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Lehrer: Höllenjob auf Lebenszeit

Sie werden als "Landesferienmeister" verhöhnt, Gerhard Schröder nannte sie faule Säcke. Tatsächlich sind Lehrer heute oft die Letzten, die sich noch um unsere Kinder kümmern - bis zur Selbstaufgabe. Ein Report vom täglichen Schulwahnsinn

Läuft's gut, sind zehn Minuten Lernen drin. Der Rest der Schulstunde geht dafür drauf, um diese zehn Minuten zu kämpfen. Dass die Kinder still sitzen. Auf den Stühlen, nicht auf den Tischen. Nicht den Nebenmann ärgern. Nicht auf Toilette gehen wollen. Nicht dauernd fragen: Herr Martschinke, wann schellt es endlich?

Studienrat Detthard Martschinke, 42, steht an der Tafel. Er hat sich vorgenommen, einer fünften Klasse Wie-Wörter zu erklären. Jede Stunde nimmt er sich was vor, es kommt oft anders. Die einen setzen ihre Baseballkappen nicht ab, die anderen lärmen durch den Raum. Martschinke zählt laut bis drei. Wer dann noch stört, muss für fünf Minuten raus. "Die machen das Gegenteil von dem, was du sagst", wird er später im Lehrerzimmer erklären. Und dass er sich nach acht Stunden Schule fühle wie ein Boxer nach dem Kampf. Irgendwie fertig.

Schule als Zeitvertreib

Deutschlehrer Martschinke unterrichtet an der Martin-Luther-King-Gesamtschule in Ratingen-West bei Düsseldorf. 950 Schüler aus 20 Nationen, 76 Pädagogen, Ganztagsbetreuung. Mensa, Theater-AG, Kickerraum, Selbstsicherheitstraining, Schulbibliothek. Engagierte Lehrer, sogar sechs mehr, als der Stellenplan vorsieht. Doch hier wie anderswo beschleicht sie langsam das Gefühl, dass ihnen der Job über den Kopf wächst. Viele Kinder kommen nicht mehr in die Schule, um zu lernen. Sie kommen, um sich mit den Mitschülern die Zeit zu vertreiben.

Es geht nicht mehr um Bildung, es geht um Betreuung. Und die Pädagogen werden zu Sozialarbeitern, Psychologen, Erziehungsberatern. Niemand hat sie im Studium auf das Drama zerbrochener Ehen vorbereitet, keiner auf muslimische Eltern, die darauf bestehen, dass die Tochter nur mit Kopftuch am Schwimmunterricht teilnimmt.

Dem Elend ins Gesicht sehen

Die Lehrer von heute sind oft die Letzten, die sich noch um die Kinder kümmern. Dem Elend ins Gesicht sehen. Kein Wunder, dass sich deutsche Pädagogen überfordert fühlen. An der Universitätsklinik Freiburg wurde jetzt die Berufssituation von Gymnasiallehrern untersucht. Ergebnis: Selbst im vermeintlich idyllischen Freiburg fühlt sich jeder zweite Lehrer erschöpft, anfällig und hat resigniert. Nur etwa zwölf Prozent der Pädagogen sind fit und rundum belastbar. Es gibt Lehrerinnen, die auf Seidenblusen verzichten, weil die schon in der zweiten Stunde sichtbar durchgeschwitzt sind. Jeder fünfte Lehrer steht während des Unterrichts unter so starkem Stress, dass er eine psychotherapeutische Behandlung brauchte.

Der Traumberuf droht zum Horrorjob zu werden:
- An einer Hamburger Gesamtschule schlug ein Elfjähriger seine Lehrerin mit der Faust nieder. Der Junge hatte sich zuvor in aller Ruhe die Jacke ausgezogen und die Ärmel hochgekrempelt.
- Eine Lehrerin in Freiburg fand einen abgeschlagenen Flaschenhals unter dem Hinterrad ihres Wagens. Entdeckt hatte sie ihn nur, weil er unter einem Häufchen Schnee versteckt war - in der Tiefgarage.
- An einer Wuppertaler Berufsschule brach ein Schüler einem Sozialarbeiter das Nasenbein, weil der ihn aufgefordert hatte, seine Unterlagen ordentlich zu sortieren.
- In Stuttgart schockte ein Realschüler seine Lehrerin kurz vor Ostern mit der Drohung, er werde sie am nächsten Tag erschießen. Sie will sich jetzt pensionieren lassen.

Die meisten Übergriffe werden nicht öffentlich gemacht

Die meisten Attacken werden erst gar nicht gemeldet, aus Furcht, einen "guten Ruf" zu verlieren. Als in Heidenheim ein Realschüler seine Lehrerin mit einem Küchenmesser attackierte und am Rücken verletzte, wurde der 14-Jährige von der Schule geworfen. Die Lehrerin ließ sich beurlauben, und der Schulleiter war froh, dass gleich nach dem "Vorfall" die Sommerferien begannen. Gewalt an Schulen ist immer noch ein Tabuthema. Eine Untersuchung der Universität Erlangen-Nürnberg für das BKA ergab, dass bereits jeder dritte Junge in der Schule einen Mitschüler getreten oder geschlagen hat. Über ein Drittel der Gymnasiasten, das ist das Ergebnis einer Studie der Katholischen Universität Eichstätt, ist verbal aggressiv, mobbt, beleidigt und beschämt seine Mitschüler.

Der ganz alltägliche Wahnsinn

Gewalt ist das eine Problem. Was viele Lehrer aber zunehmend verzweifeln lässt, ist der ganz alltägliche Wahnsinn. Schüler zum Beispiel, die kein Wort mehr verstehen. "Nullsprecher" nennt Hauptschullehrerin Helga Mann solche Kinder aus Kasachstan oder Russland. Sie unterrichtet die sechste Hauptschulklasse in einer fränkischen Kleinstadt, wo der Lehrer noch so etwas wie eine Respektsperson sein sollte. Mitnichten, sagt sie. "Man sollte Videokameras im Klassenzimmer aufstellen, um zu zeigen, wie es wirklich zugeht."

20 Jahre kam sie mit ihrem Job zurecht. Ließ sich trotz Blockade eines Lendenwirbels und Schmerzen nicht krankschreiben. Übernahm zusätzlich die Aufsicht für eine andere Klasse. Doch als ihr an einem Freitagmorgen ausgerechnet einer ihrer Lieblingsschüler den Stinkefinger unter die Nase hielt, war das Maß voll. Helga Mann schleppte sich mit Magenschmerzen und kurz vor einem Weinkrampf durch die Stunde. Zu Hause klappte sie zusammen. Und kam mit Depressionen in eine Klinik.

Selbstverteidigungskurse für Lehrer

Helga Mann fühlt sich "verheizt". Der Beruf des Lehrers hat sich in den letzten Jahren drastisch verändert, die Ausbildung des Lehrpersonals nicht. Die Studenten quälen sich an der Uni durch Shakespeare und Droste-Hülshoff, während Mobbing, Erpressung und Gewalt immer mehr den Schulalltag bestimmen. Nach dem Massaker von Erfurt lernten einige Lehrer in Selbstverteidigungskursen, wie man Angreifern ein Messer aus der Hand tritt. Sie sind nicht dafür ausgebildet, was zu tun ist, wenn sie vor einer Klasse von 28 Kindern stehen, in der fünf sich streiten, zehn gar nicht merken, dass der Unterricht angefangen hat, zwei durch die Klasse rennen und einer kurz davor ist, aus dem Fenster zu springen.

Die Pisa-Studie hat nicht nur die Schwächen der Schüler, sondern auch die ihrer Lehrer offen gelegt. Mehr als die Hälfte der Schüler beklagt, dass sich ihr Lehrer nicht für ihr Fortkommen interessiere. Der erste "Bildungsbericht für Deutschland", den das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung daraufhin vorlegte, kritisiert die "eng fixierte und traditionell geprägte Unterrichtskultur". Das Klima an deutschen Schulen sei durch ein "eher kühles Schüler-Lehrer-Verhältnis" gekennzeichnet. "Dem deutschen Lehrerberuf steht eine riesige Umwälzung bevor", sagt Andreas Schleicher, bei der OECD für die Pisa-Untersuchungen verantwortlich.

Mangelnde Ausbildung

Jetzt droht den 800 000 Pädagogen neues Unheil: In den kommenden Wochen wird die OECD eine internationale Lehrerstudie veröffentlichen, an der Deutschland zum ersten Mal teilnahm. Experten aus Paris, Budapest, Stockholm und London haben in einem internen Protokoll aufgelistet, woran das deutsche System leide: an Planlosigkeit und mangelnder Professionalität. Das beginne bei der Ausbildung. "Wer wird eigentlich Lehrer?", lautete die spitze Frage der Wissenschaftler. Die "Eignung für den Beruf" spiele wohl keine bedeutende Rolle. Keiner prüfe beispielsweise, wie belastbar die künftigen Pädagogen sind.

In dem Papier hagelt es Kritik für die 16 Kultusminister und ihre Schulbürokratie: Ein klares Berufsbild fehle. Anerkennung für besondere Leistung gebe es nicht, Karrieremöglichkeiten seien gleich null. Kein Kollegium müsse, wie in anderen Ländern üblich, gegenüber der Öffentlichkeit Rechenschaft ablegen. Engagierte Lehrer und reformwillige Schulen würden gegängelt und behindert durch ein "unflexibles System von Verwaltung und Besoldung". Die Fortbildung sei dem Einzelnen überlassen, und das in einem Beruf, der Jugendliche auf "lebenslanges Lernen" vorbereiten soll. Der deutsche Lehrer ist im Schnitt 47 Jahre alt, nur Italien leistet sich im Europavergleich ähnlich alte Pädagogen. Mit durchschnittlich 55 Jahren gehen deutsche Lehrer in den Ruhestand, die Hälfte scheidet wegen psychischer und psychosomatischer Erkrankungen aus: Depressionen, Angst- störungen, chronische Rückenschmerzen, Herzbeschwerden. Nur 15 Prozent bleiben bis zum regulären Rentenalter im Beruf.

Endstation: Psychatrische Behandlung

Tausende Lehrer landen in psychiatrischer Behandlung. "Wenn die hier ankommen, sind sie fix und fertig", sagt Oberarzt Andreas Hillert. Er arbeitet in der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck am Chiemsee. "Oft brauchten die Erzieher fünf bis sieben Jahre, ehe sie ihre inneren Hürden überwunden hatten, herzukommen. Dann aber ist ihr Berufsbild schon in sich zusammengebrochen." Wie bei Clara Weizmann×, 61. Sie unterrichtet an einer bayerischen Sonderschule für Kinder mit Sprachstörungen. Nach 35 Dienstjahren hatte sie sich an den zunehmend rüderen Umgangston gewöhnt. "Omi", das war noch das Netteste. "Alte, mach doch deinen Scheiß allein", pöbelten Zwölfjährige sie an.

Die Hälfte ihrer Klasse schluckt Ritalin zur Beruhigung, noch schlimmer aber sei es, wenn es einer vergisst. "Die können einfach nicht ruhig sitzen und zuhören." Ihre Schüler kommen morgens ohne Frühstück, ohne Hausaufgaben und manchmal noch in der Schlafanzughose unter der Jeans in den Unterricht. 40 Prozent der Eltern ihrer Schüler sind arbeitslos. Zeit für ihre Kinder haben sie trotzdem nicht. "Frau Weizmann, Sie sind die Liebste", schmeichelten die Kinder manchmal, hängten sich ihr an den Hals. Ein Vater aus dem Kosovo: "Schlagen Sie meinen Sohn ruhig, wenn er nicht gehorcht."

Bei "alte Hure" rutschte die Hand raus

Eines Tages, kurz vor Weihnachten, schlug Clara Weizmann wirklich zu. Es war wieder so unerträglich laut, dass sie den Unterricht nach ein paar Minuten abbrechen musste. Als sie den elfjährigen Max× mahnte, sich zu beruhigen, beschimpfte er sie als "alte Hure". Sie ging auf ihn zu und wollte ihn an der Schulter fassen, als er plötzlich zubiss. "Da ist mir die Hand ausgerutscht."

Jetzt versucht Weizmann in Gesprächen mit Psychologen, Ärzten und Kollegen herauszufinden, warum es so weit kommen musste. Warum Ferien für sie lange schon keine Erholung, sondern "nur tote Zeit" waren und sie ihren Freunden auf die Nerven ging. Nachts schläft sie schlecht. "Ich habe Angst", sagt sie, "dass ich wieder außer Kontrolle gerate."

Faule Säcke oder Schwerstarbeiter

Was macht Lehrer krank? Haben sie wirklich Grund zur Klage? Genießen sie nicht Jobsicherheit und eine gute Alterssicherung, während Millionen Menschen um ihren Arbeitsplatz zittern? Mindestens zehn Wochen "unterrichtsfreie Zeit" im Jahr? Gute Gehälter, auch im Vergleich mit anderen Industriestaaten? Und während die Kollegen in den meisten europäischen Ländern auch noch nachmittags in Ganztagsschulen unterrichten, können sich die meisten deutschen Lehrer ihre Zeit frei einteilen. "Faule Säcke" nannte sie einst Gerhard Schröder.

Leute, die sich mit der Problematik ernsthaft befassen, kommen zu einem anderen Urteil. "Die meisten Lehrer", sagt Professor Joachim Bauer, "sind Schwerstarbeiter." Die Wochenarbeitszeit bei Gesamtschullehrern zum Beispiel beträgt durchschnittlich 50 bis 60 Stunden. Der Internist und Psychiater untersuchte mit Kollegen der Uniklinik Freiburg den Gesundheitszustand vieler Pädagogen. Scheitern würden vor allem Idealisten. "Je höher und damit unrealistischer die Ansprüche, umso schlimmer der Absturz in die Wirklichkeit", sagt Bauer. Der Spaß, anderen etwas beizubringen, verkehre sich ins Gegenteil, wenn die Anerkennung ausbleibe. "Gratifikationskrise" nennt Bauer diese enttäuschte Liebe, die Distanz und Abwehr mit sich bringt.

Einzelgänger

Hinzu komme ein Tunnelblick. Lehrer sind Einzelkämpfer, professioneller Austausch und Supervision wie bei anderen "Beziehungsberufen" unüblich, das Klassenzimmer Sperrgebiet. "Coachen ist bei Porsche ein Privileg", so Bauer, "ausgerechnet Lehrer dagegen meinen, es sei eine Schande, sich helfen zu lassen." Irgendwann wird aus Hilflosigkeit kaum verhohlene Aggression. "Da sitzt montags so eine dumpfe, verrohte Masse vor dir", sagt eine Gesamtschullehrerin in Roseneck, "noch erschöpft vom Kampfsaufen am Wochenende, und glotzt nur vor sich hin. Wie soll man mit denen Unterricht machen?"

Längst sind es nicht mehr nur Hauptschullehrer, die ihren Schülern einfachste Verhaltensregeln beibringen müssen, sondern auch Studienräte an Gymnasien. Es beginnt damit, dass Kinder nicht mehr "Guten Morgen" sagen können. Der Ton wird aggressiver: Auch Mädchen werden ausfällig. "Fette widerliche Sau" oder "mein Vater fickt deine Oma" gehört zum Umgangston auf den Schulhöfen.

Benimmkurse für Schüler

Einige Schulen versuchen es mit Benimmkursen. An der Anton-Heilingbrunner-Realschule im bayerischen Wasserburg am Inn zum Beispiel lernen die Kinder im Pflichtfach "Erwachsen werden", dass man "bitte" und "danke" sagt. "Bei 30 Schülern in der Klasse hat man inzwischen vier oder fünf mit Verhaltensauffälligkeiten oder Aggressionen", sagt Direktor Peter Peltzer, 56.

Einer, der sich nicht entmutigen lässt, ist Hanns-Helmut Seidel, Lehrer an der Stuttgarter Heusteigschule. Über 30 Nationen, Ausländeranteil 90 Prozent. In jeder Pause hängen Schüler an ihm. Herr Seidel hier, Herr Seidel dort. Er hat 27 Stunden Unterricht pro Woche, dazu kommen Vorbereitung, Heftkorrekturen, Konferenzen, Elterngespräche. 45 bis 50 Stunden pro Woche Minimum.

Der Fels in der Brandung

Seit 23 Jahren unterrichtet der 50-Jährige an der Hauptschule in der Stuttgarter Innenstadt. Kollegen, die die Flucht ergriffen haben, sagen über ihn, Seidel sei ein Fels, stehe auch dann noch, "wenn links und rechts alle wegbrechen". Seidel sieht aus wie ein Oberförster, Vollbart, Holzfällerhemd und Cordjacke. Gemächlich schiebt er sich durch die Gänge. In der Achten wummert ihm ein Ghettoblaster entgegen. 23 Schüler fläzen sich auf ihren Stühlen, lassen die Knöchel knacken. Osmani, breite Silberkette und "Boss"-Jacke, kommt zu spät hereingeschlurft.

In der vierten Stunde hat Seidel die Neunte in Mathe. Kaum einer hört mehr zu. Vasili, 15, hat sein Mathebuch vergessen. In Alens Holzbox klingelt das Handy. Marcel liest stockend: "Im alten Ägypten trat der Nil in der Regenzeit über die Ufer, die Felder mussten neu vermessen werden." Seidel schickt zwei Störer vor die Tür. Vasili steht auf, Herr Seidel packt ihn am Arm und führt ihn zu seinem Platz. Alen soll erklären, was er gehört hat. "Die Ägypter", beginnt er, "ach Gott, ach Gott." Heute, sagt Herr Seidel, "krieg ich die Würmer". Klingeln. Erlösung. "Entweder die hassen uns", erklärt Vasili, Sohn griechischer Eltern, "oder die mögen uns."

Mut machen

Seidel mag sie, das spüren sie. Einer, der zuhören kann, der Wärme ausstrahlt. Einer, den man sich als Vater wünscht. Sein Rezept heißt: aufmachen. Von sich selbst erzählen und darauf warten, dass die Schüler irgendwann von sich erzählen. In den Musikunterricht bringt er seine Geige mit. Erzählt von Paganini, dem "Zauberer, der Kunststücke auf der Geige schrieb". Ein kleines Wunder geschieht: Es wird ruhig, nach der Stunde drängeln sich die Kinder um ihren Lehrer und befühlen die Geige. Vielleicht kommt er deshalb mit seinen Schülern klar, weil er selbst mal Hauptschüler war, eine verkrachte Lehre als Großhandelskaufmann hinter sich hat, sich als Matrose und Betonbauer durchschlug. "Ich mach ihnen Mut, dass man auch als Hauptschüler zum Ziel kommt."

Als er vor ein paar Jahren eine Bandscheibenoperation hatte und einer danach "Seidel, der Krüppel" auf eine Bank schrieb, spielte er mit dem Gedanken auszusteigen. Und blieb dann doch, auch wenn er sich nach sechs Stunden Unterricht gehäutet fühlt. Erst recht nach einem Besuch mit einer neunten Klasse im Theater. "Wir hatten genau besprochen, wie man sich im Theater verhält", sagt er. Und dann: zwei Stunden Horror zwischen Bildungsbürgern. Handyklingeln, Quatschen, Stören. Der Regisseur kurz davor, das Stück abzubrechen. Danach war Seidel schweißgebadet. "Wie kannst du nur mit solchen Menschen zu mir kommen!", beschimpfte ihn ein Schauspieler. "Was für eine Diskrepanz zwischen diesen Welten", seufzt Seidel. Und er immer dazwischen.

Eigene und fremde Schmerzgrenzen erkennen

Um ihren Schülern Grenzen klar zu machen, haben sich Sabine Greiner, 35, und ihr Kollege Martin Ulrich Merkle, 50, vom Tübinger Wildermuth-Gymnasium professionelle Hilfe von außen geholt. Vier Tage lang üben ihre Schüler mit Sozial- arbeitern von der Tübinger Initiative für Mädchenarbeit (Tima) und der Organi- sation "PfunzKerle" beim "fairen Boxkampf", wie man eigene und fremde Schmerzgrenzen erkennt.

Trainerin Susanne Schirach drückt Sophia und Charlotte rote Schaumstoffschläger in die Hand. "Keine Hemmungen. Probiert aus, wie stark ihr zuhauen könnt." Die Elfjährigen kichern, verbeugen sich und schlagen mit den Batakas zu, auf den Rücken der Gegnerin, auf den Hintern. Mit jeder Runde holen sie entschlossener zum Schlag aus. Was andere empfinden, dämmert dem einen oder anderen Kind erst in diesem Kurs. Um zu erklären, wie dünn die Schädeldecke und wie empfindlich das Gehirn ist, greift Diplompädagoge Kai Kabs auch mal zum Baseballschläger und zertrümmert eine Melone. "Das wirkt."

Lehrer sind nur noch Therapeuten

Eigentlich, sagt Detthard Martschinke, machen wir hier mehr den Job von Therapeuten. Mancher Lehrer bedeutet für seine Schüler den letzten Halt in einem haltlosen Leben - dem in vielen Fällen ja obendrein die berufliche Perspektive fehlt. Lernen, mit welchem Ziel, fragen sich viele Schüler angesichts der Ausbildungsmisere. Wenn ich will, sagt Martschinke, könnte ich jeden Nachmittag zehn Kinder mit nach Hause nehmen. Für einige Schüler ist er zur Vaterfigur geworden. Die Kinder erzählen oft, dass der neue Freund von Mama sie schlägt oder der Bruder Drogen nimmt. Die Mutter mit Selbstmord droht oder das Jugendamt sich wieder gemeldet hat. Horrorgeschichten, an die sich Martschinke gewöhnt hat. "Ich kann mit meiner fünfjährigen Tochter problembewusster reden als mit den meisten Schülern in der fünften Klasse."

Martschinke hat das Glück, sich mit seinen Kollegen über das Thema austauschen zu können. "Ich will den Job bis zum Ende durchziehen", sagt er. "Er ist zu wichtig, um zu resignieren." Im Lehrerzimmer gibt es Kaffee zum Toteerwecken. Dann geht Martschinke wieder hinaus, zum Erziehen.

Ingrid Eissele und Uli Hauser

Mitarbeit: G. Kulicke, S. Menning, S. Schormann, S. Witzel

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