Schulprobleme "Coole Schule" will Lust auf Schule machen


Rund eine halbe Million Schüler in Deutschland schwänzen nach Schätzungen von Fachleuten regelmäßig den Unterricht.

Wenn Fabian Weiß (Name geändert) nicht pünktlich zur Schule kommt, klingelt sein Handy. Sein Lehrer ist dran und will wissen, wo er steckt. Der Zwölfjährige ist einer von zehn so genannten Schulverweigerern, die in einer eigens eingerichteten Klasse der Frankfurter Paul-Hindemith-Schule wieder Spaß am Lernen bekommen sollen. Die Gesamtschule beteiligt sich zusammen mit vier Schulen in Berlin, Freiburg, Osnabrück und dem thüringischen Sömmerda an dem bundesweiten Praxisforschungsprojekt "Coole Schule - Lust statt Frust am Lernen".

Beginn krimineller Karrieren

Ziel des vom Deutschen Verein (DV) für öffentliche und private Fürsorge getragenen und der Deutschen Bank Stiftung unterstützten Modellprojekts ist es, bundesweit 48 Sechst- bis Achtklässler bis zum Schuljahr 2004/05 wieder in den Regelunterricht einzugliedern. Zudem sollen Leitlinien für den Umgang mit Jugendlichen erarbeitet werden, die der Schule allmählich den Rücken kehren. Rund eine halbe Million Schüler in Deutschland schwänzen nach Schätzungen von Fachleuten regelmäßig den Unterricht. "Damit beginnen oft kriminelle Karrieren", berichtet Projektleiter Josef Faltermeier.

12,5 Prozent der Jugendlichen in Deutschland haben 2001 die Schule ohne Abschluss verlassen, in den 15 EU-Ländern war es im Schnitt sogar fast jeder fünfte. Allein an deutschen Haupt- und Sonderschulen fehlen laut einer Studie der Bertelsmann- und Hertie-Stiftung durchschnittlich bis zu 20 Prozent der Schüler mehrere Wochenstunden unentschuldigt. In ihren Augen drifteten Schulwelt und Lebenswirklichkeit immer weiter auseinander. "Sie sehen in der Schule keinen Lebensort, an dem es sich zu beteiligen Sinn machen würde", sagt Faltermeier. "Coole Schule" setzt an diesem Punkt an.

Lebensweltorientierter Unterricht

"Wir versuchen, einen lebensweltorientierten Unterricht zu gestalten und zu fragen, wo die Interessen der Jugendlichen sind", berichtet Lehrer Peter Stößinger von der Hindemith-Schule. Dafür erarbeitet er mit seinen Schülern individuelle Lehrpläne. Zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Schütz, einigen Fachlehrern und zwei Sozialarbeiterinnen unterrichtet und betreut er die 12- bis 14- Jährigen. Der ganztägige Unterricht beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück, bei dem der Tagesablauf besprochen wird. Die Brötchen bringt mit, wer Schwierigkeiten hat, pünktlich zu sein. 45-Minuten- Stunden gibt es nicht. Statt Noten bekommen die Jugendlichen in den ersten beiden Halbjahren schriftliche Beurteilungen.

Im Stundenplan stehen viele praktische Übungen, aber auch Sport oder Computer: So gestaltete die Gruppe unter Anleitung von Fachleuten fünf Wochen lang einen Spielplatz neu - von den Erdarbeiten bis zur Bildhauerei. In einem Video hielten die Schüler die Arbeiten fest und bearbeiteten den Film anschließend. Den eigenen Gruppenraum richteten sie sich selbst ein, zunächst mit Flächen- und Maßstabsrechnung auf Papier, dann als Modell. Die Einrichtung suchten sie aus einem Möbelkatalog aus, das finanzielle Budget fest im Blick. Mit einer Musikpädagogin erarbeiten die Jugendlichen derzeit einen Rap mit passender Choreografie.

Exkursionen in Bibliotheken

Exkursionen etwa in Bibliotheken oder Ausstellungen gehören auch zum Unterricht. "Viele waren noch nie in einem Museum", berichtet Bettina Long. Die Sozialarbeiterin und ihre Kollegin haben sich auch soziales Training mit den Jugendlichen und Lebensplanungsprojekte vorgenommen. Einen großen Teil ihrer Arbeit machen aber Gespräche aus - mit den Schülern, ihren Eltern oder der Jugendhilfe.

Wie stark Schulverweigerung mit sozialen Problemen einher geht, sei den Konzept-Entwicklern zunächst nicht bewusst gewesen, sagt Stößinger. So war anfangs nur eine Sozialarbeiter-Stelle pro Schule vorgesehen, inzwischen kam an allen fünf Standorten noch eine halbe dazu. Die meisten der 48 Schüler wohnen in so genannten sozialen Brennpunkten und haben massive Probleme zu Hause, wie eine Erhebung des DV ergab. Fast 60 Prozent werden von der Jugendhilfe betreut, oft intensiv. Das Gros lebt bei nur einem Elternteil, meist zusammen mit dessen neuem Partner und anderen Kindern. "Viele haben schwierige soziale und materielle Lebensverhältnisse", sagt Faltermeier. Dies wirke sich stark auf ihr Leistungsverhalten aus. Daher müssten die Probleme der Schüler Gegenstand des Unterrichts sein.

Feuer und Flamme

Die Jugendlichen an der Hindemith-Schule spricht "Coole Schule" offenbar an: "Nicht alle sind immer Feuer und Flamme", sagt Stößinger. Die meisten kämen aber regelmäßiger zum Unterricht als vorher. "Wir sind einfach freier", freut sich Fatima (14). Fabian meint: "Hier kann man sich viel besser konzentrieren." Die kleine Klasse mit meist zwei Anleitern gleichzeitig ist für die Jugendlichen aber auch Stress, wie Stößinger beobachtet hat. "Die Möglichkeiten, in einem Klassenverband mit 25 unterzutauchen, sind viel größer."


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