privatunis Private Universität Witten/Herdecke


Ausbildung für Querdenker

»Wir wollen keine Studenten, die nur ruckzuck Karriere machen. Wir wollen Studenten, die gelernt haben, quer zu denken, die auch soziale Verantwortung übernehmen, die gerade in der Wirtschaft sehen, welche gesellschaftliche Relevanz ihre Tätigkeit hat.«

So umschreibt Pressesprecher Kay Gropp die Philosophie der Universität Witten / Herdecke - beileibe keine »normale« private Hochschule. Gegründet Anfang der achtziger Jahre, entstand die Uni aus der Unzufriedenheit einiger Hochschullehrer mit dem herkömmlichen Wissenschaftsbetrieb. Da wurde nur das Fachchinesisch der Medizin vermittelt, nicht aber Überblickswissen oder gar die Fähigkeit, mit den Patienten zu kommunizieren. In Witten / Herdecke aber sollte von Anfang an die »Sozialmedizin« eine große Rolle spielen: Die persönliche Geschichte der Patienten spielt schließlich auch bei Erkrankungen eine große Rolle.

Mittlerweile bietet die kleine Universität neben Medizin auch Wirtschaftswissenschaften, Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und Naturwissenschaften (Schwerpunkt ist die Biochemie) an. Gerade im Wirtschaftsstudiengang unterscheidet sich das »Modell Witten/Herdecke« von den anderen deutschen Business Schools: Da müssen die Studenten beispielsweise »Technologie / Ökologie« als Pflichtfach belegen - und beschäftigen sich dort auch mit umweltverträglichem Wirtschaften. In der Zahnmedizin sind die Hochschullehrer aus Witten/Herdecke Pioniere. In der Fakultät existiert der bundesweit einzige Lehrstuhl für »Zahnheilkunde für Behinderte«.

Lebenslanges Lernen, praxisorientiertes Studieren, Eigenverantwortung, Weltoffenheit und Internationalität: Das sind die Schlagworte, mit denen die Private Universität Witten/Herdecke ihre Ziele umschreibt. In Witten/Herdecke experimentieren die Verantwortlichen gemeinsam mit den Studenten - und nehmen in Kauf, dass sie bis zur Konsensentscheidung manchmal aufreibend lange diskutieren müssen.

Nachdem die Uni dreizehn Jahre lang ohne öffentliche Hilfe auskam, unterstützt seit einigen Jahren das Land Nordrhein-Westfalen das Modell. Die Studiengebühren, 1995 eingeführt, können die Studenten über einen »umgekehrten Generationenvertrag« bezahlen: Absolventen der Uni finanzieren das Studium der gegenwärtig Studierenden.

Alfred-Herrhausen-Straße 50 58448 Witten Telefon: 02302-926-0 Fax: 02302-926-407URL:http:/www.uni-wh.de

Ohne Physikum und Staatsexamen

Jochen Seitz ist keiner, der etwas macht, nur weil es Generation von Studenten vor ihm auch schon so gemacht haben. Schon bei seinem ersten Semester in Medizin in Tübingen engagierte sich der 28-jährige für eine Reform des Studiums. An der Privaten Universität Witten/Herdecke sitzt er nun ebenfalls in der Studienkommission, die sich mit der Reform des Studienganges beschäftigt. Wenn er fertig ist, will Seitz für ein paar Jahre in den USA im Bereich der Gehirnforschung arbeiten.

Die Universität Witten/Herdeckeprobt in der Medizin das »problemorientierte Lernen«. Was bedeutet das?

»Es gibt keine Vorlesungen mehr. Wir haben jede Woche ein bestimmtes Thema, einen Patientenfall. Sämtliche Veranstaltungen fokussieren sich dann auf diesen Fall. Und in einem Tutorial sitzen wir dann mit einem Arzt und einem erfahrenen Studenten und versuchen, uns diesen Fall soweit wie möglich zu erarbeiten. Dann definieren wir für die nächste Woche ein Lernziel, und jeder versucht auf seine Weise, in der Woche die nötigen Informationen zusammen zu tragen. Das ist eine sehr, sehr schöne Art, die riesigen Stoffmengen im Bereich der Medizin zu bewältigen. Gerade, wenn man motiviert ist, ist dieses problemorientierte Lernen sehr gut. Man muss nur sehr eigenständig arbeiten. Manchen liegt das, andere brauchen etwas mehr Orientierung.«

Aber den Prüfungsstress haben Sie trotzdem.

»Nein. Seit dem 1. April 2000 gibt es im Medizin-Studiengang weder das Physikum noch das erste Staatsexamen. Diese lernintensiven Prüfungen haben wir ersetzt durch andere, intelligentere Prüfungen - wo eben mehr getestet wird als nur Wissen. Ein Prüfungsformat in Witten/Herdecke zum Beispiel läuft nach Art eines Rundlaufs ab: 20 Studenten gehen von Tür zur Tür. In jedem Raum müssen sie eine andere Aufgabe lösen, zum Beispiel die Lunge untersuchen bei einem Patienten, der über chronischen Husten klagt. Ein Arzt sitzt daneben und kontrolliert mit einer Checkliste, was wir richtig und falsch machen. Auch auf die praktische und kommunikative Seite wird Wert gelegt.«

Hat die Praxis einen höheren Stellenwert als an staatlichen Unis?

»Auf jeden Fall. Das ist der zweite Ansatz der Universität Witten/Herdecke - Studenten sollen sich sehr früh, am besten schon ab dem ersten Semester, mit echten Patienten auseinander setzen. Im Idealfall entsteht so ein Wechselspiel zwischen Tutorium, eigenständiger Recherche und Arbeit mit Patienten. Wir arbeiten mit über zwölf Kliniken zusammen, was leider manchmal für ein Koordinationsproblem sorgt. Die Assistenzärzte wechseln alle paar Jahre. So müssen wir denen immer wieder erklären, was wir an der Wittener Uni eigentlich machen.«

Was unterscheidet Ihr Studium noch von dem an einer staatlichen Hochschule?

»Die Kleinheit. Wir haben 42 Studenten pro Jahrgang, was natürlich Türen öffnet. Wir haben keine Berührungsängste, in Witten/Herdecke ist alles öffentlich. Das ist auch nicht für jeden das richtige, gerade wenn man am Anfang eher das Studium noch etwas ausprobieren möchte. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Uni hier privat geführt wird. Das bedeutet natürlich, dass man schneller Sachen verändern kann. Andererseits gibt es öfter Konflikte: Wieviel dürfen die Studenten nun mitbestimmen? Da gibt es immer wieder Lehrende, die meinen, dass nur sie wissen, was richtig ist. Allerdings hat diese Uni eine große Tradition im Konsensentscheid. Die Konflikte werden im Gespräch ausgetragen, und man versucht, einen Konsens zu finden, den alle tragen können.«

Nebenbei läuft das Studium fundamentale für Sie. Was passiert dort?

»Das ist eine sehr geschickte Erfindung, die jeden Donnerstag stattfindet. Alle Studenten haben frei von ihrem Fach, und man sollte mindestens einen frei wählbaren Kurs in den Bereichen Kunst, Musik, Sprachen, Philosophie oder Wissenschaftstheorie pro Semester belegen. Zwei Drittel gehen bestimmt regelmäßig hin, auch wenn man sich mal ein Semester frei nehmen kann. Denn gerade bei Medizin ist die Gefahr groß, dass man im Sumpf der Wissenschaft versinkt und sich nur noch damit beschäftigt - von daher ist das Studium fundamentale eine tolle Sache.

Seit fünf Jahren kostet das Studium in Witten/Herdecke eine Menge Geld. Untermauert das den Anspruch, Eliteuniversität zu sein?

»Zum einen war die Universität vor der Einführung der Gebühren schon sehr gut. Zum anderen würde ich persönlich die Gebühren sowieso am liebsten abschaffen. Okay, die Studenten können auch nachher das Geld bezahlen und ohne vermögende Eltern in Witten / Herdecke studieren. Vom Finanziellen her sollte möglichst keine Selektion stattfinden.«

In zwei Jahren sind Sie fertig. Und dann?

»Ich kann mir gut vorstellen, ein paar Jahre in den USA im Bereich Gehirnforschung zu arbeiten und danach in Deutschland eine Universitäts-Karriere anzustreben. Aber das typische an den Wittener Lebensläufen ist, dass es keine typischen gibt. Die Absolventen machen einfach alles mögliche.«

Florian Neuhann

Ziel der Ausbildung

»Zur Freiheit ermutigen, soziale Verantwortung fördern, nach Wahrheit streben« - das hat sich die Universität selbst auf die Fahne geschrieben. Ziel ist der umfassend gebildete Student, der sich seiner sozialen Verantwortung bewusst und nicht nur verrückt nach der schnellen Million ist.

Fachrichtung, Abschlüsse

Die Universität Witten/Herdecke besitzt Fakultäten für:

- Medizin

- Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde

- Naturwissenschaften (Biochemie im Hauptstudium)

- Wirtschaftswissenschaften

- Musiktherapie (Zusatzstudium)

- Studium fundamentale

Studiendauer

Medizin: zwölf Semester

Wirtschafts- und Naturwissenschaften, Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde: zehn Semester

Pflegewissenschaft: Vollstudium: neun Semester, Bachelor-Teilstudiengang: sechs Semester, Master-Teilstudiengang: drei Semester

Musiktherapie: vier Semester

Biowissenschaften: vier Semester (nur Hauptstudium)

Pharmaceutical Medicine: vier Semester (Postgraduierten-Studiengang)

Auslandssemester

Wird von den Studenten meist selbst organisiert, steht unter einer bestimmten Fragestellung. Obwohl es nicht vorgeschrieben ist, verbringen fast alle Studenten einen Teil ihres Studiums im Ausland.

Praktika

Im Bereich Medizin arbeitet die Universität mit über zwölf Kliniken zusammen; schon ab dem ersten Semester arbeiten die Studenten auch praktisch. Bei den Wirtschaftswissenschaftlern wird jeder Student einer sogenannten Mentorenfirma zugeteilt, bei der er regelmäßig mitarbeitet. Praxisorientierte Aufgaben in diesen Betrieben können auch als Seminar- oder sogar Diplomarbeiten gelten.

Besonderheiten des Studiums

Alle Studenten müssen nebenher das »Studium fundamentale« belegen. Jeden Donnerstag besuchen sie Kurse in Philosophie, Musik, Kunst, Wissenschaftstheorie oder anderen Fächern. Das Studium der einzelnen Fächer legt besonderen Wert auf das eigenverantwortliche und projektbezogene Arbeiten. So gestalten Dozenten und Studenten gemeinsam die jeweiligen Lehrpläne.

Größe der Universität

1064 Studenten (Sommersemester 2002), die meisten davon in Medizin (312) und Wirtschaftswissenschaften (343), gefolgt von Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (155), Pflegewissenschaft (132), Biowissenschaft (77), Pharmaceutical Medicine (19), Studium fundamentale (15) und Musiktherapie (11). Gemessen an staatlichen Unis ein »Hochschulzwerg«, doch das wollen die Wittener nach eigenen Angaben auch bleiben.

Studiengebühren

Medizin, Zahnmedizin, Wirtschaftswissenschaften, Pflegewissenschaft: 15.185,37 Euro (Vollstudium), Musiktherapie, Biowissenschaft: 5.521,95 Euro (Teilstudiengänge), Pharmaceutical Medicine: 6.646,80 Euro (Postgraduierten-Studiengang). Möglich ist die Sofortzahlung in Raten, die Späterzahlung (nach Abschluss des Studiums zahlt man über einen bestimmten Zeitraum acht Prozent seines Einkommens an die Universität) sowie ein Mix aus beiden Varianten.

Aufnahmebedingungen, Voraussetzungen

Abitur, aufwändiges Auswahlverfahren mit Gesprächen zu Fachinteressen, Motivationen, Vorbildung, praktischen Erfahrungen und Persönlichkeit. Im Studiengang Medizin ist ein sechsmonatiges Pflegepraktikum Pflicht, für das Studium der Wirtschaftswissenschaften Berufspraxis von zwei Jahren (Wehr- und Zivildienst werden angerechnet) oder eine vorher abgeschlossene Lehre. Danach folgt eine schriftliche Runde sowie ein Auswahlseminar mit Interviews, Gruppendiskussionen und Rollenspielen. Die Auswahlkommission besteht aus Mitgliedern der Fakultäten und Personen aus anderen Bereichen, darunter Unternehmer, Ärzte, Künstler, Manager und Journalisten.

Vor Ort

Witten: Kleinstadt, aber in der Nähe des Ruhrgebiets - wo sich auch für Studenten genügend Angebote finden...

Wer dahinter steckt

Nachdem die Uni dreizehn Jahre ausschließlich privat finanziert wurde, beteiligt sich mittlerweile das Land NRW an den Kosten. 30 Prozent der Mittel stammen allerdings immer noch aus Spenden und Stiftungsbeiträgen. Die Universität hat die Form einer GmbH.


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