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Modell-Schule: Wenn Kinder sich aus der Krise malen

Lehrer im Berliner Problembezirk Neukölln setzen auf Kunst als Integrationskonzept.

Auf der Fensterbank reihen sich Gipsfiguren, im Bücher- regal steht "Picassos Leben" von Mario Giordano. Nach einem Museumsbuch hat die Klasse 3 a Faltenwürfe modelliert, um Licht- und Schattenkontraste zu erfassen. Jetzt blickt Beate Schostak-Schadow, 60, erwartungsvoll über die gesenkten Köpfe ihrer 27 Schüler, die eine Zeichnung von Paul Klee beschreiben. Die Schüler haben Namen wie Baliar, Yeliz, Abdul, Sebastian und Lotte. Immer wieder drängen sie nach vorn, fragen nach Wörtern.

Die Regenbogen-Grundschule liegt im Neuköllner Rollbergviertel. Familien aus 30 Nationen leben hier, jeder Dritte ist arbeitslos, jeder Sechste in diesem Viertel lebt von Sozialhilfe. Die Lehrer arbeiten mit der Polizei, dem Jugendheim und der Kirche zusammen. "Es gibt Banden im Kiez, zu denen auch Schüler von uns gehörten. Wir mussten zwei von der Schule verweisen, weil sie andere bestohlen haben", sagt Rektorin Heidrun Böhmer. "Wir waren das absolute Schlusslicht in Neukölln."

Kunst als Schlüssel zu den Kindern

Inzwischen aber hat die Schule einen hervorragenden Ruf. 20 Prozent der Schüler wechseln aufs Gymnasium. Das Erfolgsrezept heißt: Kunst und konsequente Elternarbeit. Die Hälfte der 43 Pädagogen an der ersten "kunstbetonten" Grundschule Berlins hat neben anderen Fächern Kunst auf Lehramt studiert. Die dient den Lehrern nicht als schöngeistige Kür, sondern als Schlüssel zu Kindern, "die bei der Einschulung oft nicht einmal guten Tag sagen können", erklärt Schulleiterin Böhmer. Beate Schostak-Schadow unterrichtet fächerübergreifend, immer mit einem Bezug zur Kunst. "Echte" Künstler begleiten den Unterricht. "Die gehen völlig anders mit den Kindern um. Die interessieren keine Noten, sondern wie Kinder mit Farben und Formen umgehen."

Die Nationalgalerie ist eines der beliebtesten Ausflugsziele, immer dabei: Skizzenblock und Bleistift. Die Schulleiterin lässt ihrem Kollegium viel Freiheit. Claudia Neelsen, 40, Klassenlehrerin in der Vierten, bat die Mutter eines Schülers für eine Woche in die Schule, damit die ihr bei einer Projektwoche über das Thema Wasser hilft. "Bei uns sind Ideen willkommen, keiner wird ausgegrenzt", heißt es im Kollegium.

Eltern arbeiten in der Schule

Die nötige Unterstützung holen sich die Lehrer nicht nur bei Kollegen, sondern auch bei "Erziehungshelfern" - Eltern, zum Teil mit pädagogischer Ausbildung, die auf ABM-Basis in der Schule mitarbeiten. Erwachsene ohne Lehrerstatus sind ein wichtiger Bestandteil der Schule geworden. Sie arbeiten in der Schülerbibliothek, schälen Kartoffeln fürs Mittagessen oder waschen Kittel für den Kunstunterricht. "Sie sind zusätzlich Ansprechpartner, die viele Kinder daheim nicht haben", sagt Heidrun Böhmer. Sabine Wichmann, 44, und Izdihar Abderrahmae, 31, gehören auch dazu. Sie betreuen die "Schulstation". Wer vor dem Unterricht kommt oder länger bleibt, "weil Zuhause mal wieder Rambazamba ist", wird hier aufgefangen. Die Regale sind voll gestopft mit Spielen und Büchern, an Tischen können Hausaufgaben gemacht werden. Auch Unterrichtsstörer landen in der Station und können sich über Lehrer, aber auch Eltern ausweinen.

In der Cafeteria wird jeden Mittag warmes Essen serviert. Die Lehrer nutzen den hellen Raum auch für Elterngespräche, weil er "nicht so einschüchternd wie das Lehrerzimmer" ist. Die Schule kann inzwischen nicht nur ihre Lehrer, sondern zum Teil auch ihre Eltern selbst auswählen. Angenommen werden Kinder aus anderen Bezirken nur, wenn sich ihre Eltern engagieren - Wände streichen, den Pausenhof umgestalten oder Klassenfahrten begleiten. Dafür sind Eltern jederzeit willkommen, sogar als Hospitanten im Unterricht.

Lehrer machen Hausbesuche

Heidrun Böhmer und ihre Kollegen schreiben keine Briefe, sondern machen regelmäßig Hausbesuche, nehmen sich Zeit für einen Teenachmittag. "Ein Besuch reicht oft schon, dann kommen die Eltern von selbst, weil sie spüren, dass wir uns um ihr Kind bemühen." Und für die Schüler sei es unverzichtbar, dass sie merken: Eltern und Lehrer arbeiten zusammen. "Da darf kein Blatt Papier dazwischenpassen."

Gesine Kulicke / DPA

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