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muenchen: Oder doch lieber den Münchner Merkur?

»Und, liest du die Süddeutsche regelmäßig?« Jeden Morgen werde ich das vor der Münchner Uni gefragt. Und jeden Morgen gebe ich eine andere Antwort.

»Und, liest du die Süddeutsche regelmäßig?« Jeden Morgen werde ich das vor der Münchner Uni gefragt. Und jeden Morgen gebe ich eine andere Antwort.

Mal in etwa so: »Ja, aber nur selten, ich lese lieber die FAZ.« Dann ist der Mann zufrieden. Mal auch so: »Ja, ein- bis zweimal die Woche.« Manchmal ist er auch damit zufrieden. Manchmal nicht, und ich muss noch ein paar Fragen über mich ergehen lassen. Höhepunkt ist dabei immer das genuschelte »Und ein Abo, wär' das was für dich?«

Mittlerweile habe ich mir eine Standardantwort zurecht gelegt. Ich schaue wissend, »ja, hm, ich überlege es mir noch, der Preis steht ja da, ich wollte aber noch mal zur Sicherheit ein Exemplar probelesen.« Da weiß selbst so ein erfahrener Probeaboverkäufer wie der von der Süddeutschen nicht weiter. Und der - genauer gesagt, es sind zwei - steht jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend vor der Ludwig-Maximilians-Universität in München, und zwar seit Beginn des Wintersemesters. Wenn alles gut geht, dauert es vielleicht dreißig Sekunden, und du hast die kostenlose Ausgabe der Süddeutschen. Mit allen Werbeprospekten, versteht sich. Dann darfst du lesen. Für lau.

Manchmal habe ich auch schlechte Laune, wenn ich an dem Mann von der Süddeutschen vorbeigehe, der jeden Tag übrigens die gleiche beige Jacke trägt und immer verfrorener und trauriger dreinschaut. Vielleicht ist es ja sadistisch, nein, mit Sicherheit ist es das. Trotzdem macht es irgendwie Spaß. Denn bei schlechter Laune sage ich zu dem Mann: »Nein, danke, ich lese lieber den Münchner Merkur.« Das altbackene Blatt aus München, eher CSU-nah und großväterlich-grau, nicht gerade die typische Studentenlektüre. Reaktion? Keine. Ein ausgebuffter Aboverkäufer, anfängerhaft ratlos. So was gibt's.

Manchmal habe ich auch gute Laune, und dann mache ich mir eher Sorgen. Wie viele Abonnements der Mann wohl schon an die Studenten gebracht hat? Eines pro Tag, und er ist gut. Eines in der Woche, und er müsste am Hungertuch nagen. Eines im Monat, und die Süddeutsche hört wahrscheinlich bald auf mit der Werbeaktion.

Alles, bloß das nicht! Kostenlose Tageszeitung jeden Tag, dazu ein nettes Gespräch, jeden Tag das gleiche zwar, aber solange es der Gesprächspartner nicht merkt, stört das ja niemanden. Also: Liebe Süddeutsche, bloß nicht verzagen. Irgendwann abonniere auch ich.

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