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Spendenportal: Shoppen fürs gute Gewissen

Sie glauben an die Macht des Konsums und wollen damit Bedürftige unterstützen: Wer beim Care Club Gläser oder Kreuzfahrten kauft, spendet automatisch an Hilfsprojekte seiner Wahl - eine Idee, die selbst den aktuellen Friedensnobelpreisträger vor den Monitor gelockt hat.

Von Niels Kruse

Wer zu spät kommt, der wird nicht immer bestraft, sondern manchmal auch belohnt. So wie die kleine Firma Care Club aus Hamburg. Monatelang haben deren Gründer an ihrem Shop herumgebastelt, aber wie so häufig bei Onlineprojekten, bremste die widerspenstige Technik mehr als einmal den Start aus. Bis jetzt, Anfang Juni.

Dann kam der Zufall plötzlich in Person des Friedensnobelpreisträgers Mohammed Junus herbei. Der Bankier aus Bangladesch war zu Gast beim Visionsgipfel in Berlin, einer Art Globalisierungsexperten-Treffen im Vorfeld des G8-Gipfels, und hörte von dem Vorhaben der Hamburger. Offenbar angetan von der Idee, Spenden mit Shopping zu verbinden, drückte er von der Hauptstadt aus den Startknopf und hinterließ eine Handvoll Fotos mit stolzen Gründern.

Ein Besuch, der alles überstrahlt

"Sein Besuch überstrahlt natürlich alles", sagt Care Club-Macher Jochen Holtrup. Dass sich solche Prominenz in die deutsche Provinz verirrt, kommt nicht alle Tage vor, vor allem nicht, um ein völlig unbekanntes Internet-Geschäft zu eröffnen. Der PR-Coup ist aber auch kollegiale Hilfe für den Spendenshop. Denn das in Europa einmalige Portal beschreitet neue Wege im Bereich des so genannten Social Entrepreneurship, dem sozialen Unternehmertum.

Die Idee des Care Club lässt sich mit einem simplen Slogan zusammenfassen: Shoppen fürs gute Gewissen. Die Firma bietet Waren an, von denen Teile des Verkaufserlös' an Hilfsprojekte abgegeben wird. Die Konsumenten wiederum bestimmen selbst, wohin das Geld fließen soll. "Wir sind eine Gemeinschaft, die es so bisher nicht gegeben hat", sagt Holtrup, "eine Gemeinschaft aus Kunden, Produktpartnern, und Charity-Organisationen mit dem Ziel, Dritten zu helfen."

Angebot noch überschaubar

Soweit der Plan. Zurzeit ist das Angebot auf den virtuellen Regalen des Care Club noch reichlich überschaubar: Es gibt Weingläser von Leonardo für 17,95 das Paar, Massageöl für 9,95 Euro die Flasche, Solar-Universalladegeräte für 249 Euro das Stück, Minikreuzfahrten von DFDS Seaways für 500 Euro der Trip. Der so genannte Charityanteil reicht von knapp zwei Euro beim Massageöl bis zu 120 Euro bei den Kreuzfahrten.

Dem Handel will der Care Club aber nicht an den Karren fahren. Die Waren sind genauso teuer, das Angebot ist begrenzt, und es kann sein, dass die Produzenten dem Charity-Portal Aktionsware anbietet. Holtrup will gerade nicht, "dass die ganze Welt nur noch bei uns einkauft."

Wieviel die Unternehmen vom UVP, von der unverbindlichen Preisempfehlung, für den guten Zweck abzweigen, bleibt ihnen selbst überlassen. Nach Willen des Care Clubs sollte der Anteil zwischen 25 und 35 Prozent liegen, davon behalten die Spendeneintreiber einen kleinen Teil für ihre Unkosten ein. Der Gläserhersteller Leonardo etwa führt die Händlermarge ab, wie Unternehmenssprecher Felix Gittermann sagt. Bei seinen Weingläsern wären das 6,95 Euro.

Mit den Mitteln der Marktwirtschaft andern zu helfen, ist Anspruch aller Sozialunternehmer. Social Entrepreneurship wurde durch die Hilfsorganisation Ashoka bekannt, die Anfang der 1980er Jahre vom ehemaligen Unternehmensberater William Drayton und Mohammed Junus gegründet wurde. Profite sind ausdrücklich erwünscht, aber nicht um des Profits selber willen, sondern eben für karikative Zwecke. Dass das funktioniert, hat nicht zuletzt Friedensnobelpreisträger Junus vorgemacht, der in seiner Heimat den Armen mit Mikrokrediten unterstützt.

Auch die Care-Club-Macher wollen weg von dem herkömmlichen Almosen-per-Gießkanne-Prinzip und appellieren an die Charity-Organisationen: "Kommt bitte weg vom Bitten und Betteln, stellt Euch dem Wettbewerb und erkennt, dass Ihr durch Eure Arbeit in den Projekten ein Wirtschaftsgut für einen Markt zu bieten habt", sagt Holtrup. Er und seine drei Mitgründer messen Hilfsorganisationen mit der kapitalistischen Latte: Sie, die Helfer, haben ein Image zu verkaufen. Das bisherige Image, die Bilder, die Rotes Kreuz, Diakonie und Co. gerne transportieren, ausgezehrte afrikanische Kinder etwa, die auf verdörrten Böden hocken, vermitteln den Care Clubber allerdings zu viel Gutmenschen-Kitsch, der auf abstraktes Mitleid setzt.

Die Hanseaten unterstützen dagegen konkrete Projekte. Wie etwa "Design für Africa", das Slumbewohnern in Nairobi hilft, aus wieder verwertbaren Materialien neue Alltagsprodukte zu entwerfen. Diese und die dutzend anderer Hilfsvorhaben mussten sich mit einem Businessplan bewerben. "Da gehört rein: So und so viel Geld haben wir für Transport ausgegeben, soviel brauchen wir vor Ort und so weiter. Da muss eine absolute Transparenz herrschen", so Holtrup. Auf die Seriosität achten internationale Nichtregierungsorganisationen wie Terra Network oder Gexsi, die im Auftrag des Care Clubs die Bewerbungen prüfen. Transparenz ist das Zauberwort der Spendenindustrie. Für Daniela Felser von Deutschen Spendenrat, einem Prüfsiegelverein der Branche, steht und fällt der Erfolg aller Charity-Angebote damit, wie nachvollziehbar der Weg ist, den das gespendete Geld geht. Um den größtanzunehmenden Durchblick zu behalten, bauen Holtrup und seine Kollegen auf die Interaktivität des Internets: Die Organisationen müssen die Verwendung der Spenden beim Care Club und im Netz dokumentieren. Die Kunden stimmen darüber ab, wie zufrieden oder unzufrieden sie mit der Hilfs-Arbeit sind. Und auch darüber, welche Projekt überhaupt in die Auswahl kommen. Das heißt natürlich auch: Gespendet werden kann nur für die jeweils vorgebenden Angebote.

Nicht alle Unternehmen, die angesprochen wurden, wollten beim Care Club mitmachen. Der Videospiel-Riese Nintendo etwa. Oder dem Strumpfhersteller Falke. "Den einen passt unser Konzept nicht in ihre Marketingstrategie, anderen ist das alles zu neu und ungewiss", sagt Holtrup. Auch wenn die Club-Betreiber an die Macht des Konsums glauben, wissen sie eigentlich selbst nicht so genau, was passieren wird. Aber sie hoffen auch auf die Macht der Netz-Gemeinde und überlässt "die Entwicklung den Usern".

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