen, sie können plakativ konstante Preise herausstellen und sie können nur bestimmte Produkte verteuern, die der Käufer selten kauft." Bei Gardinenreiniger und teuren Parfums könne sich der Kunde nicht mehr an den alten Preis erinnern - bei Toilettenpapier dagegen schon. Bislang haben vor allem Drogeriemärkte die anstehende Steuererhöhung zu einem guten Teil vorweggenommen.

Kartoffeln teurer, Hotels billiger

Der Blick auf den Preismonitor des Statistischen Bundesamtes belegt dies. Die Fachleute verfolgen seit Juni die Preisaufschläge für 42 Produkte und Dienstleistungen. Danach sind im Sommer vor allem Drogerieartikel teurer geworden. Duschgel verteuerte sich gegenüber Juni um 0,5 Prozent, Zahnpasta um 1,3 Prozent und Geschirrspülmittel um 0,9 Prozent. Nur Toilettenpapier blieb unverändert günstig.

Häufige Preisänderungen sind bei Drogeriemärkten zwar gang und gäbe. Das Statistische Bundesamt spricht daher von "Schwankungen, die sich im Rahmen halten." Experten sehen aber einen deutlichen Trend. "Die Schere geht auseinander - Erhöhungen sind in diesem Jahr viel häufiger als Preissenkungen", sagt der Geschäftsführer des Wirtschaftsinformationsdienstes Preiszeiger, Andreas Breitbart.

Das Statistische Bundesamt warnt aber vor zu viel Misstrauen. Nicht alle Preiserhöhungen seien der anstehenden Steuererhöhung anzulasten. So haben sich Heizöl und Benzin gegenüber Juni um 2,7 Prozent verteuert. "Das liegt allein an den teuren Rohstoffen", sagt Statistiker Timm Behrmann. Hotelübernachtungen seien nach Ende der Fußball-WM dagegen um 4 Prozent billiger geworden. "Kartoffeln wurden im August um ein Drittel teurer, aber daran war der heiße Sommer Schuld." Für die meisten Lebensmittel gilt der ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent, der unverändert bleibt.

Dennoch haben Discounter wie Aldi und Norma bereits reagiert. Aldi hat eine Preisgarantie für mehr als 200 Artikel abgegeben, die von der Steuererhöhung betroffen sein werden. Dazu gehören zum Beispiel Apfelschorle, Eierlikör und Feinstrumpfhosen, die auch nach dem 31. Dezember 2006 genauso viel wie heute kosten sollen.

Rabatt hält nicht, was er verspricht

Die Autoindustrie geht einen anderen Weg: Hersteller wie Opel, Peugeot und Ford schenken den Käufern derzeit die Mehrwertsteuer. Der Rabatt hält aber kaum, was er verspricht: Es geht dabei nicht um 16 Prozent, sondern wegen der Berechnung auf den Nettopreis (und nicht den Bruttopreis) lediglich um 13,8 Prozent. "Wer als Käufer hartnäckig verhandelt, bekommt überall einen Nachlass in dieser Höhe", sagt Christian Fronczak vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Nach Branchenschätzung liegen die Rabatte in der Autoindustrie derzeit bei rund 17 Prozent.

Die Autohersteller freuen sich aber bereits über eine Belebung des Geschäfts. "Die Maßnahmen haben den Automarkt in Bewegung gebracht und bescheren den Herstellern eine Marken-Loyalität", sagt der Präsident des Deutschen Automobilverbandes VDA, Bernd Gottschalk.

Eine Preisexplosion zum Jahresende müssen Verbraucher laut Bundesbank nicht fürchten. "Es wird keine Teuro-Zwei-Debatte geben", sagt Bundesbankpräsident Axel Weber. Bei der Euro-Umstellung Anfang 2002 hatten die meisten Deutschen das Gefühl, die Währungseinführung sei für übertrieben hohe Preisaufschläge genutzt worden, obwohl die Statistik dies nicht belegte. Sicher scheint jedoch, dass der Handel große Teile der Mehrwertsteuererhöhung an die Verbraucher weitergibt. "Die Margen im Einzelhandel sind mit ein bis drei Prozent sehr gering", sagt Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels HDE. "Wenn es Spielraum für Preiserhöhungen gibt, muss der Handel sie nutzen."

Marion Trimborn/DPA / DPA

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