muenster Intuition trifft Analyse


Irgendwann morgens in Münster

Irgendwann morgens in Münster

Der Kaffee ist zu heiß, die Zeitung spannender denn je, und beim Blick auf die Uhr merke ich: Es ist viel zu spät, und das Bad ist besetzt. Ich komme nicht pünktlich zur Vorlesung. In dem überfüllten Hörsaal suche ich mir einen freien Treppenabsatz, über den vorher mehr als tausend Studenten mit matschigen Schuhen gestolpert sind, um auf dreißig Quadratzentimetern Linoleumboden einen unbequemen Platz herzurichten. Unbeholfen, aber doch schon routinemäßig, stütze ich meinen Block mit den gebeugten, nach spätestens zehn Minuten eingeschlafenen, Beinen in der Hoffnung ab, Wortfetzen des Professors aufschnappen und möglichst leserlich festhalten zu können.

Münsters Hochschulen platzen aus allen Nähten. Obwohl sie sich schon seit 1920 virulent in Münsters Westen ausbreiten und mit ihren Ablegerbauten die gesamte Innenstadt belagern, reicht der Platz in Westfalens Metropole nicht mehr aus, den Bildungszentren eine fachgerechte Arbeits- und Brutstätte bereitzustellen.

Als vor etwa zehn Jahren feststand, dass unsere Primimäuse - Studenten der Primarstufe - auch künstlerisch ausgebildet werden sollen und die Studienanfänger aller Fachrichtungen sich weiter explosionsartig vermehrten, kaufte die Stadt die ehemalige »Von-Einem-Kaserne« für knapp 15 Millionen Mark auf, um Platz für noch mehr Lehre zu schaffen.

Konversion von Militärgelände in Forschungsgelände nennt man diese Art Bauprojekt, und so entsteht im hohen Norden Münsters gerade der »Leonardo Campus«. Er wird von den Architekten der Fachhochschule, den Kunstakademikern und den Wirtschaftsinformatikern der Universität Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres bezogen.

»Leonardo« nicht etwa zu Ehren des Mädchenschwarms »Di Caprio«, dessen Großmutter nicht weit vor Münsters Stadtmauern lebt, sondern in Gedenken an Leonardo da Vinci, der als Maler und Baumeister des 15. Jahrhunderts für die Künstler unter Studenten ein großes Idol ist.

Alte Pferdeställe, die noch aus den Zeiten Kaiser Wilhelms stammen, werden zu modernen Ateliers und Computerpools, und inmitten der preußischen Architektur entsteht für die Kunstakademie ein futuristischer Neubau. Wie ein Ufo wirkt die Gestalt des auffälligen Bauwerks, und wie Außerirdische werden die dort einziehenden Studentinnen wohl auch in den ersten Wochen von den Informatikern beäugt werden, denn die Analytiker müssen ja bekanntlich in ihrer Fachrichtung größtenteils auf echt weibliche Kommilitoninnen verzichten. Wer weiß, vielleicht entsteht ja in wenigen Monaten eine erste Münsteraner Liebesgeschichte zwischen einem rationalen Wirtschaftsinformatiker und einer total abgefahrenen Designerin. (ck)


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