HOME

Psychologin zu Findelkind Katharina: "Ein barmherziger Akt der Verzweiflung"

Warum legte Katharinas Mutter sie auf einer Mülltonne ab? Eine Psychologin über mögliche Motive für Kindesaussetzung, Schuldgefühle und Verdrängung.

Frau Professor Heuser, was kann eine Mutter dazu bringen, ihr neugeborenes Kind auf einer Mülltonne abzulegen und zu verschwinden?
Oft ist es Verzweiflung. Vielleicht war Katharinas leibliche Mutter extrem jung und hatte ihre Schwangerschaft verheimlicht. Vielleicht ist sie verlassen worden oder war sowieso auf sich allein gestellt. Oder sie glaubte, ihr Kind nicht ernähren zu können. Auf jeden Fall würde ich bei ihr von einem barmherzigen Akt der Verzweiflung ausgehen. Barmherzig, weil sie offenbar wollte, dass ihr Kind gefunden wird. Sie hat das Baby neben einem bewohnten Haus abgelegt – und nicht etwa im Wald. Ich glaube nicht, dass sie eine Mutter war, die nur schnell ihr Kind loswerden wollte und sich nicht darum scherte, was mit ihm passiert. Ich finde, das ist auch Katharina gegenüber eine tröstende Botschaft.

Kommt es auch vor, dass Frauen von ihrem Partner dermaßen unter Druck gesetzt werden, dass sie sich für solch einen Weg entscheiden?
Das passiert leider. Ich kenne Beispiele aus meiner Arbeit. Die Männer hatten den Frauen entweder schon in der Schwangerschaft direkt gesagt: 'Ich will das Kind nicht, sieh zu, wie du mit dem Balg zurechtkommst.' Oder sie hatten es sie indirekt ständig spüren lassen. Das waren meist Mütter, die so gut wie kein Selbstwertgefühl hatten und von dem Mann in einer schon pathologischen Art und Weise emotional abhängig waren. Und fast immer auch wirtschaftlich.

Eine Geburt bedeutet immer auch Stress, könnte die Mutter Katharina in dieser psychischen Ausnahmesituation ausgesetzt haben? Eine Art Kurzschlusshandlung?
Tatsächlich können Frauen im Geburtsstress in eine Art dissoziativen Zustand geraten, in dem sie spontan so etwas tun. Aber das passiert nur äußerst selten. Und wenn, dann sind das meist Mütter, die ihre Schwangerschaft komplett verdrängt haben und von der Geburt regelrecht überrascht wurden. Sie geraten dann in Panik und haben nur noch einen Gedanken: Das Kind muss weg. Egal wie. Oft töten sie ihr Neugeborenes.

Könnte Katharina nicht auch von ihrem leiblichen Vater dort abgelegt worden sein?
Es ist eher davon auszugehen, dass die Mutter das selbst gemacht hat. Väter treten fast nie in dieser Art in Erscheinung. Wenn Väter massiv ihre Kinder ablehnen bzw. sie "loswerden" wollen, dann vernachlässigen sie diese eher oder misshandeln sie, oder zwingen die Mütter, die Kinder zu vernachlässigen. Es macht einfach einen emotionalen Unterschied, dass Mütter die Schwangerschaft und die Geburt durchleben.

Was Mitwisser aber nicht ausschließt?
Ich vermute, diese Frau hat das Wissen nie mit jemandem geteilt. Hätte sie Mitwisser gehabt, wäre es viel wahrscheinlicher, dass etwas bekannt geworden wäre, Leute reden nun mal, besonders über solche belastenden und ungewöhnlichen Begebenheiten.

Katharina denkt oft an ihre leibliche Mutter. Und umgekehrt?
Eher nicht. Ich glaube, dass bei der Mutter ein Verdrängungsprozess stattgefunden hat. Auch, um besser mit unangenehmen Gefühlen wie Schuld und Scham umgehen zu können. Bis zum vollständigen Vergessen kann das allerdings nicht gehen.

Wenn sie weitere Kinder haben sollte: Könnte sie ihnen trotzdem eine liebevolle Mutter sein?
Auf jeden Fall.

Sollte Katharinas leibliche Mutter tatsächlich diese Geschichte lesen, wird sie wieder an damals erinnert werden. Was wird sie tun?
Das wird ganz wesentlich davon abhängigen, in welcher Situation sie heute ist, ob es ihr einigermaßen gut geht oder nicht. Wir wissen ja nicht einmal, ob sie überhaupt noch lebt. Im besten Fall gelingt es ihr jetzt, sich bei ihrer Tochter zu melden, sehr vorsichtig, sehr behutsam, sehr langsam – um ihr dann zu erklären, was damals die Umstände waren, die sie dazu gebracht haben, sie auf diese Mülltonne zu legen. Das würde, glaube ich, eine große Last von ihr nehmen. Und sicherlich natürlich auch Katharina entgegen kommen – denn sie möchte das ja endlich wissen.

Interview: Anette Lache

Wissenscommunity