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Nie wieder ...: ... dem Tiefpreis-Terror erliegen

Wieder ein Schnäppchen verpasst? Macht nichts! Eine Rabattaktion verschlafen? Besser so! Lassen Sie sich erklären, warum Sie beim Kaufen gern ein bisschen blöd sein dürfen.

Mein Nachbar Frank, ein Jurist, ist selbstständig - und damit privilegiert: Er hat einen Metro-Ausweis.

Alle drei bis vier Wochen fährt er damit zum Großmarkt und kauft ein, als würden er und seine Frau am Bahnhof einen Imbiss betreiben. Dann erzählt er überall davon herum - von "superbilligen" Marmeladen-Sixpacks, von Tafelsenf in Eimern und 1000-Gramm-Bechern Heringssalat. Er könne mir den Ausweis gern mal leihen, bietet Frank an, was offenbar streng verboten ist: "Darf niemand wissen."

Danke, nein. Ich bin bislang auch ohne die Metro ganz gut klargekommen: Samstags zwischen 18 und 19 Uhr, wenn der Wochenendandrang in den Läden abebbt, gehe ich rüber zum Supermarkt an der Ecke und kaufe ein, was ich gerade brauche. Da sei alles teurer, weiß Frank, und wahrscheinlich hat er recht. Aber so genau wollte ich das bislang gar nicht wissen. Mein Einkaufs-Leben wäre völlig unbeschwert, wenn ich keine Nachbarn hätte, die Preisvergleiche für einen IQ-Test halten. Bitte versteht doch endlich: Ich bin gern blöd!

Mit den Preisen ist das nämlich eine knifflige Sache. Einerseits sind sie geradezu brutal konkret: 2,99 Euro sind weniger als drei, da gibt es keine Diskussion. Andererseits wird es selbst ausgewiesenen Schnäppchenjägern zu viel, jedem Cent hinterherzuhetzen. Das haben Psychologen ermittelt. Entscheidend für das Wohlbefinden sei, dass Käufer zumindest hin und wieder mal ein Schnäppchen machen. Dann sind sie zufrieden.

Konsumforscher bestätigen, wie beschränkt wir beim Shoppen sind: Niemand vergleicht das komplette Angebot. Die Leute wollen lediglich nicht über den Tisch gezogen werden - jedenfalls nicht allzu offensichtlich. Deswegen spricht auch der Werbeslogan einer großen Elektromarktkette vielen aus der Seele: "Lass dich nicht verarschen!"

Psychologisch in dieselbe Kerbe schlagen Tiefpreisgarantien, mit denen Baumärkte um Kunden buhlen. Es klingt verlockend: Käufer können den Preis nachträglich drücken, wenn sie das identische - aber Achtung: exakt das gleiche - Produkt irgendwo anders billiger sehen. Ein schneller Vergleich im Internet bringt allerdings nichts: Online-Preise sind als Maßstab bei der Garantie ausgeschlossen.

Nur hartnäckige Schnäppchen-Junkies, das wissen auch die Firmen, ziehen tatsächlich nachträglich durch die Läden, obwohl sie längst gefunden haben, was sie suchen. Normalos machen das nicht. Den meisten Menschen reicht die Illusion von Tiefpreisen.

Die Stiftung Warentest hat jüngst wieder bewiesen, wie sehr wir uns trotz Großmarktrabatten und geilen Geiz-Garantien immer wieder verarschen lassen. Sie shoppte sich durch das aktuelle Angebot der "Aktionsware": Computer, Regenjacken, Heckenscheren und so weiter. Das Ergebnis war ernüchternd: Nur jedes fünfte angebliche "Schnäppchen" war auch eines. Viele Produkte waren nicht billiger als anderswo. Ein Drittel fiel wegen mieser Qualität als Fehlkauf durch.

Media-Markt und Saturn, die besonders aggressiv mit dem Preisbrecher-Image werben, halten ihr Versprechen nicht einmal im Vergleich der eigenen Filialen untereinander: Ein Flachbildfernseher von Toshiba kostete in Magdeburg glatt 511 Euro mehr als in der Chemnitzer Dependance. Das stellte die Gesellschaft für Markt- und Handelsforschung in einem Test fest.

Beide Elektromarktketten gehören übrigens zum Metro-Konzern. Das werde ich meinem Wohnungsnachbarn erzählen, wenn der mal wieder mit seinem Großkundenausweis durch den Flur wedelt. Vielleicht ist der Eimer Senf in einem der anderen Metro-Märkte ja noch billiger. Oder beim Kauf einer Marmeladenpalette gibt's ein Glas gratis dazu? Dieses Wissen würde ihn fertigmachen. Natürlich nicht finanziell, aber gefühlsmäßig.

Johannes Röhrig / print
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