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Mode-Uni: Schrill: Ein Modestudium bei Vivienne Westwood

Fällt das Urteil "Hausfrauen-Look", kann der Jungdesigner gehen. Ansporn für die Berliner Studenten an der Universität der Künste ist seit zehn Jahren Vivienne Westwood.

Turnschuhe sind eine Todsünde, und es ist auch nicht ratsam, in Vivienne Westwoods Mode-Unterricht legere Klamotten von der Stange zu tragen. "Vivienne hasst den Berlin-Look", sagt Konstanze Knapp. Die 29-Jährige ist eine der Modestudentinnen, die bald ihr Diplom an der Universität der Künste macht. Im zehnten Jahr lehrt die bekannte Designerin Westwood nun in der Hauptstadt. Der Unterricht läuft auf Englisch, und die Meisterin lässt sich beim Vornamen nennen.

Faible für historische Mode

So locker, wie es klingt, ist das Modestudium an der Universität nicht. Das Urteil der extravaganten Westwood ist in ihren Klassen gefürchtet; sie gilt als energiegeladen, streng - und als "Workaholic". Wer eine Punk-Lady als Referentin erwartet, hat sich ebenfalls gründlich geirrt. "Sie hasst es, mit Punk in Zusammenhang gebracht zu werden. Da fühlt sie sich auf ihre Anfänge reduziert", erklärt Knapp. Heute gelte die Leidenschaft der 61-jährigen Designerin der historischen Mode.

Acht bis zehn Mal im Semester kommt Vivienne Westwood für ihre Kompaktseminare in die deutsche Hauptstadt. Für die Studenten ist es erst einmal spannend zu sehen, was sie für Kleidung trägt. Bunt und schrill sieht es zumeist aus, eigenwillig und handgemacht. Die Studenten dürfen sicher sein, dass sie von ihrer Lehrerin gleichfalls gemustert werden. Es ist sicher nicht einfach, den Geschmack einer Lady zu treffen, die Sätze sagt wie: "Die meisten Leute kleiden sich so furchtbar, dass ich sie nicht ansehen mag."

Eine der letzten Avantgardistinnen

Ernst wird es, wenn Vivienne Westwood die Arbeiten ihrer Modeschüler betrachtet. Fällt bei ihr ein Entwurf als "Hausfrauen-Look" durch, kann der Schöpfer desselben einpacken. "Wenn ihr aber eine Idee gefällt, will sie bis zum letzten Knopf mitbestimmen", ergänzt Knapp. Für sie ist ihre Lehrerin "eine der letzten Avantgardistinnen, die sich von keiner Strömung leiten lassen".

Ein gesundes Selbstbewusstsein und ein eigener Stil gehören dazu, um einen der begehrten Plätze in Westwoods Modeklassen zu ergattern. Drei Jahre dauert das Hauptstudium an der Fakultät Gestaltung, mehr als 700 Bewerbungen gehen jedes Jahr ein, rund 35 Studenten werden genommen.

Berlin ist ein beliebter Ort für Modestudenten: Die Stadt gilt als offen, inspirierend - und billig. Wer aber Konstanze Knapp fragt, ob sich die Hauptstadt und die Mode in den vergangenen Jahren näher gekommen sind, in den Szenevierteln, auf Galas oder Bällen, der wird enttäuscht. "Berlin ist keine Modestadt und wird auch keine", urteilt die Studentin. Die 20er Jahre, als Berlin mit Paris konkurrieren konnte, die kommen nicht wieder.

Der "Walk of Fashion"

Doch einmal im Jahr macht Westwood in Berlin auf Mode aufmerksam: mit einer großen Schau, auf der ihre Schüler Arbeiten präsentieren. Neben dem "Walk of Fashion" in Berlin-Mitte und der Modenschau auf dem Kurfürstendamm ist das heute eines der wenigen regelmäßigen Mode-Ereignisse an der Spree.

Der Bericht "Mode in Berlin 2002" aus der Wirtschaftsverwaltung des Senats liest sich dann auch eher düster. Die reale Modewelt der Hauptstadt besteht aus 180 Kleinunternehmen, deren Angebote von teurer Couture bis zu Szene-Klamotten reichen. Berliner Modemessen haben nur regionalen Charakter. Als "Zukunftsaussichten" vermerkt der Senatsbericht, dass internationale Modefirmen wie Gerry Weber, Hermès oder Jil Sander am Kurfürstendamm oder in der Friedrichstraße ansässig sind und sich mit dem Umzug von Verbänden und Botschaften zum Regierungssitz eine "erhebliche Erhöhung der Kaufkraft" zeige.

Konstanze Knapp beeindruckt das wenig. "Wer nach dem Modestudium etwas will, muss schon nach Paris", sagt sie. In Deutschland blieben Studenten Karrieren als Kostümbildner bei Theater, Film oder Fernsehen oder im Modejournalismus. Doch ein Studium bei Vivienne Westwood - das mache immer schon ein bisschen Eindruck.

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