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Preisentwicklung: Die Mär vom "Teuro"

Seit der Euro eingeführt wurde, haben Verbraucher das Gefühl, dass die Preise ständig steigen. Stimmt das wirklich? stern TV hat 284 Produkte beobachten lassen - und kam zu überraschenden Ergebnissen.

Von Sönke Wiese

Ziehen uns die Supermärkte immer mehr Geld aus der Tasche? Geschäfte und Gastronomie hätten die Euro-Einführung schamlos ausgenutzt, um die Preise erheblich zu erhöhen - dieser Vorwurf ist immer noch weit verbreitet.

stern TV wollte es genau wissen: Welche Produkte sind im Vergleich zu DM-Zeiten teurer, welche sind günstiger geworden? In einer groß angelegten Studie für stern TV hat das IRI Infoscan-Institut seit dem Jahr 2000 die Preisentwicklung der beliebtesten Produkte Deutschlands registriert. Vom Klopapier bis zu Rasierklingen, von Gummibärchen bis zum Kaffee - alles stand auf dem Prüfstand.

Betrachtet wurden 284 Lebensmittel, die zur Zeit am häufigsten verkauft werden, die die höchsten Umsätze erzielen und die es schon 2000 auf dem Markt gab.

Die Daten kommen aus mehreren Hundert großen Verbrauchermärkten, die eine Verkaufsfläche von mindestens 800 Quadratmetern haben, wie zum Beispiel "real", "extra" oder "Walmart". Errechnet wurden die Durchschnittspreise eines Jahres (2005: bis einschließlich Oktober); Sonderangebote wurden nicht beachtet.

Überraschende Ergebnisse

Das Ergebnis wird viele Verbraucher erstaunen.

1. Der Vergleich des Jahres 2005 mit 2001 ergibt, dass knapp 80 Prozent der beliebtesten Produkte inflationsbereinigt gleich viel kosten oder gar günstiger geworden sind. 2. Zwar hat es durchaus deutliche Preiserhöhungen gegeben - allerdings nicht mit der Einführung des Euro Anfang 2002, sondern ein Jahr früher. Das fällt zudem heute nicht mehr ins Gewicht: Die meisten dieser Preiserhöhungen sind inzwischen längst korrigiert, vor allem aufgrund des zunehmenden Wettbewerbs in den vergangenen Jahren.

Die stärksten Anstiege hat es im Jahr 2001 gegeben. Damals wurden knapp 52 Prozent der untersuchten Artikel im Vergleich zum Vorjahr verteuert - und zwar stärker als die allgemeine Inflationsrate. Die betrug 2,0 Prozent, während die durchschnittliche Teuerungsrate der Produkte bei 2,7 Prozent lag.

Dagegen 2002, im Jahr der Euro-Einführung, gab es eine durchschnittliche Preissteigerung von lediglich 0,4 Prozent, deutlich unter der damaligen Inflationsrate von 1,4 Prozent.

"Teuro"-Vorwurf unberechtigt

Der Langzeit-Vergleich ergibt noch deutlicher, dass vom "Teuro" zumindest in den großen Supermärkten keine Rede sein kann. Zwar kosten einzelne Produkte heute erheblich mehr als 2001; mitunter hat es Preissteigerungen von über 30 Prozent gegeben - die erregen die Gemüter natürlich besonders.

Aber insgesamt fällt die Teuerungsrate der beliebtesten Artikel über die Jahre deutlich niedriger aus als die Inflationsrate.

Nur 59 der 284 Artikel sind seit 2001 verhältnismäßig teurer geworden. Auffällig: Darunter sind viele Produkte auf der Basis von Nüssen, Kakao und Kaffee. Bei diesen Rohstoffen haben die Weltmarkpreise stark angezogen - den Euro trifft in diesem Fall keine Schuld.

Fazit der stern TV-Studie: Eine "Abzocke" in großem Stil, die viele Konsumenten im Zusammenhang mit dem Euro vermuten, hat es bei den umsatzstärksten Verbrauchsgütern des täglichen Bedarfs nicht gegeben. Der "Teuro" ist eine Mär.

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