NACHWUCHSFÖRDERUNG Topdesigner zieht es nach Berlin


Um den deutschen Modenachwuchs international konkurrenzfähig zu machen, holt sich die Universität der Künste Berlin (UdK) gern prominente Hilfe von außen. Neben Vivienne Westwood lehrt nun auch Piero Cividini den deutschen Modenachwuchs.

Bereits seit 1993 lehrt die englische Topdesignerin Vivienne Westwood an der Universität der Künste Berlin (UdK) am Studiengang Textil- und Bekleidungsdesign der Fakultät Gestaltung. Für das soeben begonnene Wintersemester 2002/03 übernahm nun Piero Cividini eine zunächst auf diesen Zeitraum begrenzte Gastprofessur.

Der 50-jährige Italiener aus Bergamo gehört zwar nicht zu den glamourösen Namen seiner Zunft, genießt aber innerhalb der Branche einen exzellenten Ruf. Diesen verdankt er vor allem seinem Gespür für hochwertigste Materialien und der Fähigkeit, diese ständig weiterzuentwickeln. Exzesse gibt es bei ihm nicht. Selbst auf dem Laufsteg, dort wo Designer ihre Kreativität gern ungezügelt ausleben, besticht er durch Tragbarkeit.

Mit einem klaren »Nein« reagiert Professorin Kirsten Langkilde, Vizepräsidentin der UdK Berlin und Dekanin der Fakultät Gestaltung, auf Gerüchte, ursprünglich sollte Cividini Westwood sogar ablösen. »Wir haben einfach nur eine zweite Stelle besetzt.« Ebenso entschieden dementiert sie, dass seine Bodenhaftung Auswahlkriterium gewesen sei, um einen Gegenpol zu der eher extrovertierten Handschrift der Engländerin anzubieten. »Piero Cividini hat durch seine hohen Qualitätsmaßstäbe überzeugt«, sagt Langkilde. Und fügt an: »Vivienne Westwood leistet ausgezeichnete Arbeit.«

Diese Meinung ist jedoch nicht einhellig. Immer wieder kritisieren Fachleute die frappierende Ähnlichkeit der Studentenarbeiten mit denen ihrer Lehrmeisterin. Will man die Qualität einer Ausbildung allein an den Stars messen, die sie hervorbrachte, schneidet die UdK in der Tat schlecht ab. Keiner der Designer, die seit einiger Zeit dazu beitragen, dass im Ausland ein »neues, deutsches Modewunder« registriert wird, hat in Berlin studiert. Ingken Benesch und Kai Dünhölter diplomierten an der Fachhochschule Hamburg, bevor ihr Label Hotel für Furore sorgte. Bernhard Willhelm absolvierte nach einem Kurzaufenthalt an der Fachhochschule Trier die Königliche Akademie der Schönen Künste in Antwerpen. Und auch Markus Lupfer begann in Trier um sich dann in London den Feinschliff zu holen.

Zur Stippvisite nach Berlin

»Talente macht man nicht, sie werden geboren. Eine Schule muss sie aber zu entdecken und pflegen wissen«, meint Piero Cividini. »Doch mir geht es vor allem darum, die weniger Begabten, aber Ambitionierten auf ein Niveau zu bringen, dass ihnen den Einstieg in den Beruf ermöglicht«. Die Gefahr, einen zu starken Einfluss auf die Studierenden auszuüben, sieht jedoch auch er. »Ein Meister hinterlässt automatisch Spuren bei seinen Schülern. Wie ich reagieren werde, wenn jemand sehr weit neben meinem eigenen Stil liegen sollte, kann ich heute noch nicht beantworten.«

Bei allen Unterschieden, gibt es eine Klammer, die Vivienne Westwood und Piero Cividini eint. Beide haben die Ausbildung, die sie heute anbieten, nicht selbst genossen. Westwood ist Autodidaktin, Cividini Quereinsteiger. Ursprünglich studierte er Elektrotechnik in Mailand. Ein Ferienjob bei einem Strickwarenerzeuger mündete in eine Festanstellung und führte letztlich zur Aufgabe des Studiums. Strick bildet auch heute noch die Basis der 1988 zusammen mit Ehefrau Miriam Grassi gegründeten Marke, die seinen Namen trägt.

Einmal im Monat kommt er nun nach Berlin, um die Studentinnen und Studenten selbst zu betreuen, unterstützt von einem Dozententeam, das in der übrigen Zeit die Arbeit weiterführt. »Der eine Tag reicht, wenn er intensiv genutzt wird«, erklären Piero Cividini und Kirsten Langkilde unisono. Letztere lässt durchblicken, dass die finanziellen Mittel der Universität ein größeres Volumen auch gar nicht zuließen. Voraussichtlich im März steht dann die Abschlusspräsentation auf dem Programm. Das Seminar-Thema verspricht schon einmal Kopflastigkeit. Es lautet: »Die Frauenbewegungen der 70er Jahre als Quelle für den Umbruch in der Mode des dritten Millenniums«.


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