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MÜNCHEN: Counter Strike...

...oder wie ein Politikstudent lernte, die Bombe zu lieben

In seiner Freizeit spielt Politikstudent Markus Sampl gerne Ego Shooter. Für ihn sind die Ballerspiele nach Erfurt zu Unrecht in die Kritik geraten.

»Hallo, da bist du ja«, herzlich umarmt mich Markus zur Begrüßung, als ich ihn in seiner Wohnung besuche. Durch die kleine Küche mit Fernseher und einer durchgesessenen Couch führt er mich in ein ebenso bescheidenes Schlafzimmer. Erst seit einem Jahr »haust« der 24-jährige Student der Politikwissenschaft getrennt von seinem Eltern in seinem Reich.

Gemetzel am Joystick

Nichts deutet darauf hin, dass hier täglich furchtbare Massaker geschehen, Menschen bei lebendigem Leib in die Luft gesprengt und von Kugeln durchbohrt werden. In seiner Freizeit verwandelt sich der schüchterne Fahrradfreak gerne in sein virtuelles Alter Ego »Kryxos«. Bewaffnet mit einer Pistole, Pumpgun und Sprengsätzen taucht er ab in die dunklen Labyrinthe einer feindlichen Welt. Ziel: den Gegner in Hinterhalte locken, um ihn gnadenlos zu liquidieren. Dazwischen muss der Computerheld Bomben entschärfen und sein Geld sinnvoll anlegen - natürlich in bessere Waffen und mehr Munition. »You killed Robert«, lobt die blecherne Computerstimme, Blut spritzt über den gesamten Bildschirm. Als sich Markus weiter in das Dunkel vorarbeitet, bleiben hinter ihm beschmierte Leichen zurück. Manchen Computertoten fehlt ein Bein, bei anderen ist kein Gesicht mehr zu erkennen. »Unreal Tournament«, »Tactical Options« und auch das Spiel »Counterstrike«, das der Erfurter Attentäter Robert Steinhäuser am liebsten zockte, hat Markus auf seiner Festplatte. Meistens schließt er sich aber nicht alleine in seinem Zimmer ein, sondern trifft sich mit anderen Computerfreaks zu Rundenkämpfen.

Auf den so genannten »Local Area Network«- Sessions treten mehrere Teams gegeneinander an. Mit einer Netzwerkkarte schließen sie ihre PCs zusammen. »Die Spiele machen eigentlich nur Spaß, wenn man sich mit anderen messen kann, alleine sind sie langweilig«, erzählt er mir.

Nur ein Spiel?

Auch wenn er weiß, dass seine Games eine gehörige Portion Gewalt enthalten, geht es für Markus dabei eher um strategisches Geschick. »Ich tüftle einfach gern, überlege mir Schritt für Schritt, wie ich den Gegner überlisten kann«. Spiele, in denen es nur um Gewaltverherrlichung geht, würde sich Markus gar nicht erst kaufen. »Letztens hab ich so ein Spiel Probe gespielt, das war nur widerlich«, sagt er. Dass jemand ein Computerspiel als Vorbild für reale Gewalt nehmen könnte, hält Markus für unwahrscheinlich. » Ich halte es nicht für richtig, alle Schuld auf die Spiele zu schieben. Das Problem ist für mich eher, dass diesem Steinhäuser die Möglichkeit gegeben wurde, sich in seine Welt der Gewalt zurückzuziehen«, ist der Politikstudent im vierten Semester überzeugt. »Er hätte die Tat sicher auch ohne die Spiele begangen, denn er kam an die Waffen und das war das einzig Wichtige«. Deshalb findet Markus die Verschärfung des Waffenrechts wirksamer als die Indizierung von Spielen. »Solange es das Internet gibt, kann sich diese Games jeder überall besorgen«, meint er. Dennoch ist es für ihn ein Schritt in die richtige Richtung, dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften jetzt auch ohne Aufforderung tätig werden kann. »Die Spiele gehören nicht in die Hände von Kindern«, gibt auch Markus zu. (ns)

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