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Solartechnik: Marburgs Solar-Kreuzzug gegen Heizkosten

Solar-Novum im Bundesgebiet: In Marburg wollen die Grünen Solaranlagen auf Gebäuden zur Pflicht machen. Bürgermeister Franz Kahle hofft im stern.de-Interview, den vier Stromriesen damit eins auszuwischen und meint, auch die Oma von nebenan könne sich eine Solaranlage leisten.

Marburg schreibt als erste Stadt Solaranlagen auf neuen und sanierten Dächer vor. Wie kamen Sie auf die Idee?

Solartechnik ist in Marburg allgemein gut verankert und schon auf vielen öffentlichen Gebäuden angebracht. In der Solarbundesliga sind wir auf Platz 14, wenn man nur Gemeinden mit über 70.000 Seelen betrachtet. Dabei haben wir sehr viele Photovoltaikanlagen zur Stromerzeugung, aber nicht ganz so viel solarthermische Anlagen zur Wärmeerzeugung auf unseren Dächern. Da wir gemerkt haben, dass die Solartechnik in Marburg auf starke Resonanz stößt, haben wir uns gefragt: Was können wir tun, um noch mehr solare Anlagen auch auf Privathäuser zu bekommen? Heraus kam die Solarsatzung.

Mit dieser Satzung verdonnern Sie Ihre Bürger dazu, auf neuen und sanierten Dächern Solaranlagen anzubringen. Ist dies nicht ein Eingriff in die Eigentumsfreiheit?

Schon jetzt gibt es zahlreiche Vorschriften, die das Baurecht konkretisieren wie zum Beispiel die Energieeinsparverordnung. Die schreibt unter anderem vor, dass Neubauten Mindeststandards bei der Wärmedämmung erfüllen müssen. Und es gibt Marburg-spezifische Vorschriften: In der Altstadt müssen Dächer zum Beispiel mit Biberschwanz- oder Naturschiefer-Ziegeln gedeckt sein. In bestimmten Neubaugebieten dürfen Hausbauer nur rote oder schwarze Ziegel benutzen. Solche Vorschriften schränken die Eigentumsfreiheit viel weiter ein als die geplante Solarsatzung. Den Aufruhr wegen der Satzung kann ich deswegen nicht so ganz nachvollziehen.

Gibt es Ausnahmen?

Ja: Wenn zum Beispiel ein Dach nur nach Norden ausgerichtet ist oder eine solarthermische Anlage nicht mit dem vorhandenen Wärmekonzept vereinbar wäre. Dann ist eine thermische Anlage keine Pflicht, es kann aber unter Umständen eine Photovoltaikanlage gefordert werden.

Sie wollen auch eine Ausnahme erlauben, wenn eine Solaranlage das Stadtbild verschandelt. Gilt das denn nicht allgemein für solche Anlagen?

Nein. Grundsätzlich sind solche Anlagen auf Dächern sicher auch eine ästhetische Frage - ich finde die meisten herkömmlichen Anlagen schön. Daneben existieren viele neue Produkte, die vor allem in denkmalgeschützte Dächer integriert werden können. Und davon sind schon einige in unserer Oberstadt, das heißt der Altstadt, angebracht. Verschandeln ist daher das falsche Wort. Allerdings wollen wir Anlagen in jedem Einzelfall genau prüfen, die vom Schloss aus zu sehen sind oder die auf markanten historischen Häusern angebracht werden sollen. Verhindern wollen wir zum Beispiel Anlagen, die blenden, wenn die Oberstadt von bestimmten unteren Teilen der Stadt angeschaut wird.

Eine Solaranlage kostet mehrere Tausend Euro. Treiben Sie damit nicht die Oma von nebenan in den Bankrott?

Es gibt bereits auf Bundesebene einen Zuschuss zu solarthermischen Anlagen. Den regelt das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Pro Quadratmeter steuert das Amt 60 Euro und insgesamt mindestens 410 Euro bei. Im Endeffekt kann das für eine thermische Anlage auf ein paar Tausend Euro hinauslaufen. Die Stadtwerke Marburg geben außerdem pauschal 250 Euro hinzu. Für Photovoltaikanlagen gibt es günstige Kredite bei der KfW. Auch wenn das nicht die gesamten Kosten abdeckt, ist es doch eine finanzielle Erleichterung. Und so eine Anlage, ob thermisch oder elektrisch, rechnet sich ja auch auf Dauer - wobei das natürlich auf den individuellen Wärme- beziehungsweise Wasserverbrauch ankommt.

Gibt es auch spezielle Programme für Geringverdienende?

Nein. Aber auch Geringverdienende können von der Bundes- und Lokalförderung profitieren.

Frau Merkel predigt den Klimaschutz - aber kommt bei Ihnen davon genug an?

Bedingt. Seit Jahren doktert die Bundesregierung an dem sogenannten Bundeswärmegesetz rum. Damit will sie eine Pflicht zum Einsatz erneuerbarer Energien einführen. Das Gesetz ist zwar ein Sprung in die richtige Richtung, springt aber zu kurz: Es soll nur für Neubauten gelten. Und in Deutschland sind nun mal 80 bis 90 Prozent der Häuser Altbauten. In Marburg liegen wir noch über dem Durchschnitt. Solche Altbauten sind meist schlecht gedämmt und zum Teil auch schlecht zu dämmen wegen des Denkmalschutzes. Und wenn künftig der Liter Benzin fünf Euro kostet, kostet der Liter Heizöl drei Euro - da kann doch keiner mehr seine Heizkosten zahlen! Deshalb muss ein Wärmegesetz her, dass die Dämmung von Altbauten und den Bau solarer Anlagen nicht nur stärker fördert, sondern auch zwingend fordert.

Ist die Solarsatzung auch eine Maßnahme zur Wirtschaftsförderung in Marburg?

Natürlich gibt es in der Region einige Herstellerfirmen, die davon profitieren werden. Dadurch werden Arbeits- und Ausbildungsplätze gesichert. Auch bundesweit werden Firmen mehr Aufträge bekommen. Viel wichtiger ist bei der ganzen Sache aber, dass das lokale Handwerk mitgenommen wird: Auch Installateure sollten in Zukunft noch stärker Solartechnik empfehlen. Das lenkt die Entwicklung in die gewünschte Richtung und gleichzeitig entwickelt die gesamte Branche noch höheres Fachwissen in diesem Bereich.

Vernichten Sie dadurch nicht Jobs in anderen Bereichen, etwa in der traditionellen Energiegewinnung?

Einerseits sind Solaranlagen zwar eine gute Investition, brauchen aber eine gewisse Wartung. Heizungsinstallateure werden daher nicht überflüssig, auch wenn wir mit der Sonne heizen. Was andererseits die negativen Seiten angeht, so hoffe ich, dass unsere Solarsatzung endlich einmal den großen Vieren in Deutschland "schadet" - das heißt den Stromriesen RWE, ENBW, Eon und Vattenfall. Es wäre schön, wenn wir zeigen könnten: Kern- und Kohlekraft sind nicht so unersetzlich, wie sie hingestellt werden.

Was haben Sie denn gegen die Stromriesen?

Die vier Großen haben natürlich Interesse, dass Endverbraucher von ihnen produzierten Strom kaufen. Zum Beispiel unterstützen sie Stromheizungen. Um Strom zu erzeugen, ist ein hoher Primärenergieeinsatz nötig. Das heißt, es werden große Mengen fossiler Brennstoffe verbraucht und mit der Abwärme Flüsse und Luft aufgeheizt. Solaranlagen sind da der natürliche Feind der Stromriesen: Damit können Bürger dezentral ihren eigenen Strom und ihre eigene Wärme produzieren und das wollen die Riesen natürlich nicht. Ganz widersetzen können sie sich dem Trend jedoch nicht: zumindest Eon und ENBW steigen jetzt auch in Photovoltaikanlagen ein. Und obwohl sie sich dadurch ins eigene Fleisch schneiden, ist das gut für ihr Image.

Wie müssen wir uns das ganze vor Ort vorstellen - stehen bei Ihnen die Bürger vor der Tür und demonstrieren?

Natürlich gibt es Gegenstimmen - alles andere wäre auch seltsam. Feindselige Attacken auf der Straße oder böse Zettel in meinem Briefkasten muss ich jedoch nicht fürchten. Es gibt deutlich mehr Zustimmung als Ablehnung. Was kritische Nachfragen angeht, teilt sich das grob in drei Gruppen: Die Einen fragen nach Zuschüssen, die Nächsten, ob auch auf ihr verschattetes Dach eine Solaranlage muss und die Dritten sind ideologisch dagegen.

Interview: Lisa Louis

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